Ich suche Arbeit

von (n·k)², 28.10.2002, 17:20 Uhr (Dunkles Zeitalter)

Was macht einen guten Menschen aus? Güte, Ehrlichkeit, Sensibilität? Intelligenz, Charisma? Herzlichkeit, Liebe, Mitleid?

Nein, nein, und nochmals nein: Der einzige Wertmaßstab ist der richtige Job!!! Wieviel Achtung bringen wir doch einem Menschen mit dem richtigen Job entgegen. Welchen Eindruck macht nicht ein Manager auf uns. Doch was ist mit denen, die ganz unten auf der Prestigeleiter stehen? Mit jenen, welchen der üble Geruch der Faulheit anhaftet? Was ist mit den Studenten?

Ich bin ein Student. Hat nicht ein Student Augen? Hat nicht ein Student Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt als einer, der zum Bruttosozialprodukt beiträgt!

Einst hatte auch ich eine Arbeit, eine richtige Arbeit, doch diese Zeiten sind vergangen, sie sind hinweg geweht von Jahren des Müßiggangs, bedeckt mit einem Mantel aus Bequemlichkeit und Ruhe, kurz gesagt: mit Abitur und Studium.

Ich will mich nicht wiederholen, doch ich arbeitete, ich arbeitete hart und ertrug die Demütigungen, das Elend, den Schmerz und die Ausbeutung durch den dreckigen Kapitalismus der Karstadt AG. Ja, ihr habt richtig gelesen, ich arbeitete für Karstadt, für jenes Imperium, welches jeder verspottet, aber wo jeder einkauft – sogar ich.

Der Leser mag sich fragen, was ich dort tat. Eure Vorstellungen gehen nicht so weit, eure Fantasie kann nicht böse genug sein, sich auszumalen, was ich dort tun musste. Wenn ihr diese Zeilen lest, könnt Ihr Euch nicht vorstellen, welch ein Dreck an meinen Händen haftet. Ich war EINPACKHILFE. Wenn ihr zu den glücklichen unserer Art gehört, fragt ihr Euch jetzt verwundert, was das ist. Lasst mich Euch belehren: Ich stand jeden Samstag von neun bis sechzehn Uhr an dem Teil der Kasse, in dem die Waren landen, nachdem sie zwecks Festhaltung des Preises gescannt wurden. Dort musste ich stehen und die Kunden fragen: „Darf ich Ihnen das einpacken?“ (Der Kunde ist nicht König, glaubt es jemandem, der sich auskennt. Jeder Kassierer und jede EINPACKHILFE hasst euch, weil ihr mithelft, sein Leben zu zerstören und seine Menschlichkeit mit Füßen zu treten.) Die meisten Leute lehnten – mit einem Blick, als wäre ich eine Kakerlake, die in ihrem Kühlschrank herum kriecht – ab und ich stand dort (man kann sich nicht überflüssiger fühlen) und schaute zu, wie sie ihre verdammten Einkäufe in ihre noch verdammteren Taschen packten. Das tat ich Woche für Woche und Monat für Monat, insgesamt eineinhalb Jahre lang. Glaubt mir, selbst auf einer Streckbank vergeht die Zeit schneller und angenehmer!

Verzeiht, dass ich mich so kurzfasse, doch der Schmerz überwältigt mich jedes Mal, wenn ich mich dazu äußere. Ich trage Wunden, die niemals heilen werden und ich hoffe, ihr spürt mein Vertrauen zu Euch, wenn ich Euch diese Zeilen schreibe.

Wie bereits gesagt, verkaufte ich dort eineinhalb Jahre lang meine Arbeitskraft, doch ich habe gekündigt, ich habe den Absprung geschafft, ich habe mich meiner Fesseln entledigt. Nie werde ich den Moment vergessen, als ich den Brief mit der schriftlichen Kündigung in den Briefkasten warf. Über die stumpfsinnigen, dämlichen und unnützen Jobs, um die ich mich danach bemühte, will ich gar nicht sprechen.

Ich bin nun seit – lasst mich nachdenken, ich will Euch nicht falsch informieren – fast zwei Jahre ohne Beschäftigung, und wollt Ihr wissen, wie ich mich als untätiger Parasit, der vom Staat und von seinen Eltern lebt, fühle? Ich fühle mich verdammt gut dabei.

Doch mein offizieller Status ist nicht „faules Schwein, das nicht arbeitet“, nein, nein, wenn Ihr das denkt, missversteht Ihr mich gründlich. Ich SUCHE einen Job. Sagte nicht der Buddha „Der Weg ist das Ziel“? Wie könnte ich es mir anmaßen, einem derart weisen Mann zu widersprechen?

Im Moment suche ich einen Job. Ich will keinen Job FINDEN, ich SUCHE lediglich. Das ist ein Unterschied, ein sehr großer sogar. Der Unterschied besteht darin, dass ich meine Würde behalte und mich gleichzeitig nicht vom internationalen Kapitalismus ausbeuten lasse. So gewitzt muss man erstmal sein!!! Wenn alles nach Plan läuft, werde ich so weitermachen: Ich werde auf Arbeitssuche bleiben, ohne jemals eine zu finden. Ich halte mich da ganz an die Worte Ronald Reagans: „Es stimmt, dass Arbeit noch nie irgendjemanden umgebracht hat. Aber warum das Risiko eingehen?“


Dieser Text ist die unveränderte Fassung des Beitrags „Ich suche Arbeit“ aus LW1-4.

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