Leserbrief: Was hat das mit Philosophie zu tun?

Der erste Leserbrief an den Lichtwolf mit einer Antwort von Sar auf Etz

von Rawulf von Sar auf Etz, 10.10.2002, 20:29 Uhr (Dunkles Zeitalter)

VON DER FÄHIGKEIT AUS NICHTS ALLES ZU MACHEN

Was Philosophie zu sein scheint

Wenn ich mir die Artikel im „Lichtwolf“ durchlese ist mein Eindruck folgender: Hier schreiben Menschen mit einem großen inneren Reichtum, Menschen, die Konflikte in sich tragen, die Schwierigkeiten mit der Welt haben, damit, wie die Welt auf sie wirkt; Menschen, die unserer Gesellschaft kritisch gegen- über stehen, und sich viele Gedanken darüber machen, was alles falsch läuft. Sie verachten den Alltag, sprechen dabei von einer „Notdurft“ und daß sie sich mehr vorstellen, als eben nur diese zu verrichten. Ich finde die Gedanken, wie sie im „Lichtwolf“ vorgetragen werden, zum größten Teil richtig, ich teile sie (im großen und ganzen), und ich finde die Begeisterung für die Kritik an der Gesellschaft bewundernswert, gut und schön.

Was ist also mein Problem? Mein Problem ist, daß dort eben auch Menschen schreiben, die große Probleme mit sich haben, und glauben, daß dies irgendetwas mit der Welt „da draußen“ zu tun hat. Plump gesagt: Innere psychologische Konflikte werden zu einem politisch- gesellschaftlich- soziologisch- bindestrich-philosophischen blah blah Problem aufgebläht. Deshalb möchte ich meine Überschrift auch korrigieren: es ist nicht „Nichts“ aus dem alles gemacht wird. Es ist – so finde ich – sehr viel, ich finde alles was ich bisher gelesen habe interessant und berührend, ich sehe nur nicht, was das VERDAMMT NOCH MAL mit Philosophie zu tun haben soll. Bitte erklärt es mir. Gerne persönlich oder im Lichtwolf.

-Katja J.

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Umständlich Antwort auf kurzweiligen Zwischenruf, will heißen Replik, meint Niederwurf jedes Anwurfes gegen die Beschäftigung mit den Dingen, im weitesten Sinne, und wie sie im weitesten Sinne zusammenhängen:

Liebe Katja!

Wer schreibt, riskiert gelesen zu werden. Er riskiert auch mißverstanden zu werden. Es ist sicher ein Mißverständnis, die Artikel im Lichtwolf mit Philosophie gleichzusetzen. Es war sicher nicht die Absicht der Autoren, den Anschein zu erwecken, hier würde Philosophie präsentiert. Dies ist keine

Philosophie, nicht einmal die persönliche Auffassung dieses Geschäftes. Vielmehr haben wir uns erlaubt, unausgegorene, unreife Späßchen auf unreife, unausgegorene Weise herauszuposaunen.

Trotzdem möchte ich der Frage nachgehen, inwieweit tatsächliche Philosophie mit dieser zur Schau getragenen Unreife zusammenhängt.

Literatur, die wir Philosophie nennen, gehört zu unseren kulturellen Traditionen, wie klassische Musik oder andere Werke des Literaturkanons. Dies ist die historische, philologische und am Ende pragmatische Sichtweise. Als Experte für Geschichte, Literatur, Philosophie ist man auch Fachmann für einen Erwerbszweig, den man Kulturindustrie nennen könnte.

Sie hat außer der Erbauung, des Genußes, außer der Freude an großen Gedanken auf Seiten der Konsumenten kein Ziel. Wer auf Philosophie mit diesen Augen sieht, wird nie ein klassisches Werk schreiben, aber als Produzent in einem hoch angesehenen Gewerbe sein Auskommen finden können.

Neben dieser nüchtern abschätzenden Betrachtung gibt es aber auch eine persönliche, nämlich die der Menschen, welche sich nicht mit der Tradition einer rein historisch verstandenen Philosophie, sondern mit dem Gehalt derselben identifizieren. Aus einer lebenspraktischen Perspektive muß solches, sich einer Verwertung entziehende Verhalten, pathologisch wirken.

Philosophie ist „ursprünglich“ ein Ausdruck von Desintegration, d.h. sie ist notwendig mit ihr verknüpft. Philosophie setzt ein, wo, auf welche Weise auch immer, die Fraglosigkeit der Welt und der Art, wie wir in ihr leben, abhandenkommt. Beim Bemühen, das einmal verlorene Feste wiederzugewinnen, wird nicht neue Gewißheit erreicht, sondern es werden noch mehr Fragen aufgeworfen, also noch mehr geerbtes Porzellan zerschmettert.

Leider werden hiervon auch allerlei, meist junge Menschen angelockt, die das zugrundliegende Erlebnis eines Bruches nur nachahmen, um ihrem Wunsch nach Überhebung über ihre Umgebung nachzukommen.

Heutige Philosophen haben darum die Aufgabe, zuerst den Schrott, den ihre Amtsvorgänger angehäuft haben, zu beseitigen. Dieser Schrott besteht aus überzogenen Ansprüchen und unerfüllbaren Erwartungen. Weil alles, was unsere Gegenwart für groß und erhaben hält, gerade diesen Schrott ausmacht und ihre Philister sie zur Selbstinszenierung einsetzen, gilt es sie zu unterwandern, ihre hohle Sprache zu karikieren und so ihrer „ursprünglichen“ Lacherlichkeit preiszugeben. So bleiben die Verzweifelten und Verwirrten verzweifelt und verwirrt, wenn auch lachendes Gesichtes.

„Wir wissen nichts – und Sie wissen nichts.“ (Herbert Wehner)

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