It’s a kind of magic

Die Magie verstößt gegen unsere Erklärungsmuster. Wer ihr eine Berechtigung einräumt, kann kein Christ und auch kein echter Wissenschaftler sein, allenfalls Ethnologe. Jeder Freigeist sollte sich also mit ihr beschäftigen.

von Marc Hieronimus

Nach gängiger Lehre erwachten die Menschen erst mit der Zeit der Aufklärung aus ihrer nunmehr selbstverschuldeten Unmündigkeit. Heute rühmt sich ein jeder seines hellen Geistes, der von Zeit zu Zeit (ein)nickend eine Wissenschaftssendung verfolgt und die Kirchensteuer nur noch zahlt, weil sein Nachwuchs sonst keinen Platz im konfessionellen Kindergarten bekäme. Aber bloß, weil man an nichts mehr glaubt, ist noch lange nicht alles erklärt, und bei manchen Erscheinungen stößt die Schul- und sogar die Hochschulweisheit an ihre Grenzen. Diese „unerklärlichen Phänomene“ mögen heute rar geworden sein (oder nicht), in anderen (kalten, urwüchsigen) Gesellschaften hatten sie bis zuletzt ihren Platz, und bis vor sehr kurzer Zeit wurden sie auch bei uns als sehr real angesehen, wurden von tausenden Menschen bezeugt und waren nicht selten schicksalhaft.

Was ist Magie?

Hinter der Magie steckt die Vorstellung, dass alles im Kosmos zusammenhänge und wir folglich durch unsere Taten den Lauf der Dinge ändern können. Natürlich wirke ich auch auf die Welt ein, wenn ich einen Stein oder einen Hund trete, und beides hat eine vorhersehbare Wirkung, wenn auch nicht die gleiche. Magisches Handeln aber soll über Analogie wirken: Ein symbolischer, durch ein gewisses Setting (Magier, Publikum, Zeichen etc.) vorbereiteter Steintritt bewirkt andernorts den Einsturz eines Hauses oder ähnliches. Es gibt zahlreiche Arten von Magie, etwa Heil-, Schutz- und Fruchtbarkeitszauber, Praktiken zum Wiederfinden von Gegenständen u.v.m.; auch die Wahrsagerei wird zu ihr gerechnet. Werden die Praktiken aus egoistischen Motiven oder zum Schaden anderer angewandt, spricht man von Schwarzer Magie, sonst von Weißer. Nicht magisch sind Dutzende Arten von Zeichen und Wundern wie Froschregen, Himmelszeichen, Fabeltieren und dergleichen, die zwar so häufig beschrieben wurden, dass Historiker Mühe haben, sie mit Hysterie, Massenpsychologie oder Wirkstoffen aus Mutterkorn und Zauberpilzen wegzuerklären, aber sie sind nicht oder nur bedingt menschengemacht, etwa wenn sie als Bestrafung über die Menschheit kommen.

Magie und Religion

Kluge Menschen wie Lévy-Strauss, Mauss, Durkheim, Geertz, Weber, Frazer und selbst Wittgenstein haben sich um eine Abgrenzung von Magie und Religion bemüht. Meist lief die Unterscheidung darauf hinaus, dass Magie die persönlich-praktische Seite, die Religion mehr die darüber liegende Ordnung betraf. Übersehen wurde dabei, dass „Religion“ in der Regel ein von außen herangetragenes Konzept ist, dass sich für uns Heutige mehr von Wissenschaft als von Magie abgrenzt, während sie für die Beschriebenen, dem Animismus (alles auf Erden ist beseelt) oder dem Polytheismus (es gibt viele, auf einzelne Bereiche spezialisierte Gottheiten) Verhafteten nichts weniger als die alleinige Weltordnung war, innerhalb derer sie mittels der von uns als Magie bezeichneten Praktiken wirksam werden konnten. Anders gesagt: Unsere heutige Religion aus Kapitalismus, Wissenschaft und Technologie beschränkt den Handlungsspielraum des Menschen auf eine Art Gottes-Dienst gegenüber der Allmacht. Wir müssen arbeiten, Miete und Steuern zahlen, müssen (erdulden, dass andere) privatisieren, um die Märkte zu besänftigen, aber tunlichst keinen Tagebau und keinen Atommülltransport verhindern. Und diese neue beinah unmagische Religion ist nicht etwa die Überwindung der christlichen Geschichte, sondern ihre Fortsetzung. Im Christentum haben die vielen Tausend Heiligen (vgl. LW42) mit ihren Zuständigkeits­bereichen die Rolle der früheren Gottheiten und Naturgeister übernommen, und wer in Notlagen wie Krankheit oder Furcht um die Apfelernte zu einer dieser mythischen Figuren betete, betrieb Magie. Weil doppelt genäht bekanntlich besser hält, haben sich darüber hinaus bis ins letzte Jahrhundert so viele nicht einmal mehr vordergründig christliche Arten von magischen Praktiken erhalten, dass es allein der Registerband des im Lichtwolf gelegentlich zitierten „Handbuchs des Deutschen Aberglaubens“ aus den 1920er/30er Jahren auf über 400 Seiten bringt.

Photo: kellepics, Stefan Keller, pixabay.com, CC0

Die reine Lehre der jüdisch-christlichen Texte sah aber von Anfang an gar keine Magie mehr vor, oder jedenfalls keine, die über Bittgebete und frommes Leben zur Erlangung der Seligkeit hinausgeht, im Gegenteil. Bei Ezechiel reißt der HERR gewissen Frauen die Zauberbinden von den Armen, mit denen sie je nach Übersetzung auf Seelen- oder Menschenjagd gehen (Ez 13,18), bei Moses stehen Zauberinnen auf einer Stufe mit den Zoophilen und verdienen den Tod (Ex 22,17-19). Die Magier (also die Männer, ohne Binnen-I) kommen gelegentlich etwas besser weg. Zwar sollen die Juden beim selben Moses (Dtn 18,9), also nach dem ausdrücklichen Willen Gottes, „nicht lernen thun / die Grewel dieser Völcker [gemeint sind die Ansässigen im Gelobten Land]. Das nicht vnter dir funden werde / der sein Son oder Tochter durchs fewr gehen lasse / oder ein Weissager / oder ein Tageweler / oder der auff Vogel geschrey achte / oder ein Zeuberer / oder Beschwerer / oder Warsager / oder ein Zeichendeuter / oder der die Todten frage. Denn wer solchs thut / der ist dem HERRN ein Grewel“, wie es in der Diktion des Dr. Martin Luther heißt, der hier nach seinem Jubeljahr einmal im Wortlaut zitiert sei. Prophetenmassaker wie das des Elias (Könige 18,40) waren jedenfalls nicht immer zwingend nötig.

Auch im Neuen Testament sind die Magier zwar nicht per se oder zumindest nicht auf Erden zu verdammen – kein Wunder, immerhin gehörten auch die „Heiligen Drei Könige“ mindestens nebenberuflich zu dieser Gruppe! Allerdings dürfen sie sich keine großen Hoffnungen auf das ewige Leben nach dem Leben machen: „Ihr Los wird der See von brennendem Schwefel sein“ (Offb 21, 8), heißt es ganz am Ende der Bibel, das Reich der Seligkeit bleibt ihnen definitiv verwehrt: „Draußen bleiben die Hunde und die Zauberer, die Ungläubigen und die Mörder.“ (Offb 22,15). Auch die Verfolgung magisch-psychischer Denker wie Giordano Bruno oder Thomas Campanella und die letztliche Verschonung „härterer“, nämlich materialistischer Wissenschaftler wie Galilei weist darauf hin, dass die Magier den Monotheisten wirklich gefährlich schienen: Eine von der theologischen Lehre abweichende Erklärung von Naturphänomenen ist das eine, das Erringen neuer Geistes-, Psychen-, Seelenzustände und das magische Einwirken auf die Natur etwas anderes. Denn das Wesen des Monotheismus ist der fraglose Gehorsam gegenüber einer autoritären, vermeintlich festgefügten Ordnung und der Verzicht auf Selbstwirksamkeit.

Magisches Denken heute

Wissen und Macht bleiben monolithisch, das Gesamtgefüge göttlich: Der Priester von früher ist heute der Experte, und wer immer sich der Megamaschine aus Wirtschafts-, Unterhaltungs-, Forschungs-, Rüstungs-, Konsum- und Politzirkus bzw. -verbrechen argumentativ entgegenstellt, wird verschwiegen, verlacht oder verachtet; wer aktiv wird, kommt zwischen die Räder der Justiz und notfalls der ausgebildeten oder angeheuerten Agenten. Weil moderne Führung (heute heißt es „governance“) aber schon aus Kostengründen größten Wert auf Reibungslosigkeit legt, gilt in den „demokratischen“ Staaten seit ihren Anfängen im 18. Jahrhundert die Glaubensfreiheit als eines der höchsten Güter: Glaubt, was ihr wollt, aber mischt euch nicht in die Staatsangelegenheiten. […]


Dieser Text ist die gekürzte Vorschau des gleichnamigen Essays in LW62.

Schreiben Sie einen Kommentar



© 2002-2018 catware.net Verlag, T. Schneidegger | Impressum | AGB (Onlineauftritte) | Datenschutz