Viehlosovieh: Lachs

Obwohl seit der Antike bekannt, erwähnt ihn kaum ein Philosoph; wohl weil manche Behauptung, die ihm bei Tische und in der Linguistik anhängt, nicht verifizierbar ist.

von Michael Helming

 

Was muss das für ein phänomenaler Fisch sein, dem es gelingt, einen großen Philosophen aufs Glatteis zu führen. Kierkegaard schreibt 1843 in „Entweder – Oder“, genauer in den „Diapsalmata“: „Lachs ist an und für sich eine sehr delikate Speise; bekommt man aber davon zu viel, so wird er der Gesundheit nachteilig, da er eine schwer verdauliche Speise ist. Als daher einst in Hamburg eine ungeheure Menge Lachse gefangen war, so befahl die Polizei, daß jeder Hausherr nur einmal in der Woche seinen Dienstleuten Lachs gäbe. Es wäre zu wünschen, daß ein ähnliches Polizeidekret erschiene betreffs der (im Theater und sonst gebotenen) Sentimentalität.“

Dem grundsätzlich nicht ganz falschen Topos, Lachs sei einst in Europa ein Essen für arme Leute gewesen, begegnet man auffallend häufig. Meist folgt in seinem Fahrwasser die Anekdote vom polizeilich verordneten Lachslimit. Die wäre an sich nur zu schön, wenn sie denn eindeutig belegbar wäre. In der ZEIT vom 17. August 2006 versammelte Christoph Drösser in der Rubrik „Stimmt´s?“ Geschichten über derartige Verträge und gesetzliche Bestimmungen spielten „mal in Hamburg, mal in Frankfurt oder Lettland“. Er bemängelt jedoch, stets täten dort die erforderlichen Quellenangaben fehlen, was er als typisches Indiz dafür wertet, „dass es sich wohl um eine Legende handelt.“ Zum selben Ergebnis sei angeblich auch ein Baseler Archivar gekommen, der sich vergeblich auf die Suche nach einem historischen Beleg für jene Lachs-Schoten gemacht habe. Den Namen dieses Quellenfischers nennt allerdings Drösser wiederum nicht.

Nun, Basel liegt bekanntlich am Rhein und über den schreibt die Badische Zeitung am 12. September 2012: „Früher nämlich – wir springen mal eben in die Mitte des 19. Jahrhunderts – […] Lachs gab es damals im Rhein dermaßen viel, dass aus jener Zeit berichtet wird, wie Mägde und Knechte rebellierten und forderten, nur noch zwei- bis dreimal in der Woche den Fisch auf den Teller zu bekommen – statt wie zuvor täglich.“ Und in der Ausgabe vom 14. Mai 2009 heißt es gar: „Es gab früher soviel Lachse, dass sie als Armeleuteessen und für die Bediensteten in Basel als Nahrung verwendet wurden, weil sie billig waren.“ Im bereits erwähnten ZEIT-Artikel lesen wir bestätigend: „Um 1900 wurden allein aus dem Rhein jährlich 85.000 Tonnen Lachs gefischt. 50 Jahre später war der Fisch praktisch aus allen deutschen Binnengewässern verschwunden – Lachse reagieren sehr empfindlich auf eine schlechte Wasserqualität.“ Ein ZEIT-Leser kommentierte den Bericht mit dem Einwurf, er hätte in den 1960ern als Gymnasiast in Hildesheim von seinem Biologielehrer gelernt, in Hameln habe eine städtische Verordnung existiert, die nicht öfter als an fünf Tagen der Woche Lachs als Gesinde-Essen zuließ. Freilich wieder keine belastbare Quelle, sondern nur eine Behauptung aus dritter Hand.

Information ist ja irgendwie auch, wenn Kinder „Stille Post“ spielen. Kochbücher, Fischhändler und Lifestyle-Gurus wiederholen die Story vom Armeleuteessen gebetsmühlenartig, wollen Beispiele aus Köln oder Norwegen kennen, wo Arbeitsverträge und Gesetze die empfindlichen Dienstbotenmägen vor übermäßigem Lachskonsum schützten. Quellen nennt niemand. Immerhin entdecke ich folgenden Hinweis: „Aus der 1. Hälfte des 18. Jh. ist überliefert, daß sich das Gesinde Holzmindens beim Landesherren bitter beklagt, wöchentlich fünfmal Lachs als Abendessen zu erhalten.“ (F. Hamm: Naturkundliche Chronik Nordwestdeutschlands, Landbuchverlag Hannover, 1976) Ob der Fürst gesetzgebend Abhilfe schuf, geht aus dem Text nicht hervor. Sind überhaupt noch schriftliche Quellen dazu erhalten? Eine zur Klärung dieser Frage kontaktierte Historikerin lässt meine E-Mail unbeantwortet und bewahrt damit den verschwörungshaften Charakter des Problems. Stinkt die Affäre vom Kopf her? Oder zeigt hier das Prinzip Lachs lediglich sein wahres Gesicht?

Symbolfisch des postfaktischen Zeitalters

Unverhofft taucht ein Sprichwort aus Lettland auf: „In die Angel der Wahrheit beißen nur Karpfen. Mit dem Netz der Lüge fischt man Lachse.“ Ist der Lachs damit das Wirbeltier der Lügenverehrung? Der Symbolfisch „alternativer Fakten“? Hat selbst ein Kierkegaard sich von Wanderfischen täuschen lassen? Von blickstarren Kiemenatmern, Bärenfutter? Was ist überhaupt Lachs?

Wir denken zunächst an Speisefische mit rotem Fleisch, die auf den Familiennamen Salmonidaehören. Doch sogleich erfahren wir, der berühmte Seelachs und Alaska-Seelachs, aus dem der Kinder liebstes Nahrungsmittel – das Fischstäbchen – hergestellt wird, ist in Wirklichkeit gar kein Lachs, sondern nur ein billiger Köhler, dessen unpopuläres Image die Sättigungsindustrie mittels Marketingtricks aufgefrischt hat. Dieser Lachs ist kein Lachs, sondern eine plumpe Fälschung. Damit ist auch Lachsschnitzel nichts als Lachsersatz aus blassem Köhler, giftrot eingefärbt mit Karzinogenen und Allergenen. Vom Schnitzel kommt man bekanntlich fix zum Schinken und wen wundert es noch, dass der Lachsschinken überhaupt nichts mehr mit Fisch zu tun hat. Sowohl bei Rindern als auch bei Schweinen und Lämmern bezeichnet Lachs den Kernmuskel des Rückens, ohne dass man ihn in Flüssen dabei beobachten könnte, wie er gegen den Strom zum Laichen und Sterben an den Ort seiner Geburt zurückkehrt. Aus der ganzen Verwirrung erklärt sich jedoch die Tatsache, wie der Lachs mit Schuppen und Kiemen zur beliebten Fastenspeise werden konnte. Fisch ist kein Fleisch und was dem Hering recht ist, kann dem Lachs billig sein. Da Juden gar keinen Schweineschinken essen durften, bereicherten sie die Kultur mit Rezepten für koscheren „Lox“ (Lachs), machten sich daraus einen Jux und erzählten Witze wie diesen: „Moische geht einkaufen. Im Geschäft macht er ein Unschuldsgesicht, auf einen Schinken deutend: ‚Wie viel kostet der Fisch da?‘ Der Verkäufer antwortet: ‚Sie meinen diesen Schinken, mein Herr?‘ Moische verärgert: ‚Hab ich gefragt, wie er heißt, der Fisch?!‘“ Von dem Humor sollten sich Christen und Moslems gleichermaßen eine Scheibe abschneiden.

Flutsch!

Sobald man Lachs in den Mund nimmt, so scheint es, glitscht er einem bereits durch die Finger. Phonetisch kennen wir ihn sogar als anrüchiges Adjektiv, denn lax steht synonym für flüchtig, lasch, dilettantisch, vorschnell, beiläufig und sogar für nachlässig, schludrig, oberflächlich und ungenau. Wer also mit Lachs argumentiert, der hat nicht immer Recht. Diese Erfahrung machten Sprachwissenschaftler, die mit dem sogenanten Lachsargument beweisen wollten, die Urheimat der Indogermanen läge im nördlichen Mitteleuropa und nicht in der eurasischen Steppe. Sie behaupteten, die Ur-Indogermanen müssten von dorther stammen, wo sowohl der Lachs als auch das gemeinsame Wort für ihn vorkomme. Allerdings beruhte diese Begründung auf der Fehlannahme, die betreffende Bezeichnung habe tatsächlich dem Lachs gegolten, was nicht der Fall war. Zunächst galt das Wort nämlich den Unterarten der Lachs- und Meerforelle. Schon wieder ein Lachs, der kein Lachs ist und damit die Gelehrten täuscht. Der Streit um das Lachsargument zog sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts weit über hundert Jahre lang hin, bis es als widerlegt gelten durfte. Die etymologische Untersuchung der Lachswörter dauert jedoch weiterhin an. Trotzdem bleibt die Lachsforelle kein Lachs, sondern eine Forelle, die Aufgrund von mit der Nahrung aufgenommenen Carotinoiden rötliches Fleisch besitzt. Wenn das so ist, stellt sich die Frage, warum Flamingos nicht als Lachsvögel bezeichnet werden. Und warum nennen wir Brause der Marke Fanta, die ja ebenfalls Carotinoide enthält, nicht einfach Lachslimo? Auf jeden Fall ist Bierlachs kein Getränk sondern ein Kartenspiel, nämlich eine Abart des Skat, die den Verlierer eine Runde Bier kostet; wobei lachsen hier latzen meint, ein vor allem in Süddeutschland übliches Umgangswort für bezahlen, da der Mann im Latz das Geld trägt.

Wir sehen immer deutlicher: Je mehr man dem Lachs nachstellt, desto weniger Fisch bekommt man. Und wenn doch, so scheint die Qualität zumindest fragwürdig. Stammt er aus Zuchtfarmen, ist er vollgestopft mit Medikamenten und obendrein fettig, da es ihm an Bewegung mangelt. Wildlachs hingegen ist mit Abfallstoffen und Giften belastet, zudem sind die Bestände überfischt. Will man sich so ein Tier zum Beispiel nehmen? Der kernige Satz „Das Leben ist hart, aber das nehm’ ich in Kauf; zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf.“ soll Bodenständigkeit symbolisieren. Dabei ziehen Lachse aus Aquakulturen nirgendwohin. Sie kommen im Gegenteil ein Leben lang nie raus aus ihrem Dorf. „Willst du Erfolg, sei öfter mal wie ein Lachs beim Laichen und schwimme gegen den Strom.“, sagt ein anderes bescheuertes Sprichwort. Dabei weiß jeder, wie schnell man ausgegrenzt wird, wagt man es tatsächlich, sein eigenes Ding zu machen.

Selbst in der Welt der Aphorismen macht der Lachs keine gute Figur. Trotzdem hat diese Recherche Gelüste geweckt und einen Bärenhunger, weshalb ich mir den alten Fettfisch nun gründlich vornehme. Allerdings gieße ich ihn nicht in Lasagne, wie die Mafia einen Mann in Beton, ich quäle ihn nicht mittels hipsterkrimineller Bandnudelbondage; bei mir kommt er nackt in die heiße Pfanne. Ich baue ihm eine Treppe aus Bratkartoffeln. Dazu öffne ich ein Bier und widerspreche nebenbei einer riskanten Behauptung. Da schrieb nämlich einst Peter Bamm: „Angeln ist die einzige Art von Philosophie, von der man satt werden kann.“ Das klingt mir zu unsicher. So denkt nur der Leichtfertige. Denn fischt man dort, wo, aus welchem Grund auch immer, nichts beißt, dann fängt man nix, schiebt Kohldampf und verhungert. Angeln kann demnach nie mehr als ein Sport sein. Und wer wollte gleiches ernsthaft vom Denken behaupten. Inzwischen liegt der Rosige hübsch dampfend vor mir und es is(s)t gewiss: „Die einzige Philosophie, von der man satt werden kann, heißt Essen.“

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