Einleitung ins Titelthema „Blumenkraft“

Der Fortpflanzungstrieb, nächst dem Hunger die ernsteste Macht in unserem Leben, kleidet sich bei Mensch und Tier in die Form eines Spiels, der sogenannten Liebe. Und ich habe auch die niedrigeren Lebewesen, die Pflanzen z.B., sehr im Verdacht, daß es ihnen gar nicht darauf ankommt, etwas zu „leisten“: ich glaube, daß einem Apfelbaum seine Äpfel ziemlich unwichtig sind, und daß er seinen Hauptspaß im Blühen und Duften und derlei zwecklosem Unsinn findet.
– Karl Kraus, Die Fackel Nr. 190, 11.12.1905, S. 9

von Timotheus Schneidegger, 20.03.2015, 11:39 Uhr (Zwote Dekade, 1/2)

In den frühen 2000ern wurde der Lichtwolf noch mit Schreibmaschine gemacht und man traf sich dazu in den vollgerümpelten Räumlichkeiten der Freiburger Fachschaft Philosophie. Dort wurde die fröhliche Arbeit u.a. von der Kapelle „Die Ärzte“ begleitet. Die beste Band der Welt hat sich ihren Rang u.a. mit ihrem Gespür für Kompositionsparodien erspielt. Das auf dem Schmutztitel zitierte Lied „Ewige Blumenkraft“ verballhornt das hippie-eske „Let it be“-Geseier mit seinem religiösen Eklektizismus trefflich. In der hochinvestigativen Reportagetrilogie „Illuminatus“ von Robert Anton Wilson und Robert Shea ward überdies zu lesen, der Begriff „Flower Power“ gehe auf Adam Weishaupts Illuminatengruß „Ewige Blumenkraft“ zurück. In Verbindung mit dem Selbstverständnis, das Unkraut in der Freiburger Monokultur zu sein, wurde das Lied so zur inoffiziellen Hymne und über ein Jahrzehnt später auch zum Titelthema des Lichtwolf.

Blumenkraft

Zwar war die Hippiebewegung nach den „Five Summers of Love“ Mitte der 1970er wieder verschwunden, was auch für die sogenannten 1968er Europas gilt. Doch darüber, ob und welchen bleibenden Einfluss sie auf westliche Industriegesellschaften hinterlassen haben, wird bis heute (und auch in diesem Heft) munter gestritten. „Love & Peace“ war besser als Maloche und Notstandsgesetze, beschränkte sich aber oft auch bloß auf die guten, alten Drogen auf rein pflanzlicher Basis und auf eine Nacktkultur, in der wuchernde Scham- und Achselbehaarung sichtbarer Ausweis des Rufs wurde, „der Natur zu folgen“; ein rousseausches Motiv, mit dem Hippies / 68er oft ohne es zu ahnen an die Esoterik der Lebensreform-Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts anknüpften.

Heute wird nicht mehr das Wassermannzeitalter erwartet, sondern das Siebenminutenpils. Jenseits der Bierphysik ist die Blume in der Alltagssprache oft bloß Deko für Garten, Grab und Wohnzimmer. Dem Biologen ist sie „die bestäubungsbiologische Einheit der Blütenpflanzen“, hat also faktisch mit dem Sex zu tun, der sich nur scheinbar metaphorisch in Form von Biene & Blüte, Blümchensex und Defloration um den Begriff rankt. Dieser strotzt nur so vor lyrischer Kraft, weswegen man so gern etwas durch die Blume sagt. Eher unlyrisch dagegen die übers Hippietum hinausgehenden politischen Assoziationen mit der Arbeiterbewegung, die im Zeichen der roten Nelke mehr als Love & Peace wollte und noch weniger dafür erhielt.

Doch Blumen sind zähe Lebewesen. Sie vertragen Verstümmelung, Dürre, Hitze und Kälte; müssen sie auch, denn sie kennen keine Umzugsunternehmen. Mit ihren empfindlichen Wurzeln tasten sie sich Millimeter für Millimeter durch den Erdboden, der aus den kompostierten Überresten ihrer Vorfahren besteht. Das größte und älteste Lebewesen der Welt ist ein Pilz, der eine Ausbreitung von 6,5 km2 und ein Alter von 2.500 Jahren erreicht – zählt aber nicht, weil Pilze in den modernen Taxonomien weder Pflanzen noch Tiere sind. Nichts desto trotz sind Blumen die Hauptsache auf dem Planeten. Pflanzen machen aus Sonnenenergie alles, was der Rest der Welt zum Leben (und zum Tanken) braucht. Überdies besitzen sie eine spezifische vegetative Intelligenz: Der Neurobiologe Stefano Mancuso wies nach, dass Pflanzen einander vermittels Wurzel- und Duftsignale auf dem Laufenden halten und sich mit verwandten Mitpflanzen brüderlich die Ressourcen im Boden teilen. Mehr als 95 Prozent der Biomasse auf dem Planeten sind Pflanzen, was als Romanidee für Frank Schätzing ausreichen dürfte. Zumal sich Blumen wunderbar als literarische Typen oder zumindest Disney-Filmfiguren eignen, haben sie doch genauso Charakter: Es gibt empfindsame wie Primel und Mimose, mondäne wie die Rose, und die Mediziner im Pflanzenreich sind selten von Giftmischern zu unterscheiden.


Lichtwolf Nr. 49

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