Für das Recht gekämpft und gestorben

Als Sokrates für die attische Demokratie in den Peloponnesischen Krieg zog, war sie kaum noch eine. Nach seiner Rückkehr musste der Veteran ihren Verfall in die Tyrannei miterleben und sich  schließlich zum Tode verurteilen lassen.

von Georg Frost

 

„Am Anfang packt jeder schärfer zu, und damals war viel Jugend im Peloponnes, viel in Athen, die nicht ungern, da sie ihn nicht kannte, den Krieg aufnahm.“

– Thukydides, Der Peloponnesische Krieg, 2,8

Sokrates (469–399 v. Chr.) gilt nahezu allen Philosophen positiv oder negativ als eigentlicher Begründer dieser Disziplin. Sein Leben und Wirken dürfte für die abendländische Geschichte ähnlich einflussreich sein wie die Jesu. Wie dieser hat jener bekanntlich keine Werke verfasst, seine Lehren sind uns hauptsächlich durch seine Schüler überliefert. Ähnlich dürftig bis prekär ist die biographische Quellenlage: Diogenes Laertius hat aus antiken Quellen die wenigen Fitzelchen zusammengetragen, die über das Leben des Sokrates zu finden waren. In den Dialogen Platons findet sich das Übrige und wenig Hieb- und Stichfeste: Die weitere Gemeinsamkeit von Sokrates und Jesus besteht schließlich in der von ihren Anhängern aufgehübschten Biographie. Der Komödiendichter Aristophanes fügt unterhaltsame, wenig schmeichelhafte Anekdoten über Sokrates hinzu, die gleichfalls unzuverlässig sind. Einerseits wurde sein Stück „Die Wolken“ geschrieben, als Sokrates 46 Jahre alt und im Krieg war. Andererseits erweckt Platon den Eindruck, Aristophanes habe mit seiner Darstellung  dazu beigetragen, dass der alte Sokrates dafür zum Tode verurteilt wird, die Jugend vom Wehrsport abgehalten zu haben, der im kriegsbedrängten Athen Vorrang vor Himmels-, Erd- und Wetterkunde haben sollte.

Sokrates als Hoplit

Im fünften vorchristlichen Jahrhundert war Athen dank der klugen Führung durch Perikles die Vormacht der Attischen Demokratie und kulturelles Zentrum Griechenlands geworden. Der brodelnde Hexenkessel zu Füßen der im Bau befindlichen Akropolis zog neben den Sophisten auch diverse große Denker an, die die vielfältigen Einflüsse, das offene Klima und nicht zuletzt den Wohlstand zu schätzen wussten.

Sokrates’ Mutter war die Hebamme Phainarete, auf deren Beruf er sich mit seiner Maieutik – also der Kunst, dem Gegenüber im Gespräch bei der Geburt eines neuen Gedankens zu helfen – zu beziehen pflegte. Der Steinmetz oder Bildhauer Sophroniskos war der früh verstorbene Vater des Sokrates, der dem Jungen ein kleines Besitztum im südöstlich vor Athen gelegenen Alopeke hinterließ. Zuvor lernte Sokrates beim Vater noch das Kunsthandwerk, von dem ihn jedoch „eine große Neugierde nach der Philosophie“ ablenkte, wie Hegel schreibt und fortfährt: „Er trieb seine Kunst nur, um Geld zum notdürftigen Unterhalt zu gewinnen und sich auf das Studium der Wissenschaften legen zu können.“

Arm war die Familie nicht: Dafür spricht zum einen die gründliche Ausbildung, die der junge Sokrates genoss, zum anderen sein Wehrdienst als Hoplit. Angehörige dieser militärischen Einheit mussten die Kosten für ihre Ausrüstung selbst aufbringen und diese war so schwer, dass sie jener den Namen gab: Der ὁπλίτης (hoplítēs) stammt von ὅπλον (hóplon)‚ dem Kriegsgerät. Hopliten traten in einer Phalanx gegen einander an, und zwar in stundenlangem Hin- und Hergeschiebe. Die Seite, die den Strapazen als Erste nicht mehr standhalten konnte, musste auf der Flucht ihre schweren Schilde von sich werfen, die den gesamten Oberkörper abdeckten und oft das Wappen der Polis trugen, welcher der Träger entstammte. Gut möglich, dass auf dem Schild des Sokrates eine Eule abgebildet war, um ihn als Athener auszuweisen.

Bewaffnet war ein Hoplit mit einer mindestens zwei Meter langen Lanze als Primär- und einem Schwert als Sekundärwaffe. Wir sehen die Krieger aus dem Film „300“ vor uns und in der Tat waren diese wie die Hopliten mit Beinschienen, Brustpanzer und einem Helm ausgestattet, den ein Kammbusch zierte, der vom Hahn im Manne zeugt. Je vermögender der Hoplit war, desto aufwändigere und schickere Panzerung konnte er sich gönnen. So betrachtet ist der Titel der Reihe „Philosophen in Uniform“ im Falle von Sokrates’ militärischer Laufbahn unzutreffend, denn Hopliten wie er waren ausgesprochen individuell ausgestattet.

Der Peloponnesische Krieg

Ion von Chios berichtet über die Teilnahme des jungen Sokrates an der militärischen Expedition Athens gegen Samos zwischen 441 und 431 v. Chr., bei der er den Anaxagoras-Schüler Archelaos getroffen habe. Sokrates hätte sich demnach in seinen Dreißigern erste militärische Sporen verdient. Hegel erwähnt – durchaus lobenden Tones –, dass Sokrates „die Pflicht, sein Vaterland zu verteidigen, die er als atheniensischer Bürger hatte, erfüllte“. Halbwegs gesichert, nämlich durch verschiedene Quellen belegt, ist demnach, dass Sokrates als nicht mehr ganz so junger Hoplit in den Peloponnesischen Krieg zog und dort zehn Jahre blieb.

Athen und seine Verbündeten rangen von 431 bis 404 v. Chr. mit dem Peloponnesischen Bund unter Führung Spartas um die Vorherrschaft in Griechenland. Nach diesem griechischsprachigen Weltkrieg würde die attische Demokratie am Boden liegen. Aber wenigstens wurde der Krieg zur Geburtsstunde der Geschichtsschreibung, nämlich als Gegenstand von Dokumentation und Analyse durch Thukydides (454–399/396 v. Chr.), dessen Chronik für die europäische Geschichtsschreibung vorbildlich wurde und das heutige Wissen über Ursachen und Verlauf des Kriegs bestimmt.

Zu Beginn des fünften vorchristlichen Jahrhunderts hatte sich der attische Seebund unter Athens Ägide erfolgreich gegen die Perser verteidigt. Seither diente er dem Ausbau von Athens Hegemonie in der Ägäis, was zu wachsenden Spannungen mit Sparta und seinen Verbündeten führte. Die erfolgsverwöhnte attische Demokratie neigte zu leichtsinnigen Entschlüssen und außenpolitischer Großmannssucht, die sich in überheblichem Auftreten auch gegenüber Verbündeten zeigte. Für Hegel hängt das Verderben der griechischen Welt mit der „für sich frei werdende[n] Innerlichkeit“ zusammen, die schöne Lyrik und die mit Sokrates Form annehmende Liebe zur Weisheit, aber auch den Zweifel und den Streit begünstige. In einer ausgeglichenen Demokratie ganz schön, in einem zersplitterten Polis-Verbund eher so mittel.

Sparta und seine Verbündeten waren dem in seiner kulturellen, politischen und nicht zuletzt finanziellen Blüte stehenden Athen auf See zwar unterlegen, verfügten aber über die größere Landstreitmacht und eine straff oligarchische Herrschaftsstruktur. Der Weg in den Krieg erinnert an den Sommer 1914: Der Argwohn zwischen den einzelnen Poleis mit ihren geopolitische Rivalitäten, traditionelle Feindschaften und komplizierten Bündnisverflechtungen ergab ein brenzliges Gemisch. Korinth baute im Konflikt mit Kerkyra (Korfu) im ionischen Meer eine Flotte auf, von der sich Athen bedroht sah, das wiederum einen Handelsboykott gegen seinen Erbfeind Megara verhängte. Korinth und Megara drängten ihren Bündnispartner Sparta im Sommer 432 v. Chr. zum Handeln. Spartas König Archidamos II. bemühte trotz immer ungeduldiger werdender Bündnisgenossen noch die Diplomatie mit Athen, aber der dortige Perikles war zum Waffengang entschlossen, um – wie Aristophanes und Thukydides mutmaßen – von innenpolitischen Problemen abzulenken.

Der Krieg brach aus mit dem Überfall von Spartas Verbündeten Theben auf seinen Nachbarn und Athens treuen Verbündeten Plataiai im Frühjahr 431 v. Chr., der nach vierjähriger Belagerung in der völligen Zerstörung dieser Polis endete, die als Symbol des erfolgreichen Widerstandes gegen die Perser galt.

Aufgrund der athenischen Unterlegenheit an Land setzte Perikles ganz auf einen Seekrieg und eine Blockade zur Zermürbung Spartas. Archidamos II. setzte seinerseits auf die Stärke Spartas, um Athen durch Belagerungen und Verwüstungen des Umlands zur offenen Feldschlacht zu zwingen oder zumindest zu belagern. Sparta konnte diesen Erschöpfungskrieg länger durchhalten als Athen, wo ein Vermögen für den Unterhalt der Flotte aufgewandt werden musste und ein Jahr nach Kriegsbeginn Typhus ausbrach, dem auch Perikles zum Opfer fiel.

Damals verfügte Athen laut Thukydides über 13.000 Hopliten – darunter auch Sokrates. Er war beteiligt an der ersten Kriegsphase, dem archidamischen Krieg (benannt nach dem spartanischen König und Feldherrn), der von 431 v. Chr. bis 421 v. Chr. andauerte und mit dem Nikiasfrieden endete. Für Sokrates, der bis dahin keine Notwendigkeit sah, seine Heimatstadt zu verlassen, war es eine Selbstverständlichkeit, als Hoplit für Athen und die attische Demokratie zu kämpfen. Ihm wird nicht entgangen sein, wie sehr Demagogen und der einstige Retter der Demokratie, Perikles auf den Krieg gedrängt hatten, der im Rest Griechenlands als Überfall einer arroganten Großmacht verstanden wurde. Überzeugt davon, dass ein Entschluss, der nach den Gesetzen der attischen Demokratie zustande gekommen war, Recht sein muss, beteiligte sich Sokrates an der Belagerung von Potidea (431–429 v. Chr.) sowie an den Schlachten von Delion (424 v. Chr.) und Amphipolis (422 v. Chr.).

Potidea 431-429

Potidea wurde um 600 v. Chr. von Siedlern aus Korinth auf der griechischen Halbinsel Chalkidiki gegründet. Die Handelskolonie lag an einem nur einen Kilometer breiten Übergang zur Halbinsel Kassandra. Obwohl Mitglied des attischen Seebundes, pflegte Potidea weiterhin gute Beziehungen zur mit Sparta verbündeten Mutterstadt Korinth. Als die Spannungen im Vorfeld des Peloponnesischen Kriegs wuchsen, verlangte Athen von Potidea, alle korinthischen Beamten auszuweisen und die Mauern zu schleifen. Das lehnte die Kolonie ab und trat aus dem attischen Bund aus, woraufhin die Athener die Stadt nach einer Belagerung im Jahr 430 v. Chr. einnahmen und fast bis Kriegsende halten konnten.

Der Perikles-Neffe Alkibiades, der als späterer Feldherr mit der sizilischen Expedition 420 v. Chr. Athens Streitkräfte vollends an die Wand fahren sollte, erzählt im Symposion, wie er Sokrates, den er zuvor eher skeptisch betrachtet hatte, vor Potidea als Kampfgefährten schätzen lernte. Dieser nämlich ertrug die Entbehrungen, die eine Belagerung fern der Heimatstadt mit sich bringt, mit größter Gelassenheit. Hunger machte ihm ebenso wenig zu schaffen wie der Frost der Wintermonate vor den Mauern Potideas, an die Sokrates per Schiff gelangt war.

Er blieb im Felde aufmerksam und meist für sich. Wenn man ihn doch mal zu einem Saufgelage überreden konnte, trank er alle unter den Tisch, von dem er sich ohne zu wanken erhob. Den übrigen Kriegern erschien Sokrates als wunderlicher Kerl, der tage- und nächtelang grübelnd auf einem Fleck stehen konnte. Im Gefecht selbst erwies er sich als ausgesprochen tapfer: Er rettete dem verwundeten Alkibiades das Leben und bestand anschließend darauf, dass dieser als der Höhergestellte an seiner Statt für seine Tapferkeit ausgezeichnet werde.

Delion 424

Die Schlacht von Delion ist die einzige mit Beteiligung Sokrates’, die durch Thukydides ausführlich  beschrieben wird. Hier versuchten 424 v. Chr. Truppen Athens unter Demosthenes und Hippokrates einen Zangenangriff von Land und See aus auf die an Spartas Seite kämpfenden Truppen Böotiens und Thebens. Allerdings landete Demosthenes’ Flotte, bevor Hippokrates seine etwa 7.000 Hopliten herangeführt hatte, und musste sich wieder zurückziehen. Hippokrates ließ nahe dem Apollo-Tempel von Delion im Osten Böotiens eine befestigte Stellung errichten, der unter anderem die Mauern und Weinberge des Heiligtums zum Opfer fielen. Der größte Teil der Truppen zog nach getaner Arbeit ab, was die Böotier mit dem Angriff zögern ließ. Ihr Feldherr Pagondas war allerdings fest entschlossen, die Athener auch auf fremdem Boden zu stellen und ihren Stützpunkt zu schleifen.

Laut Thukydides bestand Pagondas’ Heer aus 1.000 Reitern, 10.000 Leichtbewaffneten und 7.000 Hopliten, die sich im Schutze der Hügel näherten. Hippokrates‘ dagegen musste sich auf seine Hopliten verlassen: Die Reiterei war in der Festung verblieben und durch böotische Truppen gebunden, während die Leichtbewaffneten auf dem Marsch nach Hause schneller vorangekommen waren als die Hopliten, unter denen auch Sokrates war, der sich bei der Eroberung Potideas seine Meriten verdient hatte. Noch während Hippokrates durch die Reihen seiner Hopliten ging, um sie auf den gefährlichen Marsch durch feindliches Gebiet einzustimmen, stürmten die Böotier mit Schlachtgesang die umliegenden Hügel hinab.

Trotz seines taktischen Nachteils (Kampf bergauf) konnte der rechte Flügel der Athener den linken Flügel bestehend aus Truppen der Poleis Thespiai, Tanagra und Orchomenos zurückdrängen. Da die Hopliten vor Delion noch nicht über einheitliche Schilde verfügten, kam es im Getümmel wohl auch zu dem, was heutzutage „friendly fire“ genannt wird – trotz oder wegen des anfänglichen Erfolgs der rechten Athener Flanke. Die andere Flanke hatte es schwerer gegen die Thebaner, deren Heerführer Pagondas schließlich seine Reiterei in die Schlacht warf. Deren Anblick war zu viel für die erschöpften Hopliten und sie ergriffen die Flucht. Böotische Truppen verfolgten sie bis zum Stützpunkt vor Delion, den sie zwei Wochen lang belagerten, bis 2.000 korinthische Hopliten zur Verstärkung eintrafen und die Stellung der Athener in Brand setzten. Als Demosthenes mit seiner Flotte erneut eintraf, waren die Bodentruppen Athens vernichtet oder vertrieben. Sein Feldherrenkollege Hippokrates hatte mit 1.200 seiner Männer den Tod gefunden.

Sokrates gehörte ebenso zu den Überlebenden wie Alkibiades und Xenophon, dem Sokrates das Leben rettete, nachdem sein späterer Schüler vom Pferd gestürzt war. Mit dabei war auch der in Ungnade gefallene Feldherr Laches, der als einfacher Hoplit mitgekämpft hatte und später im gleichnamigen Platon-Dialog neben dem friedensstiftenden Feldherrn Nikias über die Erziehung und die Tugenden diskutiert.

Alkibiades bestaunte beim Rückzug von Delion einmal mehr die Tapferkeit des Sokrates: In seiner schweren Rüstung wäre er ein leichtes Opfer für den nachstellenden Feind gewesen. Sein Kampfgefährte Laches war deswegen ständig der Panik nahe und Alkibiades froh um das Pferd unter seinem Hintern, das diesen im Falle des Falles hätte in Sicherheit bringen können. Sokrates aber marschierte so stolz und entschlossen, dass niemand einen Angriff auf ihn wagte. Bertolt Brecht karikiert die Ehrfurcht vor der Tapferkeit des Philosophen in seiner Kalendergeschichte „Der verwundete Sokrates“. Demnach habe sich Sokrates einen Dorn in den Fuß getrieben, um dem Dienst an der Waffe zu entgehen, aber vor Schmerz und Angst dergestalt geschrieen, dass sich die Feinde eingeschüchtert zurückzogen. Laches jedoch wird sich später laut Platons Aufzeichnungen wünschen, alle Athener hätten den Mut des Sokrates gehabt, dann wäre Delion nämlich gefallen – oder zumindest der athenische Außenposten gehalten worden, um von dort aus Böotien und Theben an Land unter Druck zu setzen.

Die Schlacht von Delion hatte keine strategische Auswirkung auf den Krieg. Allerdings sind aus ihr erstmals militärwissenschaftliche Ansätze überliefert, und zwar in Form von Pagondas’ Aufzeichnungen und Analysen zur Schlachtordnung und zum Einsatz bestimmter Truppenteile. Die bis dahin verpönte Verfolgung eines geschlagenen Gegners durch die Böotier und deren Plünderung der athenischen Gefallenen gilt als eine Inspiration des Euripides für seine 423 v. Chr. in Athen verfassten Hiketiden („Die Schutzflehenden“). Der böotische Zorn rührte indes von der Schändung des Apollo-Tempels durch die athenische Garnison und das diplomatische Nachspiel der Schlacht, in dem die Böotier ihr Heiligtum und die Athener ihre Toten zurückverlangten – und jede Seite die andere des Frevels bezichtigte.

Amphipolis 422

Amphipolis wurde 437 v. Chr. vom athenischen Feldherrn Hagnon in Thrakien gegründet, um die nahegelegenen Edelmetall-Minen zu kontrollieren. Während des Krieges gewann Amphipolis wegen der Einnahmen aus den Bergwerken, der Holzgewinnung für den Schiffbau und seiner strategischen Lage noch an Bedeutung. Amphipolis wurde zum wichtigsten Stützpunkt in Makedonien, zumal die für Athen überlebenswichtige Getreideroute aus der heutigen Ukraine durch diese Region verlief. Die Stadt ergab sich 424 v. Chr. kampflos dem Spartaner Brasidas, bevor der athenische Feldherr Thukydides eintraf und daraufhin ins Exil gehen bzw. der erste Historiker der Menschheit werden musste.

Zur gleichen Zeit, als Sokrates sich auf den Weg zur Rückeroberung von Amphipolis machte, wurde er in Athen von Aristophanes als arroganter Sophist karikiert. Ähnlich wie in Delion hatte sich das athenische Kriegsglück überall im Peloponnes gewendet. Auf den verstorbenen Perikles folgte der ehrgeizige Kleon an die Spitze Athens. Er lehnte jede Verständigung mit den Spartanern ab und versuchte zwei Jahre, nachdem Amphipolis an Sparta gefallen war, die Stadt zu befreien. An dieser Schlacht, in der Kleon und der von den Einwohnern verehrte Brasidas ums Leben kamen, nahm Sokrates teil. Er wird den Tod der beiden Streithähne mit Erleichterung aufgenommen haben. Denn nun war der Weg frei für den Friedensvertrag, für den Kleons politischer Konkurrent Nikias in Athen bis dahin erfolglos geworben hatte.

Im Krieg und vor dem Gesetz die gleiche Haltung

Der Nikiasfrieden verschaffte dem Peloponnes eine Atempause nach zehn Jahren mit äußerster Brutalität geführter Kämpfe, die für den fast 50-jährigen Sokrates nun ein für allemal vorbei waren. Der Krieg war nach den goldenen Jahren unter Perikles eine Katastrophe für Athen, von der sich der zurückgekehrte Veteran ein schmerzliches Bild machen musste. Kameraden und Schüler wie Alkibiades und Xenophon rückten in folgenden Kriegsphasen wieder aus, ohne noch etwas für den Stadtstaat ausrichten zu können. Vom Winter des Jahres 405/404 bis zum April des Jahres 404 wehrten sich die Athener erbittert gegen die Einschließung durch die Spartaner und ihre Verbündeten. Diese Zeit der Entbehrungen wie vor Potidea hatte Sokrates ebenso durchmachen müssen wie das zeitweise Abgleiten der Demokratie in eine Tyrannis.

Der alte Hoplit strebte kein politisches Amt an und hatte dennoch beachtlichen Einfluss als geachteter Gesprächspartner und Lehrer der haute volée Athens, die sich gern mit dem Mittelständler Sokrates abgab. Die Stellung eines Bürgers in der Polis war seit jeher mit seinen Vermögensverhältnissen verknüpft, die sich u.a. in seiner Fähigkeit, Hoplit zu sein, ausdrückte. Dieses timokratische Prinzip wurde von Solon (640– ca. 560 v. Chr.) noch forciert, der die attische Demokratie begründet hatte und nach vollbrachtem Reformwerk das Wanderleben der Herrschaft vorzog.

Hegel, der selbst nie den Kriegsrock getragen hatte, konnte Sokrates’ militärisches Engagement fürs Vaterland nur loben, weil für ihn der preußische Staat das Ideal war. Sokrates sah es ähnlich: Die Polis, für die er sich in die Schlacht warf, verkam zur Tyrannis und entpuppte sich als Aggressor. Dennoch blieb er ihr bis in den Tod treu. Die Tyrannis der Dreißig überstand Sokrates aufgrund seines Hoplitenstatus und seiner – im Vergleich zu anderen alten Kämpen – relativ guten wirtschaftlichen Verfassung, die ihn vor willkürlicher Verhaftung bewahrte. Zwar wurde die Demokratie wiederhergestellt, befand sich aber wegen der andauernden außenpolitischen Bedrohung und der demütigenden Niederlage in höchster Erregung. Der lustige Veteran Sokrates verwirrte die schlichten, erzürnten Gemüter seiner Landsleute auf dem Marktplatz und wurde etwa fünf Jahre nach der Niederlage Athens im Peloponnesischen Krieg wegen Gotteslästerung und Jugendverderbung angeklagt.

Aus Achtung vor dem Gesetz war Sokrates in den Krieg gezogen und akzeptierte – zum Erstaunen seiner Ankläger und Anhänger – mit der gleichen Haltung sein Todesurteil. Alle Angebote, sein Leben durch Flucht zu retten, wies er zurück. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder einen Entschluss missachten könnte, nur weil er ihm nicht passt? Die Demokratie hatte ihn an seinen Platz vor Potidea, Delion und Amphipolis gestellt und nun zum Tode verurteilt. Er wollte sich im Hades nicht als Feigling rechtfertigen müssen, der die Gesetze seiner Stadt nicht achtet.


Dieser Text ist die unveränderte Fassung des Beitrags „Für das Recht gekämpft und gestorben“ aus LW56.

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