Die beste Serie

Die Güte eines Kunstwerks lässt sich nicht messen, nur erläutern. Umgekehrt ist der Erfolg mancher Unterhaltungsprodukte offensichtlich, aber schwer erklärlich. Was wählen, wenn man Kultur und Zerstreuung in einem wünscht, und davon nur das Beste?

von Marc Hieronimus

 

Das Beste ist so eine Sache, überhaupt der Superlativ. Ein relatives Höchstmaß lässt sich nur bei wenigen Eigenschaften wie Höhe, Breite, Länge, Temperatur, Geschwindigkeit feststellen. Darum wohl haben Sprachen noch andere Möglichkeiten, Adjektive zu steigern. Im Deutschen haben wir bekanntlich idiomatische Wortverbindungen wie rabenschwarz, mausetot, eiskalt, um eigentlich nicht steigerbaren Wörtern mehr Stärke zu verleihen. Im Türkischen gibt es dafür eine aus phonetischen Gesetzmäßigkeiten mehr oder weniger ableitbare Vorsilbe:

kırmızı (rot) – kıpkırmızı (knallrot, „rorot“)

dolu (voll) – dopdolu (rappelvoll, „voppvoll“)

yaş (nass) – yamyaş (klitschnass, „nappnass“)

temiz (sauber) – tertemiz (blitzsauber, „samsauber“)

çıplak (nackt) – çırçıplak (splitternackt, „narnackt“)

mor (lila) – mosmor (???)

Man fragt sich, wie lange es noch dauert, bis die deutsche Produktwerbung die Form auch bei uns einführt. Denn die Propaganda des Kapitalismus mit ihrem Budget, ihren Künstlern und Wissenschaftlern hat schon oft durch Vermassung regionaler Besonderheiten oder durch Wortneuschöpfung (unkaputtbar) die Sprache verändert und wäre längst der superlativste Ort überhaupt, wenn der Gesetzgeber sie nicht in die Schranken wiese. Duplo ist einem alten TV-Spot zufolge darum nur vermutlich „die längste Praline der Welt“, und weil sich jeder Spruch irgendwann abnutzt, wurde aus dem Süßkram erst die längste Praline des Universums (vermutlich), dann hat man es ganz drangegeben.

Dabei ist Länge ja messbar. Der Witz und Trick, wie Ferrero sich unangreifbar macht, ist die Bezeichnung ihres Schokoriegels als Praline. Wenn ich den Rhein als den längsten Bach Europas bezeichne, ist das auch kaum widerlegbar. Die Donau ist länger, aber sie ist kein Bach. Der Rhein auch nicht? Und Duplo ist keine Praline? Da wir jeder sprachlichen Äußerung Bedeutung unterstellen („sei relevant“ lautet die oberste der Grice’schen Konversationsmaximen), suchen wir in solchen Fällen wie generell bei uneigentlichem Sprechen nach einem zweiten, tieferen Sinn. Im Beispiel: Lassen Sie sich nicht täuschen, Duplo ist eine Praline (und als solche vermutlich die längste der Welt), sie sieht nur aus wie ein Schokoriegel. Es geht um ein Alleinstellungsmerkmal. Und darum, das meiste Naschi zu verkaufen.

Messbar ist mehr, als man denkt, z.B. auch Drogengüte (die besten Halluzinationen erzeugt wohl DMT, am heldenhaftesten fühlt man sich mit Heroin), aber kein Superlativ bleibt bestehen. Ja, es gibt in der phyischen Welt wohl keinen einzigen alten, nicht eingeholten Rekord: Was sind die sieben Weltwunder gegen das, was heute gebaut wird? Sind bzw. kommen wir nicht, von der ungeheuren Lebenserwartung einiger Bibelgestalten einmal abgesehen, in allem größer, schneller, weiter? Selbst im Immateriellen, in der Welt der Kunst, wo sich Superlative fast verbieten, scheinen mir viele Klassiker in den letzten Jahren verblasst zu sein.

Musikalisch geht noch einiges (LW66), aber bislang Bestes lässt sich durchaus nennen. Es ist wenig originell, die Beatles der Jahre von 1965 bis 1968 die innovativste und am nachhaltigsten prägende Popmusikformation aller Zeiten (bis heute) zu nennen, aber weiß der Laie auch, warum die Fab Four den Titel verdienen? Die vier Komponisten (ja, auch George Harrison und Ringo Starr) haben ab 1965, also mit dem Verzicht auf Live-Konzerte (bei denen sie immer öfter von ihren kreischenden Fans übertönt wurden) gemeinsam mit ihrem Produzenten George Martin (dem „fünften Beatle“) ausgelotet, was ging. Es ging just zu ihrer Zeit technologisch und kompositorisch eine Menge Neues, und wer als Erster kommt, ist auch auf lange Zeit erstmal der Beste. Nicht zu unterschätzen ist außerdem die Inspiration durch Drogen, namentlich Cannabis (hier war Bob Dylan der Initiator) und LSD, aber sie schwammen auch auf einer Welle allgemeinen Aufbruchs. In der richtigen Zeit, unter den richtigen Produktionsbedingungen ist beinah alles möglich.

Das scheint auch für Literatur und Geisteswissenschaft zu gelten. Arno Schmidt schwärmte vom Höhepunkt des deutschen Denkens und Dichtens, als Goethe, Herder, Wieland, Klopstock, Lessing sowie (der von ihm wenig geschätzte) Schiller gleichzeitig wirkten, und jede fast immer nur im Nachhinein festgelegte „Literaturepoche“ hat ihre Sterne. Wer aber ist der beste Autor aller, auch zukünftiger Zeiten? Ich tippe auf Shakespeare, auch weil er, wie noch auszuführen ist, zu seiner Zeit sehr erfolgreich war. Heute freilich bewegen Musik und v.a. Literatur weit weniger als damals. Man verbringt seine Zeit mit Serien.

 

Der Welt.

Wie soll eine Fantasygeschichte größer und besser erzählt werden als Game of Thrones (USA 2011-2019)? Es fängt schon mit dem Wortspiel im Namen an: game bedeutet neben Spiel auch Jagdwild, und in den acht Staffeln à zehn einstündige Folgen ist jeder einmal Wild und Jäger. Man kann sich zwar bei kulturindustriellen Massenprodukten darauf verlassen, dass am Ende das Gute siegt, aber welche/r Gute all die Intrigen und das fortdauernde Gemetzel überlebt und wer überhaupt gut ist, bleibt fast bis zuletzt offen. Große, aber nie überzogene Spannungsbögen, viele gute, einige brillante Einfälle (die späte Auflösung, warum der zurückgebliebene Hodor immer „Hodor“ sagt, ist unvergesslich), coole Sprüche, Heldenhaftes, Phantastisches, all das könnte den Erfolg der Serie erklären: Der Herr der Ringe für Erwachsene, mit Horror, Sex und Crime. Die Bauten, Kostüme, Massenszenen, die Animationen der Drachen und Untoten tun ihr Übriges. Aber wenn G.o.T. sich wirklich wie die beste Serie anfühlt, dann eben weil sie so heftige Gefühle hervorruft, und zwar insbesondere Angst, Sympathie und Rachegelüste: Die Bösen müssen und werden allesamt sterben. Zu Beginn der Serie mag die Zuschauerin sich noch mehr Rechtsstaat und -empfinden wünschen, in Staffel sechs ist man längst so abgestumpft und abgerichtet, dass man sich lachend die Hände reibt, wenn der Sadist R.B. von seinen eigenen Bluthunden lebendig gefressen wird. Game of Thrones appelliert an die niedersten und besten Instinkte, und/aber was wir auf dem Weg über unsere Affekte lernen (sollen?) ist die Unvermeidlichkeit von Gewalt in einer korrupten Welt, und wenn es dauerhaft besser werden soll, muss der ganze Saustall ausgemistet und das Übel mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Was machen die zigmillionen Zuschauer damit und was macht das mit ihnen? Ja, vielleicht erklärt sich die Enttäuschung der Fangemeinde über die finale Folge gerade mit dem Gefühlshaushalt: Auch die sympathischen Racheengel müssen sterben, erst dann kehrt Ruhe ein – und der bis dahin mitgerissene binge watcher beginnt zu gähnen.

So oder so, Game of Thrones wird auf lange Zeit die beste Fantasyserie bleiben und ist, solange der Eindruck noch frisch ist, mindestens Anwärter auf den Titel „Beste Serie allgemein“; aber dann schaut man eine – fast möchte man sagen: irgendeine – andere vielgelobte Serie, z.B. Babylon Berlin, und möchte jedes über das Messbare hinausgehende Urteil wieder relativieren und allgemeiner fragen: Warum reißen uns Serien überhaupt so mit? Das schöne Geld (das, sei erinnert, jeweils nicht für Bildung, Artenschutz oder etwas anderes zumindest auch Sinnvolles ausgegeben wird) erklärt schon vieles: Wunderschöne, manchmal grausig-schöne Menschen in maßgeschneiderter authentischer oder Phantasie-Kleidung in bestem Licht vor (täuschend) echten Fassaden an herrlichen Drehorten rund um den Globus können gar nicht anders als dem Betrachter zu gefallen. Alles ist auch so gut, weil die Planung und Ausführung aller Details auf Spezialistengruppen verteilt wird. Dann die Identifikations- und Abgrenzungspotentiale von geradezu therapeutisch-kathartischem Charakter… Warum gibt es Serien eigentlich erst so kurz?
Und aller Zeiten.

Macht arm, aber sexy, Quatsch: glücklich: Comics sammeln.
(Photo: Marc Hieronimus)

Sehr viel länger als im Bezahlfernsehen, deutlich länger auch als im TV überhaupt sind Serien im Medium Comic verbreitet. Egal, ob man dessen Ursprung, wie viele Fachleute es tun, im Mittelalter (Teppich von Bayeux), in der römischen Antike (Trajanssäule) oder gar noch weiter in der Vergangenheit verortet (ägyptisches Totenbuch, gewisse Höhlenzeichnungen), die ersten Comics im engeren Sinne stammen von Rodolphe Töpffer (1799–1846) und Wilhelm Busch (1832–1908), und als Serie treten sie erstmals um 1900 als sonntägliche Zeitungsstrips auf. Schon kurz nach R.F. Outcoults unansehnlichem, aber sehr erfolgreichem Yellow Kid, das ab 1895 erst im Hause Pulitzer, dann beim Konkurrenten W.R. Hearst erschien (John Foster Kane in Citizen Kane), entstanden Meisterwerke wie die heute wiederentdeckten Little Nemo (Winsor McCay 1905) und Krazy Kat (George Herriman 1913). Anders als die meisten Fernsehserien sind diese gemalten Streifen (bandes dessinées) in sich abgeschlossen; es ist gelegentlich hilfreich, aber nicht notwendig zu wissen, was bisher geschah, und generell eignen sich Comicserien folglich auch sehr viel mehr zur Wiederlektüre, sind das bessere (beste?) Serienmedium.

Welche aber ist nun die beste Comicserie? Donald Duck aus der Feder Carl Barks’ ist zweifellos ein Kandidat – nicht umsonst widmet die Deutsche Organisation der Nichtkommerziellen Anhänger des Lauteren Donaldismus (D.O.N.A.L.D.) seit 1977 ihre Arbeit der Erforschung Entenhausens mit dem erklärten Ziel, „den Donaldismus als Universalphilosophie in unserer Gesellschaft zu verankern“. Das sieht nach intellektueller Blödelei aus und ist es vermutlich auch, aber auch die (etwas) ernster zu nehmende Wissenschaft konstatiert, was jeder unverbildeten Leserin einleuchtet: Barks war ein witziger, tiefgründiger, gutmütiger Menschen- bzw. Entenkenner, dabei ein genialer Zeichner und Geschichtenerzähler zugleich, was nicht oft zusammenkommt – wie Uderzo und Goscinny (Asterix) in einer Person. Allerdings richtet sich D.D., anders als das Gros der Comics, vorwiegend an Kinder.

Ein ganz anderer Held trägt zufällig (?) die gleichen Initialen, womit ich zu meinem persönlichen Favoriten komme. Die italienische Comicserie Dylan Dog erscheint seit 1986 ununterbrochen. Bis heute gibt es exakt 402 reguläre Bände, dazu eine Reihe in Farbe, Sammelbände mit je drei Geschichten und eine Reihe, in der verstreut veröffentlichte, z.T. kleinere Geschichten zusammengefasst werden – von allen drei Formaten gibt es jeweils über drei Dutzend, was auf insgesamt rund 600 Abenteuer hinausläuft, die fast immer wieder überraschen und begeistern. Der deutschsprachige Leser hat das Unglück, nur einen Teil der Hefte von drei verschiedenen Verlagen kaufen zu können, die überdies die Abenteuer koloriert und in willkürlicher Nummerierung herausgebracht haben.

Dylan Dog ist „Alptraumdetektiv“ und löst Fälle an der Grenze zum Übernatürlichen und Unmenschlichen. Der immer neu verliebte Tierfreund, Vegetarier und Abstinenzler wird von Groucho Marx unterstützt – oder jedenfalls einem Imitator desselben. Über die Jahre lernt der Leser einige weitere seiner Unterstützer kennen, darunter den Inspektor Bloch, das Medium Madame Trelkowsky und den Erfinder H.G. Wells [sic!], darüberhinaus gibt es gelegentlich Querverweise zu früheren Alben mit den entsprechenden Pro- und Antagonisten. Das war es eigentlich. Woher die Faszination?

Dylan Dog ist ein guter Mensch mit starken Prinzipien und vielen Schwächen. Er trägt immer die gleichen Klamotten, fährt einen VW Käfer, verträgt weder Schiffs- noch Flugreisen, hat Angst vor Fledermäusen, Höhe und Enge, zögert aber im Ernstfall nie, sich seinen Phobien auszusetzen. Seine Gegner hingegen, die Alpträume seiner Klienten und v.a. Klientinnen, sind Manipulatoren, Massenmörder, verrückte Forscher und nicht selten finstere Kräfte aus dem Jenseits, aus anderen Dimensionen oder von noch ganz anderswoher. Der Comic ist lustig (Groucho), sexy (Dylans Verlobte für ein (Comic-)Abenteuer), düster, philosophisch, oft grandios gezeichnet, dabei hervorragend geleitet vom Erfinder Tiziano Sclavi, der auch viele Geschichten geschrieben hat und vom Verlagsleiter, der die Autoren (nur) wenn nötig auf Linie bringt und über die Jahrzehnte das richtige Maß an Neuerung gefunden hat. Keine Geschichte ist banal oder gar schlecht, viele sind umwerfend. Zu den faszinierendsten gehören jene, in denen die Erzählung selbst in Frage gestellt wird: Vielleicht hat Dylan nur geträumt – oder wurde geträumt… Mein Bestreben, sie alle zu lesen (und zwar im Original), zeichnet mich gewiss als voreingenommen aus; die Tatsache, dass ich eigentlich gar keine Comics sammle und längst nicht mehr mit, sondern für Dylan Dog italienisch lerne, bezeugt aber, wenn nicht die objektive Qualität, so doch zumindest eine gewisse Tiefe der Reihe. Und das ist nicht wenig, verglichen mit sagen wir Fix & Foxy. […]

 

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Lichtwolf Nr. 69 („Über“)

Den vollständigen Essay sowie viele weitere Texte und Illus zum Thema “Über” finden Sie in Lichtwolf Nr. 69.

Die Ausgabe ist erhältlich als Paperback im DIN-A4-Format sowie als E-Book für Kindle und im epub-Format.


Dieser Text ist die gekürzte Vorschau des gleichnamigen Essays aus LW69.

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