Einleitung ins Titelthema: Experten

Es ist zu erwarten, dass das Expertengeschäft in Zukunft kräftig aufblühen wird. Besonders, wenn die Experten billig werden.
– Karl Kraus, Die Fackel Nr. 33, Feb. 1900, S. 18

von Timotheus Schneidegger, 16.03.2013, 20:56 Uhr (Zwote Dekade, 1/2)

In Platons Charmides-Dialog flirten Sokrates und Kritias nicht nur hübsche Jungs an, sie fragen auch, was Besonnenheit sei. Sachkenntnis zeichnet, so stellen sie fest, die einzelnen Professionen in einem Gemeinwesen aus und „es wäre ein großes Gut für die Menschen, wenn Jeder das täte was er wisse, was er aber nicht wisse, Andern überließe, die es wissen.“ Von einer Herrschaft der Sachkundigen hält Sokrates jedoch nichts. Nützlich sei Sachkenntnis nur, wenn sie von der Erkenntnis des Guten geleitet werde. Für die Staatsführung gilt das allen voran, da ein inkompetenter Schuhmacher nicht so viel Schaden anrichtet wie ein dummer Politiker.

Titelthema: Experten

Entsprechend wies Platon später in der Politeia bei der Frage, was Gerechtigkeit sei, den Philosophen die Aufgabe der Herrschaft zu. Auch hier gilt die Idiopragie der Arbeitsteilung, wonach jeder um der Ordnung und Gerechtigkeit willen das Seine tut – nicht zuletzt die Staatsführung. Sie solle im Idealstaat nicht denen zukommen, die sich mit Geld, Gewalt oder in Wahlen durchsetzen, sondern sich durch philosophische Lebensweise auszeichnen. Die Teilhabe der philosophischen Vernunft an den Ideen des Guten und Gerechten sorge für eine Herrschaft, die allen Bürgern nützt.

Die Fälle, in denen sich Weisheit mit Macht verband, sind so selten, dass sie sich ausführlich noch in den schmalsten Geschichtsbüchern darstellen lassen. Platons Idee, Herrscher müssten eine gewisse Erkenntnis und nicht bloß Sachkenntnis besitzen, blieb aber wirkmächtig. En passant hatte der Nachsokratiker damit die Vorsokratiker abgekanzelt, waren die ihm verleideten „Sophistes“ doch im ursprünglichen Wortsinn die „kundigen Männer“, die sich in etwas besonders gut auskennen – also durchaus Experten (vom lateinischen expertus, „erprobt“). Tatsächlich beriefen sich gerade die Apologeten der Expertenherrschaft sophistisch auf Platons kundigen Idealherrscher. Tommaso Campanellas „Sonnenstaat“ von 1602 und Francis Bacons „New Atlantis“ von 1627 waren solche technokratischen Utopien. Auch der harmoniebedachte Leibniz sah das Ideal einer Philosophenherrschaft erreicht, wenn Entscheidungsträger sowohl über politisches als auch naturwissenschaftlich-technisches Fachwissen verfügen. Erst Christian Wolff rückte 1730 mit „De philosopho regnante et de rege philosophante“ den Anspruch Platons zurecht, der nicht Technokratie forderte, sondern dass „entweder die Philosophen Könige werden …, oder die, welche jetzt Könige und Herrscher heißen, echte und gründliche Philosophen werden, und dieses beides in einem zusammenfällt.“

Platons Philosophenherrschaft hat neben der neuzeitlichen Technokratie noch einen realpolitischen Erben: die Theokratie. Ayatollah Chomeinis Grundlegung über den islamischen Staat, den er nach der Revolution 1979 im Iran errichtete, weicht lediglich der Form und des praktischen Anspruchs nach von der Politeia ab. Gott ist der Souverän, sein im Koran festgehaltenes Wort ist das Gesetz und der oberste Rechtsgelehrte als derjenige, der sich damit am besten auskennt, ist folglich am besten zur weltlichen Herrschaft geeignet. Wie der platonische Philosoph nimmt der Rechtsgelehrte seinen Auftrag nur widerwillig an, da ihm Macht nichts bedeute und die Pflichten der Staatslenkung ihn von der Kontemplation abhalten.

Hier setzte schon Kant in seiner Kneipenschrift „Zum Ewigen Frieden“ zur Kritik an Platons Konzept an. Macht korrumpiert, warnte der Königsberger, und absolute Macht korrumpiert absolut – auch und vor allem die Philosophie. Die klerikal argumentierende iranische Opposition ersetzt lediglich „Philosophie“ durch „Religion“, um den Herrschaftsanspruch der Koranexperten in Frage zu stellen. (So weit hergeholt ist dieser Bezug übrigens nicht; schon Nietzsche sah in Mohammeds Kalifat die arabische Verwirklichung von Platons philosophischem Sittenwächterstaat, siehe „Morgenröthe“, 496.)

Russell und Popper knüpften im 20. Jahrhundert an die kantische Kritik des platonischen Idealstaats an und forderten politische Systeme, die nicht auf die weisesten Herrscher hoffen, sondern mit den dämlichsten rechnen. Dann nämlich lässt sich auch das Finanzministerium des wirtschaftsstärksten Bundeslands von Markus Söder führen, der für diesen Posten – da er weder beruflich noch politisch je zuvor mit Finanzen zu tun hatte – nur durch sein Parteibuch qualifiziert ist. Hätte Bayern eine angeschlagene Landesbank, wäre eine solche Personalpolitik verantwortungslos.

Denn in Krisenzeiten sind Experten gefragt, die mit Sachzwängen umgehen können – und sei es nur in der Form, aus ihnen alternativlose Entscheidungen abzuleiten; um Vertrauen darauf, sie wüssten, was sie tun, brauchen echte (i.e. anerkannte) Experten nicht zu werben. Die Krisen der vergangenen Jahre brachten diverse Expertenregierungen an die Macht: Ökonomen, Militärs oder Umweltwissenschaftler und eben nicht gewählte Politiker gaben ganzen Staaten fach- und sachgerechte Mittel, Wege und Ziele vor.

Dabei müsste ein Ökonomie-Experte wie der Italienretter Mario Monti eher ein „Epistokrat“ (so David Estlunds passende Wortschöpfung fürs 21. Jahrhundert) genannt werden. Experten seines Schlags zeichnen sich heutzutage mehr durch theoretisches oder praktisches Fachwissen als durch besondere Fertigkeiten aus. Die Problemlösefähigkeit der Experten stammt aus Erfahrung und Übung, die dem Novizen abgehen, dem staunenden Laien sowieso.

Drum kann niemand – auch kein Hochbegabter – als Experte geboren worden sein. Experte ist man erst, wenn man ein Fachgebiet durchdrungen hat und dieses Wissen organisieren, ableiten und übertragen kann. Die Dequalifikation ist der natürliche Feind des Experten und der „Universalexperte“ ein Oxymoron.

Die wissenschaftliche Ausbildung drängt – wie die arbeitsteilige Gesellschaft insgesamt – seit vorplatonischen Zeiten zur Idiopragie, zur Spezialisierung, zum Expertentum: „Sowie nämlich die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat Jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muß es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will.“ (Marx, Deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 33)

Bis zum Kommunismus werden die Experten für die Farbe Gelb im Spätwerk Adalbert Stifters immer nur Experten für die Farbe Gelb im Spätwerk Adalbert Stifters bleiben, weil sie immer nur nach der Farbe Gelb im Spätwerk Adalbert Stifters gefragt werden. Als Mietmäuler zur Wahrung der Deutungshoheit eingesetzte Experten neigen dazu, die Ansichten derer zu bestätigen, von denen sie als Experten berufen wurden, und dazu, neue Situationen auf ihnen bereits bekannte zu reduzieren. Gegen solche inhärenten Schwächen des Expertentums helfen weder die ISO-Norm 17024, welche die Anforderungen an die Stellen regelt, die Sachverständige zertifizieren, noch die EuroExpert: Die „European Organisation for Expert Associations“ verlangt vom Experten neben Sachkunde und Erfahrung auch Unabhängigkeit und Integrität sowie die Fähigkeit, Sachverhalte nachvollziehbar in Wort und Schrift zu beurteilen. Aber auch Experten sind beim Abfassen ihrer Urteile nicht frei von der Hoffnung auf Folgeaufträge, denn auch sie haben Mieten zu bezahlen.

Nicht jeder darf sich Sachverständiger nennen, Experte oder Journalist dagegen sehr wohl. Deutschlandradio Kultur nahm sich im Mai 2012 mit einer Sendung von Julius Stucke unter dem Titel „Vertrauen Sie mir, ich weiß wovon ich spreche!“ der Experten an. Hans Peter Peters erklärte als „Experte für das Verhältnis von Experten und Medien“, Wissenschaftler seien normalerweise bloß Forscher. Erst wenn sie von außen befragt werden, werden sie in die Expertenrolle gedrängt – oder gelockt. Mit ihr erhoffen sie sich, Aufklärung leisten – oder Aufmerksamkeit erhalten – zu können.

Auch in den Medien muss bei Krisen (Umwelt, Energie, Finanzen, Terror, Teilchenphysik) schnell ein präsentabler Experte her. Am beliebtesten sind dabei diejenigen, die nicht mit wissenschaftlich gebotener Vorsicht abwägen, sondern in schlichten Worten bestätigen, was die Laien vor der Glotze bereits ahnten. Leicht machen sie dann den Eindruck von Hohepriestern der Wissenschaftsreligion mit ihrem Heilsversprechen, alles ließe sich kontrollieren oder wenigstens vorhersagen (und sei es auch der Kontrollverlust). Die Verachtung der Guido Knopps innerhalb der Disziplin, aus der heraus sie Expertisen liefern, hängt mit solchen Auftritten zusammen. Einerseits neiden die weniger telegenen Forscher ihrem Kollegen die mediale Adelung zum Experten. Andererseits sorgen sie sich um Glaubwürdigkeit und Ruf ihres Fachs, als dessen Vertreter die Knopps in der Glotze herumhampeln.

Das Verhältnis des Laienpublikums zu den Experten ist von anderer Natur. Solange sie die Welt nur verschieden interpretieren, ist alles gut, aber wehe, es kömmt den Experten darauf an, sie zu verändern! Bei den italienischen Parlamentswahlen zeigte sich zuletzt, dass Expertenregierungen nicht beliebt sind. Hierzulande wird vor der Ökodiktatur gewarnt, wenn sich ein Umweltexperte, der dem Erhalt der Biosphäre politischen Vorrang vor dem Wirtschaftswachstum gibt, auf 100 Meter dem Bundestag nähert. Rauchverbot, Ökosteuer, Frauenquote, Gesamtschule – wenn Expertisen zu Gesetzen werden, wird Politikverdrossenheit zur Expertenverdrossenheit. Der mündige Bürger ist es schließlich seit der Pubertät gewohnt, alles, was nur zu seinem Besten sei, mit einem „Jaja…“ zu quittieren.

Die Expertenverdrossenheit speist sich auch aus dem Misstrauen, ob die Sachkundigen sich wirklich so interessensfrei äußern. Beraten fremdfinanzierte Lehrstuhlinhaber politische Entscheidungsträger, ver- schwimmt die Grenze zwischen Experten und Lobbyisten – etwa wenn Hans-Werner Sinn und die INSM ihre arbeitsmarktpolitischen Expertisen propagieren oder der Versicherungsvertreter Bert Rürup als Rentenexperte in Ministerien aushilft.

Bacons „Knowledge is Power.“ verweist auf den unplatonischen Zusammenhang von Wissen und Macht. Herrschaft wird nicht wegen besonderer Sachkenntnis ausgeübt, sondern durch sie und mit ihr. Längst ist es eine Binse, dass die Kontrolle über die Algorithmen die Herrschaft im Informationszeitalter bedeutet. Wissenschaft produziert Herrschaftswissen, seit Adam alle Tiere mit Namen versah. Allerdings sollten wir den Experten nicht das vorwerfen, was wir von ihnen verlangen. Schließlich hätten wir schon ganz gerne einen Gesundheitsexperten am Tisch, wenn Politik und Industrie Grenzwerte festlegen.


Lichtwolf Nr. 41

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