Luzide Argumentation vs. Glaube der Satten

Podiumsdiskussion „Hochschule der Zukunft – Zukunft der Hochschule“ am 11.05. mit Prof.Hartmann und Minister Frankenberg.

von Timotheus Schneidegger, 11.05.2005, 20:42 Uhr (Freiburger Zeitalter)

 

Am 11.05., dem zehnten Tag der Freiburger Rektoratsbesetzung, traf BaWüs Ausbildungsminister Peter Frankenberg mit Prof.Dr. Michael Hartmann, Soziologe und Elitenforscher von der TU Darmstadt, in der Stadthalle Freiburg zusammen, um vor rund 1.000 wütenden Studierenden über die Reformierung des deutschen Hochschulsystems, insbesondere über deren vornehmstes Aushängeschild, die Einführung allgemeiner Studiengebühren zu diskutieren. Das gesittete Wortgefecht wurde vornehmlich mit Zahlen und ausländischen Fallbeispielen ausgetragen, die ja nun wahrlich zu drehen und zu wenden sind, wie es einem in den Text passt.

Hartmann und Frankenberg in der Podiumsdiskussion am 11.05. (weitere Bilder in den Galerien, siehe Dossierübersicht).

 

Dieser aber holperte bei Frankenberg, dem einzigen im Saal, der den neoliberalen Voodoozauber als Segen für die Bildungswelt preisen musste, gewaltig. Hartmann ging als Sieger nach Punkten hervor, schon weil er, im Gegensatz zu seinem Gegner, keiner seiner Argumentationen das „Ich glaube…“ oder „Wir müssen…“ voranstellte und sich nicht ununterbrochen in den Konjunktiv flüchtete, sondern zur Illustration der Folgen einer Bildungspolitik, wie sie in den CDU-regierten Ländern betrieben wird, nur auf die asozialen Verhältnisse in den USA, Großbritannien, Australien und Österreich verweisen musste. Den Irrealis verwendete Hartmann dann, wenn es sein musste, allerdings gerne und angesichts der Starrheit des politischen Diskurses zurecht, nämlich wenn es ihm darum ging, Alternativen aufzuzeigen. Er beschrieb, in welchem Ausmaß sich die Führungsriege der Republik – ob in Politik, Wirtschaft oder Universität – schon jetzt über soziale Selektion reproduziert (d.h. hier nicht ficken, sondern nur die nach oben zu lassen, die aus der gleichen Ecke kommen wie die, die schon da sind), die durch Studiengebühren noch weiter verschärft würde. Anstatt mit ihnen die tatsächlich unterfinanzierten Hochschulen des Landes sanieren zu wollen und damit die Geldnöte nicht effektiv lindern zu können, sowie zugleich die übrigen Probleme im Bildungssektor zu verschärfen, wäre es weitaus vernünftiger, die Bestverdienenden (von denen nahezu jeder studiert hat) mit erhöhten Spitzensteuersätzen und die Unternehmen (die ach so händeringend nach hochqualifiziertem Nachwuchs verlangen) mit erhöhter Kapitalsteuer zurück in ihre gesellschaftliche Verantwortung zu holen. Ein Konzept, das leider von Lobbyisten just jener Eliten, die unter sich bleiben und der Politik eine Steuererleichterung nach der anderen abpressen, mit einer dem Gerede von „gesellschaftlicher Verantwortung“ Hohn sprechenden Normalität unterlaufen wird.

 

Frankenberg kehrte abends zurück in den kleinen Kreis derer, die man kennt, die man schätzt, und die ihm nicht darin widersprechen, jetzt endlich mal mit der kostspieligen Solidargesellschaft Schluß zu machen und sich um die zu kümmern, die für ihren sozialen Status aufkommen können. Wer nach dieser Diskussion noch immer nicht den Widersinn von Studiengebühren und dem hinter ihnen stehenden Verständnis von Bildungspolitik erkannt hat, muß in der CDU oder hirntot sein. Und das ist definitiv kein ausschließendes Oder. –

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