Die Kunst, kein Künstler zu sein

Artstar Midvejs sozio-ästhetische Philosophie aus dem Jahr 1902

von Rüdiger Spiegel

 

Das Buch „Die Kunst, kein Künstler zu sein“ von Artstar Midvej galt lange Zeit als Fiktion. Der Titel, für imaginär gehalten, ließ Lust an Paradoxie, an Provokation durch Verneinung, an Kontradiktion vermuten, und man meinte eine Bestätigung für die Phantastik eben in dem anscheinenden Fehlen jeglichen Textdokuments zu haben. Hier und da wurde jedoch die Behauptung weitergegeben, es sei eine hektographierte Rezension des Buchs durch einen gewissen Torben-Jamin Schüppe erhalten. Es hieß, Schüppe habe seine Besprechung in Universitätsbuchhandlungen, kleineren Antiquariaten, bei Vernissagen und besonders in Theaterfoyers zum Mitnehmen ausgelegt. Der Titel der Rezension „Kunstphilosophie gegen Kunst“ ließ die Sache interessant erscheinen. Die Vermutung, es handele sich um nichts weiter als eine raffinierte Erfindung, mag man in Kreisen der akademischen Ästhetik als Schonung der eigenen Profession empfunden haben. Jetzt aber lässt sich berichten, dass es sowohl das Buch als auch die Rezension dieses Werks gegeben hat.

Dabei passt es zu den mit Schüppe und Midvej assoziierten Legenden, dass man beide Texte im Archivkeller eines Theaters fand, in welchem Mitarbeiter eines Instituts für Theatergeschichte nach historischen Masken suchten. In einer seit Jahren ungeöffnet gebliebenen Kiste fand man den lädierten Band von Midvej und darin die hektographierte Rezension von Schüppe. Die Besprechung umfasst acht einfach geklammerte Seiten im Format DIN A5, das sind zwei Blätter im Format DIN A4, wobei die erste Seite nur den Namen des Verfassers der Rezension, ihre Überschrift, den Namen des philosophischen Autors, den Titel des Werks, das Erscheinungsjahr 1902 und statt des Erscheinungsorts den Verlagsnamen „Schauffler & Fürth“ nennt. Von den einhundertundzwölf Seiten des Buchs fehlen mehrere, vor allem die letzten Abschnitte, sie wurden herausgerissen. Etliche Flecken rühren von Theaterschminke her, was die Schlussfolgerung zulässt, dass das Buch bei Aufführungen als Requisit verwendet wurde.

„Den wahren Künstler erkennen wir daran, dass er an Kunst nicht interessiert ist.“

Vermutlich fand Schüppes Text seinen Weg zwischen die Deckel des besprochenen Buchs, weil der Rezensent seine Seiten im Foyer desselben Theaters ausgelegt hatte, wo der ansonsten für wertlos gehaltene Band zum Spielobjekt einer Szene gemacht ward, vielleicht in jenem zweiten Auftritt des zweiten Akts von Shakespeares „Hamlet“, wo der melancholische Held die Frage des Polonius, was er lese, lapidar mit „Worte, Worte, Worte“ beantwortet.

„Der Künstler aber“, so lauten nachdenkenswerte Worte unseres philosophischen Autors, „der seine Arbeit und seine Arbeitsweise wie etwas Außergewöhnliches hervorhebt, ist ein Blender. […] Es mögen ihn [den Künstler] wohl von niemand zuvor erahnte Visionen ergreifen, er ist dennoch ein Mensch wie jeder.“ Schüppe knüpft hier an folgenden Kommentar an: „Artstar Midvej ist Kunstphilosoph und Künstler zugleich. Aber der soziale Mensch, der Bürger, der Mitmensch macht den wahren Lebenssinn. Es besteht kein Grund, daß der Ästhet sich darüber hinausschwinge.“

Nun ist das Postulat der Alltäglichkeit und der gesellschaftlichen Allgemeinheit der Kunst nicht neu, auch 1902 nicht, als Schüppe diese Bemerkungen niederschrieb. Mit Recht verweist er in seiner Besprechung deshalb auf mehrere Literaten und Philosophen, die ähnlich wie Midvej dachten, William Wordsworth beispielsweise oder die frühen Schriftsteller des Sozialismus.

Aus einem Prospekt des Verlags Schauffler & Fürth von 1903: Es ist umstritten, ob das Autorenphoto wirklich Artstar Midvej zeigt oder ob dieser dem Verlag die Aufnahme eines Verwandten oder Bekannten untergejubelt hat.

Aus einem Prospekt des Verlags Schauffler & Fürth von 1903: Es ist umstritten, ob das Autorenphoto wirklich Artstar Midvej zeigt oder ob dieser dem Verlag die Aufnahme eines Verwandten oder Bekannten untergejubelt hat.

Schüppe deutet das verweigerte Zurschaustellen als eine seriöse Weise der ästhetischen Vermittlung, als „etwas Besonderes, das nichts Besonderes sein will“. Für Midvej sei „die Gleichgültigkeit des Künstlers gegenüber der Kunst eine Voraussetzung künstlerischer Überzeugungskraft“. Hierfür zitiert er: „Den wahren Künstler erkennen wir daran, dass er an Kunst nicht interessiert ist.“ Man beachte, dass Midvej die Wendung „an Kunst“ gebraucht – nicht: „an Kunst als solcher“. In diesem sprachlichen Detail steckt ein Hinweis auf das Hauptanliegen in Midvejs Gedanken, welches bei Schüppe durchaus hätte deutlicher herausgearbeitet werden können. Schüppe meint, es sei eine „Unart, bloß um der Kunst willen Künstler zu sein“, aber Midvej geht es gar nicht so sehr um die kritische Auseinadersetzung mit l’art pour l’art oder Ästhetizismus, auch nicht um sozialen oder moralischen Auftrag von Dichtung, Drama, Musik, Malerei, sondern um das Postulat eines Zustands, der es erlaubt, von Kunst abzusehen, ohne die ästhetische Kontrolle, das heißt die beständige Wahrnehmungsjustierung durch radikale Sensibilität zu schmälern.

„Wir sehnen uns“, heißt es bei Midvej an einer Stelle, die durch den besagten Seitenausriss leider verstümmelt ist, „nach guter Gesittung und gutem Geschmack, vor allem aber sehnen wir uns nach deren selbstver-“. Vielleicht darf man etwa folgendermaßen emendieren: „vor allem aber sehen wir uns nach deren selbstver-/ständlicher Verbreitung und Allgemeinheit unter den Menschen.“ Midvej fordert nicht kunstkritische Kunst, das wäre seiner Einschätzung zufolge nur raffiniert umgeleiteter Ehrgeiz. Er lehnt Sensationslust und Prätention – „ruhmrediges, aufgeblasenes Vorzeigen“ – ebenso ab wie er Genialität als Quelle des Ästhetischen ignoriert.

Dabei verweist er auf den romantischen Begriff der „Universalpoesie“, auf Friedrich Schlegels „Vorstellungsarten vom poetischen Weltsystem“, sodann auf die Idee des „Gesamtkunstwerks“ bei K. F. E. Trahndorff und später bei Richard Wagner, der es als das „gemeinsame Werk der Menschen der Zukunft“ definierte. In Fortsetzung dieser Bezüge bis ins zwanzigste Jahrhundert ließe sich Midvejs Konzept unter anderem auch vorm Hintergrund des Gedankens der „Sozialen Plastik“ bei Joseph Beuys verstehen und nicht zuletzt mit Blick auf Bertolt Brechts Diktum „Alle Künste tragen bei zur größten aller Künste, der Lebenskunst“ interpretieren.

Koketterie und Selbstverleugnung gegen Stolz und irregeleitetem Mutwillen

Schüppe zitiert aus Midvejs Schrift eine Schlüsselstelle des Schlusskapitels, das im besagten Exemplar aus der Maskenkiste ganz fehlt. Wir haben als Quelle für das folgende Zitat also nur Schüppes Rezension: „Die Kunst, kein Künstler zu sein, beinhaltet große Bedachtsamkeit. Sie verhilft zu Distanz, aber sie verschmäht Hochmut.“ Schüppe glaubt hier einen Verstrickungskomplex von Koketterie und Selbstverleugnung zu erkennen. Er schreibt: „Aber das Nicht-Wollen des künstlerischen Eigenwillens offenbart sich […] als Kunstanstrengung. Sie ist bestimmt, den Willen zur Kunst zu bezwingen, um ihn in Kunstvergessenheit zu verwandeln. […] Diese Erniedrigung […] ist als gewissermaßen getarnte Erhöhung gemeint.“

Was Schüppe „Erhöhung“ nennt, bezeichnet Midvej, wie oben zitiert, als „Gesittung“ und als „Geschmack“. Das Wort „Kultur“ scheint er zu meiden, er deutet sie nicht als Ensemble der Künste, sondern er umschreibt sie als „von der Natur durch Geist und Arbeit befreites Sosein“, man könnte auch sagen: als bewusst gestaltetes und gleichwohl ungekünsteltes Leben.

Midvej ist nicht einfach ein Kunstgegner. Vielmehr weist er den Leser ernstlich darauf hin, dass die bedeutenden Werke den „Schrecken vor dem Möglichen und dem Wahrscheinlichen“ weitergeben, dass sie Leid, Zerbrüche, „verletzte und gekränkte Kreaturen“ zeigen, dass sie „oft sehr fremd wirken und einen untröstlichen Eindruck hinterlassen“. Vom Künstler selbst erwartet er, dass „dieser sich seiner Verneinungen nicht überhebe und […] sich aufs Extraordinäre nichts einbilde.“ Vom Bürger wünscht er sich strenge Qualifizierung. Nicht ohne Pathos schreibt er: „So sollen aus jenen Tiefen des Empfindens, welche sonst das Gesicht des Künstlers prägen, sich Leitgedanken des Anstands bilden und Taten reifen, die das Miteinander und Füreinander befördern.“ An einer anderen Stelle lesen wir: „Während es einerseits dem Künstler zur Versuchung werden kann, sich selbst und sein Ausstellungs- und Ausdrucksgeschäft in den Vordergrund der Aufmerksamkeit zu drängen, geziemt es andererseits dem Bürger, seine Ängste und Visionen, seine groteskesten Träume, seine Gewissensqualen, Sehnsüchte, Schmerzen, kurz: das unaufhörlich ihn aufwühlende Leben mit den Mitbewohnern der Erde zu teilen und auszutauschen.“

Die Basis dieser Gesinnung scheint dünn. Midvej nennt sie „Vernunftgefühl“, welches er einmal als „Sinn für sittliches Gleichgewicht“ umschreibt. Das Unsicherste also, das Leben, von welchem man wenig weiß, von welchem man dennoch hofft, dass es gelingen möge, indem man es übt, wird zur inversen Kunst, die zur Kunst der zivilen Moralität wird, die nichts Affektiertes sei. So steht am Ende der Mensch als derjenige Lehrling da, der die Prüfungen zum Künstler der Unkunst, zu ihrem Meister erst noch bestehen muss. Sein Auftrag geht weit über Dilettantismus hinaus. Dass die herausgerissenen Textteile des einzigen überlieferten Exemplars der Schrift Artstar Midvejs genauere Konturierungen und Perspektivierungen des globalen sozio-ästhetischen, nicht-artifiziellen Programms aufzeigen, wenigstens andeuten würden, ist zu vermuten. Es wäre enttäuschend, wenn wir dort nichts als menschentümelnde Gemeinplätze fänden. Vielleicht aber sind wir durch den Ausriss der letzten Seiten vor der Heillosigkeit eines kompetenzenbeschwörenden Gutdünkens verschont geblieben, wie denn Midvej uns durch die Hauptkapitel seines Werks, die erhalten sind, vor Stolz und irregeleitetem Mutwillen bewahren wollte.

Dieser Text ist die unveränderte Fassung des Beitrags „Die Kunst, kein Künstler zu sein“ aus LW58.

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