Postplatonische Pornographie

von Augušt Maria Neander, 07.01.2007, 14:37 Uhr (Freiburger Zeitalter)

Die hergebrachte Pornographiedefinition ist schmutzig. Pornographie stellt Sex als Sex um der Erregung willen dar. Sexualität wird reduziert auf den Akt: Partnerschaft, Liebe, Gefühle werden ausgeblendet, Frauen (und hier treffen sich konservativer und feministischer Mainstream-Diskurs) als Objekt dargestellt. Anstand, Sitte, öffentliche Moral, unsere Kinder sind in Gefahr.

Formal ist damit Pornographie umschrieben. Pornographie ist ein Kampfbegriff. Pornographie, das sind »die anderen«, sei es die Linke, sei es das Patriarchat. Der Pornographievorwurf, der Pornographiebann ist Aufwallung des gerechten Volksempfindens. In nuce liegt die Wirkmächtigkeit – im Sex. Pseudokantianische Argumentationsfiguren von einer Objektivierung der Frau sind nur Firnis. Es geht tatsächlich allein – um Sex.

»Sex« heißt aber vor allem: radikale Leiblichkeit. Radikale Leiblichkeit bricht in eine in zwei Jahrtausenden geübte vulgärplatonische Kultur ein.

Wenn der Heilige Vater immer wieder die Kontinuität von griechischer Philosophie und Christentum anspricht, so stimmt dies nur bedingt. Zwar dominieren in der Theologie die Griechen (»In Logica & Philosophia & Naturali, & Morali & Metaphysica, doctrina Aristotelis sequenda est«, heißt es in den Constitutiones Societatis Iesu, hier zitiert nach einer Ausgabe von 1615) – eigentlich ist aber das Christentum denkerisch radikal antigriechisch: das »Wort vom Kreuz« ist den Griechen eine »Torheit« (1 Kor 1, 23), glaubwürdig gerade deshalb, weil seine radikale Leiblichkeit es unanständig macht gegenüber des totaliter aliter des absolut transzendenen Deus absconditus. (Tertullian legt darüber Zeugnis ab in seiner Schrift »De carne Christi«: »Credibile […] quia ineptum« , nicht wie von Kierkegaard kolportiert »credo quia absurdum«)

Wie kommt es von dort zur Pornographie? Die früh- und, so hier Bekenntnistexte gestattet seien, tatsächlich christliche Theologie der radikalen Leiblichkeit mühte sich mit der Gnosis ab, in der Erlösung heißt: Erkenne, daß du Geist bist. Der Leib ist eine schlechte Hülle. Geistige Stütze der Gnosis ist der Vulgärplatonismus, eine teils krude Melange aus aristotetlischem und platonischen Gedankengut. Zentral und stilbildend für unser Thema ist die totale und absolute Transzendenz Gottes, dem parallel die Trennung von Leib und Seele.

Die Gnosis wurde als Irrlehre verworfen. Dennoch: Das perfide Einleuchtende des Argumentationsmusters des Leib-Seele-Dualismus wurde wirkmächtig, und erst in den letzten beiden Jahrhunderten gab es Bewegungen, diese Fesseln abzuwerfen (exemplarisch genannt seien Nietzsche, Merleau-Ponty und Michel Henry).Was macht den Leib-Seele-Dualismus so perfide einleuchtend? Der Dualist stiehlt sich bequem aus der Theodizee (denn Leid entsteht

erst aus Leiblichkeit), so er glaubt, und aus dem Sturz ins Nicht des Existenzialismus, so er nicht glaubt, und rettet sich in Weltverachtung zugunsten des »Eigentlichen«, des Geistigen.

Dieser vulgärplatonische Generalbaß spielt in jede Interpretation. Ein für den Pornographiebegriff wichtiges Beispiel: Die vielgescholtene »christliche Leibfeindlichkeit«. Gerne wird Paulus herangezogen, um sie zu begründen, wendet er sich doch deutlich gegen die Unzucht (im Urtext: porneia). Seine Argumentation ist aber gerade nicht leibfeindlich, sondern radikal leiblich, sieht er doch den Leib als Tempel des Herrn. (1 Kor 6, 13) Diese Absicht ist in ihrer Historizität zu verstehen: für den Judenchristen Paulus, der die äußeren Reinheitsgebote

gerade hinter sich gelassen hat (vgl. Apg 10), sind die Reinheitsgebote nun leibimmanent und entsprechen der Sexualmoral seiner Zeit; mit einer Neubewertung von Sexualität (die ironischerweise gerade eigentlich platonisch wäre, vgl. Platon, Symposion, 189 d-193 d), basierend auf einer affirmativen Leiblichkeit, bleiben seine Worte bestehen, ohne daß sie klassisch gegen die Sexualität verstanden werden müßten. (porneia, was neben der klassischen Bedeutung »Hurerei« und der unbestimmt-moralisierenden »Unzucht« gerade im biblischen Kontext immer auch Abgötterei heißen kann, könnte, modern gewendet, damit vielleicht viel mehr auf etwa Schönheitswahn als auf selbstbestimmte Sexualität zielen.)

Hier ist der Wendepunkt unseres Vorhabens zu sehen: Ernstgenommene Leiblichkeit muß Sexualität affirmieren. (Kirchenamtlich wurde diese Wendung angedeutet mit Johannes Pauls II. »Theologie des Leibes«) Damit ist der Gedankengang sowohl mit dem wissenschaftlichen Diskurs wie mit der Praxis auf einer Linie: Der feministische Diskurs ist nicht allein Schwarzersches »PorNO« (eine klassische vulgärplatonische Kampagne), sondern mittlerweile differenziert; stellvertretend genannt seien die spanischen »Girls who like porno«, die sich gegen jede Gleichsetzung von Sexualisierung mit Entwürdigung wenden. Für die Praxis sprechen Projekte des Empowerments wie selbstverwaltete und selbstgestaltete, dabei affirmierte offensive Darstellung von Sexualität (hier exemplarisch: vegporn.com).

Adaption Angelus Novus
Georg Frost: Adaption von P.Klee, “Angelus Novus” (1920)

Der alte Begriff Pornographie trägt nicht mehr. Was sich als Moralität und gesundes Volksempfinden geriert, ist vulgärplatonisches Wüten, das letzten Endes (und wir befinden uns nun auf der Zielgeraden zu Kant) den Leib objektiviert. Objektivierung des Leibes ist die vulgärplatonische Formulierung von Menschenwürde: Indem der Leib als bloßes (wenn überhaupt) Mittel identifiziert wird, wird der Geist in seiner totalen subjektiven Qualität hochgehalten.

So wird Geistigkeit dann zwar als höheres Gut (im Wortsinne:) idealisiert, als »eigentliche« Formulierung von Würde; es spricht aber der menschliche Grundkonstante der Leiblichkeit Hohn: Leiden wird spiritualisiert, transzendiert, und was der -ierungen und Wirrungen mehr ist – und damit Leidensfähigkeit geringgeachtet. Ein vulgärplatonischer Angelus novus blickt zwar auch auf die angehäuften Katastrophen der Geschichte, aber nicht mit Schrecken, sondern Gleichgültigkeit.

Dagegen eine postvulgärplatonische Würdekonzeption: Leib und Seele als Einheit, die Zweck an sich sind. Wesentlich ist hier die Konzeption des Menschen (der eigentliche Gegenbegriff zu Leib-Seele-Dualismus) als Subjekt eigener, freier Vollzüge – diese Vollzüge beinhalten damit auch eine Hoheit über sich selbst.Wer freiheitlich sich entscheidet, seinen Freiheitsvollzug in der ostentativen Darstellung von Lust zu verwirklichen, hat das Recht dazu, insofern damit andere nicht geschädigt werden. – Einem Gegeneinwand gefühlter Empirie sei tatsächliche gegenübergestellt: Die Verfügbarkeit von Pornographie korrelliert mit der Häufigkeit von Sexualverbrechen. Liberale Zugangsmöglichkeiten gehen ohne Ausnahme mit niedrigeren Sexualverbrechensraten einher. »Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit« erweist sich gerade mit modernem Sprachgebrauch, der unter Aufklärung in erster Linie Sexualaufklärung versteht, immer noch als wahr. Nicht unterdrückte, sondern reflektierte Sexualität schützt die Moral.

Will man Pornographie als normativen Begriff beibehalten, für das, was sanktioniert, was ausgemerzt, was verboten werden muß, so bleibt mit einer kantianisch inspirierten Würdeformel unter einer Wertschätzung von Leib und Seele nicht eine spezielle Sittlichkeitsgesetzgebung zu fordern, die kontingente Moralvorstellungen (etwa zu Homosexualität; man verfolge die Geschichte des § 175 StGB), sondern vielmehr fast schon banale liberale Einsichten: Bestraft wird, was die Freiheit des anderen beschneidet. Würde darf dabei nicht von außen gesetzt werden – was geschieht, wenn jede reduzierende Darstellung von Sexualität sanktioniert wird und den Darstellern so ein Würdeverlust oktroyiert wird -, sondern im Vollzug der (ob potentiellen oder aktualen) Freiheit. Freiheitsvollzug ist in dieser Konzeption die einzige positive Bestimmung der Natur des Menschen. Alles andere (etwa: Homosexualität, Oralsex, Crossdressing ist widernatürlich.) ist Beschränkung von Freiheitsvollzug.

Ganz praktisch heißt das: eine pornographische Darstellung, die auf dem Konsens der Beteiligten beruht, hat nicht sanktioniert zu werden. Hier wird Würde qua Freiheit vollzogen.

Für eine Würdeverletzung kommt es umgekehrt auch nicht auf besondere Qualitäten des Dargestellten (und schon gar nicht ästhetischen!) an. Ob ein erigierter Penis dargestellt wird, ist für die normative Einordnung in kantianische Kategorien von Pornographie irrelevant.

Allein, ob der Dargestellte in seinem Freiheitsvollzug gehindert wird, ist relevant. Es braucht keine inhaltliche Bewertung von Pornographie, sondern eine des Hintergrundes. Damit wird aber auch das vorherige Schlüsselkriterium Sexualität unwichtig: der kantianisch bestimmte Pornographiebegriff engt zwar in einer Richtung ein, in anderer weitet er den klassischen aber gewaltig. Vieles, was mangels Sexualität bisher unverdächtig erschien, wird problematisiert.

Kantianisch bestimmte Pornographie kann, solange es Zwangs- und Abhängigkeitsverhältnisse gibt, nicht ausgeschlossen werden. Es bleibt also nur der Appell an das je einzelne moralische Subjekt, das nicht mehr vulgärplatonische Verhaltenskodizes der Leibfeindlichkeit als Maßstab der Moralität seines Medienkonsum annimmt, sondern kantianische, die Freiheit und Leiblichkeit ernstnehmen. Vor dessen innerem Gerichtshof wird dann auch klar, daß etwa die Boulevardpresse völlig legal und von den Trägern des gesunden Volksempfindens millionenfach qua Kaufentscheidung gebilligt der größte Pornographieproduzent überhaupt ist.

Postplatonische Pornographie: Das heißt, nicht in der Darstellung eines erigierten Penis den Untergang des Abendlandes zu sehen, sondern in der Bild-Zeitung. Du kannst, denn du sollst.

Der Autor hat eine weiterführende Linkliste zum Thema zusammengestellt.


Dieser Text ist die unveränderte Fassung des Beitrags „Postplatonische Pornographie“ aus LW22.

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