Links der Woche, rechts der Welt 29/21

Der Denker und die Denkerinnen

Es ist angesagt, sich über Slavoj Žižek lustig zu machen, und er gibt reichlich Gelegenheit dazu. Conrad Hamilton und Matt McManus erheben im Jacobin Einspruch, indem sie aufzeigen, wie Žižek den dialektischen Materialismus ins 21. Jahrhundert aufhob und eine Ideologietheorie des Neoliberalismus formulierte.

Die SZ-Rezension von Ágnes Hellers postumem Werk über das Verhältnis von Alltag, Literatur und Philosophie blickt vor allem auf die Einflüsse ihres Lehrers Georg Lukács. Wolfram Eilenberger spricht im Philosophischen Radio des WDR 5 über die nächste Philosophin, die er portraitiert hat: Simone Weil.

 

Was ist links? Rechts?

Die FR unterhält sich mit Katajun Amirpur anlässlich ihrer Chomeini-Biographie über das Charisma des Revolutionsführers und seine Verhältnis zu Gefühlen, Frauen und Israel.

Antizionismus gehört in aktivistischen Kreisen zum coolen Ton, wie Mirna Funk im taz-Interview schildert und mit großem Pessimismus die Selbstgerechtigkeit der politisierten Jugend von heute kritisiert. Kritisch blickt auch Arno Frank im Freitag auf den Kampfbegriff der „Lifestyle-Linken“, der vor allem auf den neuen gemeinsamen Gegner von Links und Rechts zielt: Grüne.

Mit der Wahlkampfworthülse der „Werte“ und der rechtsphilosophischen Werterealität beschäftigt sich Matthias Warkus in seiner Spektrum-Kolumne.

 

Kulturkatastrophen

Vier Jahre nach der Berliner Ausstellung „Parapolitics“ über die antikommunistische Kulturförderung der CIA wird nun der Katalog nachgereicht, den die SZ vorstellt. Apropos Kalter Krieg: Soldaten finden mitnichten alles toll, was bumm macht. Telepolis bringt den Auszug aus einem Aufsatz des Oberstleutnants a. D. Jürgen Rose über Militärethik zwischen Kants „Zum Ewigen Frieden“ und nuklearer Abschreckung.

Das Frankfurter Filmmuseum widmet dem Katastrophenfilm eine Ausstellung, die laut FR stets den Bezug zur Realität sucht.

Dirk Peitz blickt in der ZEIT mit vielen weiterführenden Links auf das Schicksal des entmündigten Popsternchens Britney Spears, das sich als „Tragödie der Öffentlichkeit“ entfaltet, an der qua Ruhm alle teilhaben müssen.

 

Alles anders machen

Über die neue Unbeholfenheit in Sachen Körperkontakt denkt Novina Göhlsdorf in der FAZ nach: Die Pandemie hat die alten Normen zu Nähe und Distanz durcheinander gebracht und zugleich aufgezeigt, wie wichtig (und schwierig) Berührung für den Menschen ist. Pascal Bruckner fragt sich in der NZZ, ob sich überhaupt noch jemand aus dem Haus traut oder wir uns zu sehr an Rückzug und Stillstand gewöhnt haben.

Der Physiker und Klimawissenschaftler Anders Levermann erläutert in der FAZ das mathematische Prinzip der Faltung, das qualitatives statt quantitatives Wachstum bei Erhalt wirtschaftlicher Dynamik in einem endlichen Raum ermöglicht.

 

Schriften und Geschichten

Silvia Ferrara entziffert vorantike Schriftsprachen und hat darüber ein Buch vorgelegt, dass die FR an den Anfang aller Kultur zurückführt, mit dem der Staat wider Erwarten nüscht zu tun hatte.

Nachdem Random House den altehrwürdigen Penguin Verlag geschluckt hat, haut er nun Klassiker in neu-alter Gestalt raus, was die SZ als Anlass für eine kleine Kulturgeschichte des britischen Taschenbuchs nutzt. Das Zeug gibt es wohl nicht beim Heidelberger Buchhändler Clemens Bellut, den die taz wahrlich als einen der letzten Samurai portraitiert.

(Photo: cocoparisienne, pixabay.com, CC0)

Das populäre Wissen über Piraten geht auf eine Sammlung von Seemannsgarn zurück, die wahrscheinlich von Daniel Defoe pseudonym verfasst worden ist, wie die SZ schreibt; dort lesen wir außerdem, dass Frankreich das Originalmanuskript von Marquis de Sades „Die 120 Tage von Sodom“ erworben hat.

Oliver Eberl zeigt in seinem in der FAZ besprochenen Buch die problematische Geschichte der Begriffe „Barbarei“ und „Naturzustand“ auf, die bis heute kolonialistisches Denken verbreiten.

 

Altes Handwerk heute

Mary Baker Eddy entdeckte, wie man mit Religion noch mehr Geld machen kann als die Kirche: Die FR erinnert zum 200. Geburtstag an die Gründerin des Geistheilerkults „Christian Science“.

Auch Adrian Lobe hat eine Spektrum-Kolumne, in der er sich – wen wunderts – mit der digitalen Welt von heute beschäftigt, zum Beispiel mit KI-Helferlein zur Reiseplanung, Putzarbeit usw. als Wiederkehr der Hausbediensteten von anno dunnemals. Und wenn die Maschinen demnächst auch Gefühle haben, steht einer Sci-Fi-Neuauflage von „Downton Abbey“ in echt nichts mehr im Wege: Die SZ hat sich in einer einschlägigen Ausstellung der Pinakothek der Moderne umgesehen, wo die Entwicklung der KI von Leibniz bis zum händeschüttelnden Roboter gezeigt wird. Unter anderem um das Wir als Maschine geht es morgen bei Sein & Streit im DLF.

Dann lieber selbermachen: Selbst zusammengebaute Produkte wirken mit dem Ikea-Effekt auf ihre Besitzer, den die SZ uns erklärt.

 

Kommunikationen

Auf die Zumutungen und Voraussetzungen, Chancen und Fährnisse der Wissenschaftskommunikation weisen Markus Weißkopf und Günter M. Ziegler in der FAZ hin. Epistemische Lasterhaftigkeit kann anfällig für Verschwörungsglauben machen, wie wir im Standard lesen.

Die ZEIT spießt den Worttrödel der jungen Generation auf, die „Genau…“ sagt, wo früher ein „Ähm.“ geäußert wurde. (Stand so ähnlich auch schon bei S&Z.) Herr Meier und Frau Lenk sprechen derweil weiter über das Internet, diesmal über alles, was man jenseits der Anbahnung von Sexualkontakten auf und mit Tinder noch anstellen kann:

 


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