Erblich, aber heilbar

Aus den Privilegien und der Verkommenheit des Erbadels als solchem folgt nicht zwangsläufig die Schlechtigkeit des Einzelnen, aber nur sehr Wenige sind trotz Ansehen und Wohlstand zu wahrer Größe aufgestiegen.

von Marc Hieronimus

 

° Jeder Adel entsteht aus der Führungsriege. Die europäischen Adeligen des Frühen Mittelalters haben sich ihre Privilegien durch Kühnheit und Persönlichkeit erstritten: Den größten Schlächtern bzw. Anführern von Schlächtern wurde auch in zivilen Belangen die Führung zuerkannt. Der Adel wird zum Problem, wenn aus der Riege eine Kaste wird.

° Das Erbe verdirbt alles, handele es sich um Güter, Privilegien oder schnöden Mammon. Warum vererben wir überhaupt? Damit die Kinder es sich nicht selbst erarbeiten müssen? Nein. Weil wir über den Tod hinaus fortwirken wollen. Etwas von uns soll bleiben.

° Ist erst ein Adel etabliert, straft er „Emporkömmlinge“ mit Verachtung, und seien sie noch so verdienstvoll. Bourdieus „Feine Unterschiede“ galten schon im antiken Rom. Den verdienten Adel nennen wir heute Größe, vielleicht noch Genie oder Geistesadel. Adelige im engeren Sinne sind stets nur Nachfahren von.

° Vorbei ist die Zeit, als der europäische Adel wie natürlich die Führungskaste reproduzierte. Das nun mehr als 220-jährige Hin und Her von Revolution und Restauration hat ihn zuletzt recht bescheiden und diskret gemacht. Mit der Führung aber hat er auch jedes Anrecht auf Hochachtung verloren; seine größten Vertreter – Grußonkel und -tanten von märchenhafter Schönheit und Etikette – stehen heute in den goldenen Blättchen neben Ü60-Schlagersängern und TV-Serien-Sternchen.

° Die Umbrüche der jüngsten Zeit haben auch den kaum erst etablierten Geldadel schon wieder jeden fahlen Glanzes beraubt. Aus dem Nichts und über Nacht ist ein knappes Dutzend Medien-, Aktien- und Bekleidungsmenschen so reich geworden wie die ärmere Hälfte der Menschheit, wer erinnert sich da noch an die Familien Rothschild oder Krupp von Bohlen und Halbach?

° Reichtum an sich wird immer obszöner. Popmusikerinnen, Mimen, Leibestüchtige verdienen heute in einer Woche mehr als manch Werktätiger in seinem ganzen Leben. Wo liegt ihr gesellschaftlicher Wert, wenn man ihre „Arbeit“ mit der von Altenpflegern oder Philosophinnen vergleicht? Werden sie eine neue Form des Adels begründen? Sicher nicht.

° Was hat uns der europäische Adel in den letzten 2.000 Jahren gebracht, jenseits von Herrschaft, „Schutz“ und Eroberung? Die mittelalterliche Literatur wurde für, weite Teile der antiken gegen ihn geschrieben. Wer also adelige Autoren sucht, wird überhaupt nur in der Neuzeit fündig.

° Der französische Adel hat, zumal in Relation zu seiner Personalstärke über die Jahrhunderte, so gut wie keine hochrangigen Dichter und Denker hervorgebracht. Ganz recht. Jean de la Bruyère war eine Randfigur des Hochadels, Jean de la Fontaine nur niederer Adel, Blaise Pascal zweite Generation Amtsadel, François de la Rochefoucauld wenig bedeutend; Chateaubriand und Auguste Villiers de l’Isle-Adam: Provinzadel, letzterer verarmt; Guy de Maupassants neuadeliger Vater war so pleite, dass er sein Schloss verkaufen und als Bankangestellter arbeiten musste. Auch der Marquis de Sade war keineswegs „göttlich“, wie die in wenigen Jahren wohl vergessene Riege der aktuellen französischen Starphilosophen meint, sondern, wen wundert’s, in erster Linie Sadist und anderweitig pervers. Gut, Wilhelm IX. Graf von Poitou und Herzog von Aquitanien. Wer bitte? Der Trobadour, 1071–1127. Ach der. Und Alexis de Toqueville? Touché. Das macht einen unbestreitbar großen, nicht-dekadenten, die Emanzipation aller seiner Mitmenschen vorantreibenden Adeligen vom Frühen Mittelalter bis heute. Ein Armutszeugnis.

° Russland? Etwas besser. Die Dostojewskis waren erst von Fjodors Vater an adelig. Zum alten Adel gehörten genau zwei Größen: Puschkin, der Nationaldichter schlechthin, und der im Ausland weit bekanntere Leo Tolstoi, der sich aber anders als dieser, mehr wie Lenin (2. Generation) und sein Geheimdienstchef Dserschinski (verarmter poln.-lit. Adel), denkbar weit von seinen Wurzeln entfernte. Ja, gut, Tolstoi ist ein Beispiel für einen bekehrten Adeligen, und kein geringes; in Décroissance-Kreisen wird er als großer Humanist und früher Konsumfeind verehrt.

° Ein anderes ist Lord Byron, der Ehrenretter des ansonsten geistig-künstlerisch wenig glorreichen angelsächsischen Adels, weil er sich zunächst der Literatur widmete und unter dem Einfluss von Teresa Guiccioli der italienischen, später der griechischen Freiheitsbewegung anschloss.

(Illu: Marc Hieronimus)

° Adelige Maler? Fehlanzeige. Musiker? Ein paar virtuose gewiss, besonders Frauen, deren Aufgabe es bis ins 20. Jahrhundert und bis ins Kleinbürgerliche hinein war, die Herrschaften mit Musik und Gespräch zu unterhalten. Aber Komponisten? Bildhauerinnen? Wissenschaftler? Erfinderinnen?

° Einzig der deutsche Adel hat – wie mich dankenswerterweise Kollege Helming erinnert – eine nennenswerte Reihe von Großen hervorgebracht, sicher nicht zuletzt, weil er mit dem Aufkommen der sprichwörtlichen Kleinstaaterei nach dem Bedeutungsverlust des Kaisers weit zahlreicher war als der der anderen Länder: Adalbert von Chamisso (LW27), Kleist und Novalis natürlich, Heinrich von Fallersleben, Eichendorff, Annette von Droste-Hülshoff, und wenn wir vom deutschsprachigen Raum reden zumindest noch Hugo von Hofmannsthal, Sacher-Masoch und die Ebner-Eschenbach. Man hat nicht umsonst lange vom „Land der Dichter und Denker“ gesprochen, das z.B. auch die nieder- und spätadeligen (aber umso größeren) von Humboldts oder den Herrn von Goethe hervorgebracht hat.

° Es bleibt aber dabei: Insgesamt hat der Adel die Menschen in erster Linie regiert, nicht weitergebracht. Beides war seine Aufgabe: regieren und im Verbund mit dem Klerus jede Emanzipation verhindern. Von Tausenden Privilegierten haben kaum zwei Dutzend das Geschenk ihrer Bildung, ihres Einflusses, ihrer materiellen Sorglosigkeit in den Dienst der Menschheit gestellt.

° Wo der Adel heute noch etwas zu sagen hat, zeigt er sich von seiner widerlichsten Seite. Der lateinamerikanische Landadel stand im letzten Jahrhundert stets auf der Seite des Imperialismus und der multinationalen Konzerne. Heute noch lässt er Aktivisten und aufs bloße Überleben bedachte Landbevölkerung foltern und ermorden, wenn sie Rodungen, Plantagen und Erzabbau im Weg stehen. Hier verbietet sich schon rein ethisch die Frage, was er denn künstlerisch oder wissenschaftlich hervorgebracht habe – die Antwort lautet wiederum: nichts.

° Wie geht es nun weiter? Angesichts der heutigen Machtverhältnisse und „Modernisierungskrisen“ wünschen sich viele die Rückkehr in eine Zeit, als die da oben noch Tradition und Anstand kannten. Wenn schon buckeln, dann vor Menschen, zu denen man aufschauen kann. Wieviel Reputation hatte dieser von Guttenberg nicht seiner edlen Herkunft zu verdanken! Er wurde seinerzeit schon als Kanzlerkandidat gehandelt, und wenn er aus der Verbannung zurückkehrt, wird niemand mehr über seinen Titelbetrug sprechen.

° Und doch: Die causa Guttenberg hat gewissermaßen Anfang und Ende der hiesigen Adelsgläubigkeit gezeigt. Als politischer Jüngling konnte er zwar Glanz und Schmalz seiner Herkunft ins Feld führen, sich aber nur auf einen Verdiensttitel berufen, eben den ergaunerten Doktor. Als der aberkannt wurde, blieb zu wenig übrig bzw. der Ehrverlust überwog. Der Adel bleibt angesehen, aber er muss sich auch angemessen verhalten, wenn er schon sonst nichts vorzuweisen hat.

° Und wenn es auch ohne die da oben ginge? „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ schrieb der denkbar unadelige – aber wie große! – Georg Büchner im Hessischen Landboten. Und Blanqui „Ni dieu, ni maître!“ – Keinen Gott und keinen Herrn duldet der Anarchist, der in jedem sich als frei verstehenden Menschen schlummern sollte.

° Anarchismus ist die Ablehnung von Herrschaft, nicht von Ordnung. Das ist das Missverständnis aller, die da meinen, „einer muss das Sagen haben“, sonst herrsche „Anarchie“. Das waren zu jeder Zeit fast alle. Und/aber jede jeweils gegebene Ordnung ist hinterfragbar, auch und gerade die unserer „freien Welt“.

° Anarchismus ist folglich auch nicht die Ablehnung von Autorität. Das ist das Missverständnis so vieler „Antiautoritärer“, die A.S. Neill allenfalls mit der Faust in der Tasche gelesen haben. Autorität ist berechtigt, wenn sie von Wissen/Können und Erfahrung kommt. Im Ernstfall etwa einer körperlichen oder Lebenskrise ist jede/r gut beraten, sich dem medizinischen Spezialisten bzw. der alten Lebenskennerin anzuvertrauen.

° Sicher gibt es auch „Führungspersönlichkeiten“, wahrscheinlich sogar unabhängig von familiärer und kultureller Prägung. Manche sind gut im Vorangehen, Organisieren, Repräsentieren, andere können anderes, Wichtigeres besser. Blinde Gefolgschaft aber ist ein Defizit der Folgenden, besonders, wenn sie als Masse auftreten.

° Die heute so viel beschworene „Exzellenz“ wird es unbestreitbar brauchen. Keine vererbten Privilegien, keinen Standesdünkel, aber ein „Jeder nach seinen Fähigkeiten“ und „Jedem nach seinen Bedürfnissen“. Nicht jeder kann ein neues Verteilungssystem erdenken, ein Atomkraftwerk abbauen oder auch nur die derzeitige Führungsriege hinter Gitter bringen, dafür braucht es Spezialisten.

° Auch und gerade der verarmte Geistesadel hat eine Aufgabe. Den (vermeintlichen) Vordenkern der bestehenden Ordnung – in erster Linie Adam Smith und Thomas Hobbes, so weit ich sehe – gehören wieder Jahrtausende der Philosophie und Weisheit gegenübergestellt, die in eine ganz andere, zumeist entgegengesetzte Richtung weisen. Der neue technikkritische und herrschaftsfeindliche Humanismus wird kaum Adelige, aber fast alle großen Denker aller Zeiten hinter sich haben. Wir müssen sie nur wieder zu Wort kommen lassen.

Dieser Text ist die unveränderte Fassung des Beitrags „Erblich, aber heilbar“ aus LW57.
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