Von Kohlen & Steinen in Katzen & Schweinen

Geld und Beutel haben seit jeher ein enges, in Teilen fast erotisches Verhältnis. Man sieht sie überall, unzertrennlich vereint, gleich ewig frischverliebten Pärchen. – Meditation über eine Romanze mit Casanova und viel Marie.

von Michael Helming

 

„Ja, ja, meine allerliebste Jungfer Baas, so geht es auf dieser Welt; einer hat den Beutel, der andere das Geld, mit was halten Sie es?“

– Mozart am 03.12.1777 an Maria Anna Thekla

 

Die nicht eben vegan anmutende Rede vom Schlachten des Sparschweins erinnert noch an einstige anatomische Merkmale des dem Borstenvieh nachempfundenen Geldbehälters. Er besaß zur Fütterung zwar einen Einwurf, jenen Schlitz auf dem Rücken, der ihm geblieben ist, ansonsten war der Körper hermetisch verschlossen. Die heute verbreiteten Öffnungen am Bauch, mit Gummistopfen oder gar Schlössern, gab es nicht. Wollte man ans Ersparte heran, gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder mit Messer oder Schere Münzen durch den Schlitz angeln, was zeitaufwändig war, einiges Geschick erforderte und den Nennwert entnommener Beträge mehr oder weniger dem Zufall unterwarf – oder eben die Schlachtung. Behälter und Inhalt wurden gewaltsam von einander getrennt, der Körper aus Porzellan, Keramik oder Glas mit dem Hammer zertrümmert und unbrauchbar gemacht. Diese Schweine waren allein dazu gedacht, ein einziges Mal fett und voll gefüttert zu werden. War es soweit, ging es ihnen an den Speck. Man erfüllte sich damit einen lang gehegten Wunsch oder die Summe wanderte aufs Konto, wo sie damals bekanntlich noch Junge (Zinsen) (ab)warf. Das Konzept des Sparens bestand im Aufschub der Nutzung. Geld wurde zurückgelegt, versenkt wie der mittelalterliche Goldtopf im Brunnen, fremden wie eigenen Blicken und Begehrlichkeiten entzogen. Zusammengehalten wurde Vermögen durch den Willen zur Sparsamkeit, der sich in entsprechenden Behältnissen offenbarte. Es gibt solche zur langfristigen Verwahrung und welche zum Transport im alltäglichen Geldverkehr. Die Geldsau gehört im Gegensatz zum Portemonnaie zur ersten Gruppe. Die Idee, dem Schwein durch einen permanenten Kaiserschnitt den Metzgertod zu ersparen, entstand erst mit der Verdrängung des Sparens durch das Wirtschaften. Die Barschaft liegt nun weniger faul herum, sie muss arbeiten, zirkuliert als Blut im Wirtschaftskreislauf. Eigentlich ist Geld ein Platzhalter für Bedürfnisse; im Gelde metamorphosieren Dinge und Dienste, werden (ver)gleich(bar). Zudem ist Geld, besonders wenn große Mengen davon in einer Hand liegen, ein Faktor, dem man, da er Macht speichern und transportieren kann, gern eine moralische Funktion zuschiebt. Menschen drücken sich vor ihrer Verantwortung, indem sie diese in emotionslose Gegenstände auslagern, doch das ist ein anderes Thema. Wer von Kindesbeinen an den Umgang mit Geld lernt, kann sich Bedürfnisse erfüllen und trotzdem liquide bleiben; wer verschwendet und den Überblick verliert, der kommt vom ewig ausgehungerten Sparschwein über den Konsumkredit direkt in die Schuldenfalle. Auf all ihren Wegen jedoch lagern Menschen größere Geldbestände ein und tragen kleinere zum direkten Gebrauch mit sich herum, wofür sie traditionell Geldbeutel verwenden. Hier  finden sich zwei Dinge zusammen; Geld und Beutel bilden eine Einheit, einen treuen Bund und als beinah schon magisches Duo gehen sie gemeinsam durchs Leben.

Zwischen beiden besteht eine geheime Liaison. Man hält sich über ihr Verhältnis bedeckt und damit über die eigenen pekuniären Verhältnisse. Man will keinen Neid erregen, keine Diebe anlocken und man will auch nicht stören. Über Geld spricht man öffentlich so wenig wie über die Liebste. Der Kavalier genießt und schweigt. Money talk is dirty talk und im Deutschen ist Geld obendrein ein four-letter word. Wer zu laut und zu oft vom Gelde spricht, der wird unter Umständen gebeutelt. Vorlaut Finanzen zu thematisieren, kann eine kleine Anzüglichkeit sein oder größtmögliche Anmaßung, subtil angedeuteter Cunnilingus oder voll frontale Perversion. Wenn man vom Geld nicht spricht, nimmt man es also nicht in den Mund. Wo man genau das aber tun will, stehen zahlreiche Synonyme bereit. Das Wort verschwindet hinter anderen Worten, wie Gesichter auf einem Ball hinter Masken. Man tanzt, schaut einander in die Augen, doch das Antlitz bleibt verhüllt. Dabei rücken Gelder gern ins Tierreich, als Kröten, Flöhe, Mäuse und sogar (Wie erotisch!) Möpse. Auch auf frühe Entwicklungsstadien mancher Tiere spielt man an; redet im bestimmten Kontext von Eiern und alle wissen was gemeint ist. Neben der Fauna hält die Flora für finanzielle Umschreibungen her: Moos, Heu und Peanuts sind geläufig. In der unbelebten Welt darf schließlich – und das entspricht der Funktion realer Zahlungsmittel – beinahe alles den Begriff ersetzen: Knete, Kohle(n), Koks, Asche, Pulver, Zunder, Kies (womit keine Gesteinskörnung gemeint ist, vom Jiddischen kis kommt es her, was nicht Geld, sondern Geldbeutel bedeutet), Schotter (siehe LW50), Steine, Fliesen, Klötze, Holz, Keulen, Knüppel, Schnee, Flocken, Knöpfe, Murmeln, Scherben, Bimbes und Zaster (Gaunersprache für Brot bzw. Eisen), Lappen, Schleifen und sogar Draht. Dazu kommen Zerquetschte und Zerhackte. All diese Dinge gehen schleichend in jenen bunten Topf an Lautmalereien über, der für sich allein schon wieder einen Beleg für das Tabu liefert, die Vokabel Geld laut auszusprechen. Hier finden wir Kikerlinge, Knatzen, Knatter, Pinke, Piepen, Lepunzen, Öcken, Zacken, Zwacken, Tacken, Patte und Penunsen, letztere eine berlinerische Verballhornung des polnischen Ausdrucks für Geld: Pieniądz. Der Mammon stammt aus dem Aramäischen und bedeutet ursprünglich „das, worauf man vertraut“ und mit ihm ist man bereits bei all jenen Tautologien angelangt, die der weiten Welt des Geldes entspringen, darunter Scheine, Taler, Cash, Kleingeld, die klingende oder bare Münze, Barschaft, Moneten, Valuta, Kapital, Finanzkraft, Reichtum, Budget und Schatz, aber auch Silber, das recht einfach gestrickte Haben oder die ganz unprätentiösen Mittel. Da sind Wortschöpfungen für einzelne Stückelungen wie Groschen, Pfennig, Rappen, Zwickel, Stäbler, Schwaren, Witten, Albus, Sechser, Fuffi, Heiermann, Hunni oder Grüner noch gar nicht berücksichtigt. Mit Blick auf die Liebe sei last but not least erwähnt, es gibt zwar keinen Männervornamen, jedoch sehr wohl einen, der zahlreiche Frauen schmückt und der synonym für Geld stehen kann. Das ist nicht Tina, nicht Uschi und ebensowenig Christa, sondern Marie.

(Photo: Michael Helming)

Alle sind hinter Marie her

Die Marie ist somit eine Hälfte unseres Pärchens. Ein derart begehrenswertes Weib sollte nicht allein bleiben, schon gar nicht nach Einbruch der Dunkelheit. Im Ernstfall nutzt Pfefferspray im Handtäschchen nichts. Um die Marie muss man sich kümmern. Geld lässt man nicht einfach so herumliegen. Scheine und Münzen lose in dreckigen, engen Taschen stellen eine Unsitte dar, einen vulgären Ausdruck, nicht nur für Sorglosigkeit, sondern auch für mangelnde Wertschätzung und fehlende Kultur. Geldklammern sind eine ungenügende Lösung und ohnehin nur da vollumfänglich zu gebrauchen, wo Inflation alle Münzen beseitigt hat, derzeit also etwa in der Türkei oder auch in Serbien. Grundsätzlich braucht Marie eine würdevolle Umgebung, einen diskreten Schutz, der sie schätzt, ohne dass ein jeder sie mit lüsternen Blicken abschätzen könnte. Geld muss auf praktische Weise zusammengehalten werden, sodass es zwar umschlossen und verborgen, bei Bedarf jedoch auch schnell zur Hand ist, im Zahlungsverkehr eingesetzt und gegebenenfalls auch mal zur Schau gestellt werden kann. Letzteres ist zuweilen vonnöten, denn allein Reichtum ist sexy, niemals Armut, wie uns die naive Eigenwerbung der deutschen Hauptstadt einreden will. Nach zweckmäßigem Transport verlangt also die Marie. Sicher, praktisch und schick muss sein, was sie umgibt, gleich einem Pelz aus kugelsicherem Stahl, der viele Taschen hat. Schließlich ist Geld gemünzte Freiheit und die will man immer bei sich wissen. Es wäre also unpraktisch, die kostbare Marie im Tresor zu verwahren oder in einer großen Kiste, sie gar in einem Brunnen zu versenken oder im Wald zu vergraben. Eben um ihr das wohlbehütete Flanieren zu ermöglichen, umgarnt sie seit Urzeiten ein charmanter Galan: der Geldbeutel. Man trägt ihn am besten möglichst eng am Körper, denn auch er ist, gerade wegen seiner Dauerbeziehung zu Marie, längst in den Fokus von Langfingern geraten. (Über Taschendiebe siehe LW70, S. 34-42) Besser also, man spricht auch über ihn möglichst nicht offen und greift stattdessen in die reiche Kiste unseres Wortschatzes.

(Illu: Georg Frost)

 

Für den Geldbeutel ist hierzulande schon lang das französische Wort en vogue, welches in verschiedene Formen eingedeutscht und dabei zuweilen verballhornt wurde: Portemonnaie, Portmonee oder Portjuchhe. Die Geldtasche, ein meist am Gürtel hängendes Säckchen, machte man in alten Zeiten zuweilen aus Katzenleder, weshalb es Geldkatze heißen darf. Auch das Wort Börse ist bei uns geläufig und meint sowohl die Institution, die mit Aktien handelt, als auch, mit dem Vorsatz Geld, besagten Beutel. Das rührt vielleicht von den Römern her, die jene Geldsäckchen, in denen sie Sesterzen und Asse mit sich herumtrugen, bursa nannten. Wie so vieles, hatten sie sich das Wörtchen bei den Griechen abgeguckt, die eine abgezogene Tierhaut als βύρσα bezeichneten. Nach der Einführung des Papiergeldes waren Banknoten zum Teil relativ groß, doch man konnte sie wenigstens leichter knicken als Münzen. Wollte man jene Großformate, damals noch Dokumente, für die einem die Auszahlung von richtigem Geld, also wertvollem Metall, garantiert wurde, nicht allzu sehr zerknittern, kamen diese zu anderen Papieren in die Brieftasche, welche wiederum für die Hosentasche etwas zu groß war. Mit den Scheinen wurden irgendwann die entsprechenden Taschen handlicher und trotzdem darf man heute noch Brieftasche zur Börse sagen, wie man auch Geldtasche sagen darf. Nur Geldsack sagt niemand mehr. Leute mit einem gewissen Vermögen könnten es als Beleidigung auffassen, wenn man auf diese Art vom Leder zieht. Da Leder nicht billig ist, werden Geldbörsen inzwischen auch aus Textilien oder Kunststoff hergestellt. Das Glückssäckel des Fortunatus hätte wohl jeder gern, denn es ist niemals leer und man muss nie Geld wechseln. So oft man hineingreift, man findet immer ausreichend Bares in der jeweiligen Landeswährung; besitzt da gewissermaßen eine Kreuzung aus Wechselstube und Goldesel. Jenseits von Sagen und Märchen muss sich der Mensch sein Säckel allerdings weiterhin selbst füllen, in der Regel mit dem Ertrag seiner Hände Arbeit. Dafür ist inzwischen fast egal, wohin er sich das Sauerverdiente später steckt. Es gibt neben traditionellen Portmonees, wo separate Fächer Münzen und Scheine von Karten, Kassenbons, Visitenkarten, Photos und anderem Kram trennen, diverse Brustbeutel, spezielle Bauch- oder Gürteltaschen und dergleichen mehr.

In all diesen Büdeln ist die Barschaft wohlportioniert. Man kann sie sich gut einteilen und behält seine Ausgaben auf diese Weise wenigstens grob im Blick. Für daheim gibt es neben Geldschränken, -schatullen und -kassetten das oben bereits erwähnte Sparschwein, das in den letzten hundert Jahren gelernt hat, so ziemlich jede Form vom Auto bis zum Zebra anzunehmen. Dagegen ziemlich aus der Mode gekommen ist das Sammeln von Münzen in großen Flaschen, Vasen oder Einmachgläsern. Als Tabakkonsum noch viel verbreiteter und Kippen relativ billig waren, kam so mancher Raucher nur erfolgreich durch den Entzug, weil er sich jene Summen, die sonst in Rauch aufgegangen wären, durch visuelles Sparen vor Augen führte. Eine Packung Glimmstengel kostete damals drei D-Mark und ich Steppke trabte regelmäßig für meinen alten Herrn zum Automaten, bis der seine Silberlinge von einem Tag auf den anderen lieber in eine riesige Asbach-Uralt-Buddel warf. Nach einigen Monaten war diese voll und er clean. Man hatte den Münzpegel in der Flasche inzwischen beeindruckend schnell steigen sehen.

 

Casanova als Finanzjongleur

Glas ist für gewöhnlich transparent, Geldbörsen sind es nicht. Der Blick in letztere bringt mitunter Überraschungen, manchmal sogar Enttäuschungen, falls man nicht vorher mit beiden Händen ungefähr ertastet hat, was sich erwarten lässt. Wo Geld Sache der Liquidität ist, da wird sie nicht selten zu einer des Anpumpens. Gern hilft der verlässliche Gentleman dem Freund aus einer Verlegenheit oder gar aus finanzieller Not und jeder Schuldner mit Anstand zahlt brav zurück, begleicht seine Schuld – eine Frage der Ehre. Derartiges Jonglieren mit einer Börse und ihrem Inhalt ist traditionell eine komplizierte soziale Angelegenheit, die Feingefühl erfordert, einst noch bedeutend mehr als heutzutage. […]

 

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Lichtwolf Nr. 77 (Gut & Börse)

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Dieser Text ist die gekürzte Vorschau des gleichnamigen Beitrags aus LW77.


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