Raus bist du noch lange nicht

von Rawulf von Sar auf Etz, 15.09.2002, 14:50 Uhr (Dunkles Zeitalter)

Karl Marx ist zweimal gestorben. Das zweite Mal 1989.

Wir betrachten seine Schriften als historische Dokumente, als Hilfsmittel zur Erklärung einer unseligen Epoche in der Menschheitsgeschichte. Sie helfen die Motivation einiger sonst unerklärlicher menschlicher Tragödien aufzudecken und schließlich bestätigen sie den alten Spruch das „gut gemeint“ und „gut gemacht“ doch selten zusammengehen.

Wir haben uns daran gewöhnt, Welterklärungen für Welterklärungen einer Person oder einer Gruppe aber nicht für die Erklärung der Welt zu halten. Dies ist die einzige Sicht, die uns nicht für eine Sichtweise gilt, sondern schlicht als die Wahrheit.

Wir haben aufgegeben das Ganze als Ganzes verstehen zu wollen. Marx glaubte an die Vernunft, an den vernünftigen – d.h. verstehbaren – Aufbau der Welt und der Geschichte. Wenn ich nun hinzufüge, daß er dies nur als Kind seiner Zeit denken konnte, denken mußte, dann bin ich schon der Historiker, der schlichtweg jeden Gedanken, der sich in ein System fügt, dem Hexenglauben gleichsetzt. Dies eben weil sie notwendige Produkte ihrer Zeit und ihrer Vertreter, darüber hinaus aber ohne Bedeutung für das Ganze der Menschheit oder einer Weltdeutung an sich sind.

Ein solcher Relativismus ist manchmal nützlich und manchmal quälend. Nützlich dann, wenn man eine von der eigenen Weltdeutung abweichende Auffassung kritisieren will. Quälend ist er, weil er auch die Fundamente jeder eigenen Überzeugung unterspült. In dieser Situation bleibt kein Ausweg aus der Absurdität ? außer man stellt sich ihr und nimmt diese Position bewußt ein. So geben sich die Vertreter des christlichen Glaubens, wie die Anhänger eines neuen Hexenglaubens, der in der Esoterik-Abteilung jeder Buchhandlung um Jünger wirbt.

Werbung, nicht Argumentation führt also Anhänger zu ihren jeweiligen Auffassungen. Gefragt ist nicht die schrittweise Überzeugung, sondern die Überrumplung; das Beeindruckende sticht das Glanzlose aus. Das Sensationelle, Unerwartete, Erschreckende weckt mehr Interesse als das Nachdenkliche.

Auch wenn sie es einmal gewesen sein sollten, so sind doch Marxens Schriften nichts weniger als sensationell. Ganz im Gegenteil, sie sind heute Teil einer Tradition, einer aussterbenden zudem. Ähnlich den Anthroposophen und den Homöopathen berufen sich die orthodoxen Marx-Anhänger auf die Schriften ihres Meisters wie auf geoffenbarte Wahrheit. Dazu sind sie frei, niemand wird es ihnen verwehren. Es wird aber auch nichts helfen. Denn so bieten sie nur eine Alternative zu den anderen Esoterikern – und zwar keine sehr attraktive.

Wer Marx retten will, muß Marx aufgeben. Er muß weg von der Wortgläubigkeit und versuchen die Ausgangsposition wiederzugewinnen. Mit der Frage, wo Marx angefangen hat, nicht, womit Marx aufgehört hat, ist zu beginnen.

Das Wort Vernunft hat einen angestaubten Klang. Der große Aufbruch nicht mehr daraus zu hören. Dennoch bleibt es hier von zentraler Bedeutung. Vernunft kommt von Vernehmen, vom Zuhören. Damit ist nicht das Andächtige Lauschen der Worte der Autorität gemeint. Vielmehr das Eingehen auf den Gesprächspartner auf gleicher Augenhöhe. Für dieses Zuhören muß geworben werden. Damit nicht eine Weltsicht unter vielen, sondern die Nachdenklichkeit Anhänger findet.

Gelegentlich kommt man dann mit dem Nachdenken zu Ergebnissen ? und diese können sich mit denen von Marx decken.


Dieser Text ist die unveränderte Fassung des Beitrags „Raus bist du noch lange nicht“ aus LW1-4.

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