Einleitung ins Titelthema Obst

Hausmannskost, August 1918
(…) Billig wie die Brombeern waren / nicht einmal die Brombeern heuer.
Sie zu kriegen, war seit Jahren / guter Rat nicht mehr so teuer.
Vor den Obstgeschäften standen / viele Füchse auf der Lauer;
wären Trauben noch vorhanden, / keinem wären sie zu sauer.
Fruchtlos ferner uns zu fretten, / ward von oben uns geheißen.
Möchten gern, wenn wir ihn hätten, / in den sauern Apfel beißen.
Auch die Zuversicht, sie glaubt nur / täglich noch den schlimmern Wandel.
Fortan kriegt man überhaupt nur / eine harte Nuß im Handel.
Über weitere Annexionen / freuten wir uns ungeheuer,
trügen gern zu allen Thronen / die Kastanien aus dem Feuer.
Und mit diesen Staatsgewalten – / fast hätt‘ ich den Punkt vergessen –
wär‘ es gut, sich zu verhalten / und mit ihnen Kirschen essen. (…)
– Karl Kraus, Die Fackel Nr. 499, 20.11.1918, S. 24f.

von Timotheus Schneidegger, 20.12.2013, 11:24 Uhr (Zwote Dekade, 1/2)

Lebensmittel sind voller Widersprüche. Das gilt – auch wenn es Frutarier leugnen müssen, um nicht zu verhungern – auch für Obst. Es ist einerseits sehr gesund, andererseits auch bei Parasiten beliebt und kann die Butze in Nullkommanix mit Gestank, Schimmel und Fliegen erfüllen, worin es einzig von einer offenen Schale Hackfleisch übertroffen wird. Auch sind sich Ur-Instinkt Frucht und Leibspeise Furcht als beliebte Verleser zum Verwechseln ähnlich.

Lichtwolf Nr. 44 (Obst)

(Illu: Georg Frost)

Die längste Zeit war Obst die einzige halbwegs erschwingliche Süßigkeit und durchaus eine Sensation, die den Hintergrund des prekären Lebens aufscheinen ließ. Lieber fror man im Winter, als einen Obstbaum zu fällen, und wer es doch tat, war des Todes (Skorbut), wie auch so mancher, der in die falsche Stelle biss oder zu früh oder zu spät (Lebensmittelvergiftung, Nematoden). So sind auch Sie, hochverehrte Leserin, als einstige Leibesfrucht, die längst in eigener Blüte bzw. im vollen Saft steht, auch jenseits der Pädagogik durchaus ständig mit der Bewertung von Reifeprozessen beschäftigt: Der vorlaute Rotzlöffel entpuppt sich als frühreif, der Sexklemmer gelangt ebenso spät zur Reife (oder gar nicht; die sog. „leere Nuss“ oder „hohle Frucht“) wie der Sexprotz – und nach der Ausbildungs- kommt die Hochschulreife (Matura). Nach reiflicher Überlegung erkennen wir die in die Sprache eingeschriebene Ehrfrucht vor den mehrjährigen Sträuchern und Bäumen, wenn „die Früchte von …“ als Metapher für das genießbare Ergebnis einer Anstrengung gebraucht wird – dies meist, wenn sich jemand die Trauben in Nachbars Garten, die immer die leckersten sind, aneignet. So beklagte die SPD in ihrem letzten Wahlprogramm ausgiebig, die schwarz-gelbe Koalition habe die arbeitsmarktpolitischen Früchte der rot-grünen Agenda-Reformen geerntet bzw. abgesahnt. (Erdbeeren mit Zucker und Schlag gefällig?)

Fehlen sie, erinnern die Früchte (wie in Krausens Zeilen aus dem WK I) an Zeiten, in denen sie bei der Lebensmittelverschwendung die Hauptrolle spielen (zu groß, zu klein, zu matschig, zu fleckig usw.) und im Alltag ungewürdigte Selbstverständlichkeiten sind. Noch ihr Überfluss wie im Stillleben gemahnt, ihrer Widersprüchlichkeit wie der des durch sie genährten Lebens gewahr zu bleiben. Der Mehltau ist bei Obstbauern ebenso gefürchtet wie im Politbetrieb, wo er metaphorisch Starre und Stillstand anzeigt; Schimmel, Schnecken, Würmer und Maden besiedeln Obst und Gemeinwesen, die verdorben (lat. corruptus) sind.

Verständlich genug also, dass unsere verwirrte Adipositas-Jugend nicht nur deshalb, weil sie von gewissenhaften Erzieher_innen zum Obstverzehr genötigt wurde, den Apfelschnitz zugunsten der Kartoffelchips zurückweist und ganz selbstverständlich Äpfel und Birnen umso besser vergleichen kann, je weniger sie diese zu unterscheiden gelernt hat.

Und damit schließlich zu dem Mann, der das letzte Wort haben muss in dieser Einleitung über die Widersprüche, die Obst zu einem so süßen Gegenstand jeder Philosophie machen:

„Bei dem Anschein der so vielen, verschiedenen Philosophien muß das Allgemeine und Besondere seiner eigentlichen Bestimmung nach unterschieden werden. Das Allgemeine, formell genommen und neben das Besondere gestellt, wird selbst auch zu etwas Besonderem. Solche Stellung würde bei Gegenständen des gemeinen Lebens von selbst als unangemessen und ungeschickt auffallen, wie wenn z. B. einer, der Obst verlangte, Kirschen, Birnen, Trauben usf. ausschlüge, weil sie Kirschen, Birnen, Trauben, nicht aber Obst seien. In Ansehung der Philosophie aber läßt man es sich zu, die Verschmähung derselben damit zu rechtfertigen, weil es so verschiedene Philosophien gebe und jede nur eine Philosophie, nicht die Philosophie sei, – als ob nicht auch die Kirschen Obst wären.“ (Hegel, Enzyklopädie)


Lichtwolf Nr. 44

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