Schöne Neue Kreidezeit

von Bdolf

„Schön war die Kreidezeit – doch sie kommt nicht wieder … !“
– Graffito am Gebäude der Geologischen Fakultät der Universität Tübingen, letztes Drittel der 80ziger Jahre XX. Jahrhundert

 

Die Flugtiere mögen es. Wir mögen es. Auch. Sehr sogar.

Manche sagen, davon zu essen, täte unseren Gelegen gut – die Schalen würden dicker, unsere Kinder wären besser geschützt. Aber: das mag Aberglaube sein.

Ganz sicher kein Aberglaube ist, dass es kleingehobelt unseren Feldern sehr gut tut.

Zusammen mit dem Mist aus den Ställen gibt es Sicherheit, dass die Ernte gut wird.
Natürlich nur, wenn das Wetter mitspielt. Aber das ist ja sowieso klar.

Unsere Heimat besteht aus etwas, das aussieht wie eine Abfolge sanfter Wellen – nur nicht wie die draußen im Meer, sondern hier auf dem Trockenen – Kuschellandschaft, so nennen wir es.

In den Senken zwischen den Erhebungen bestellen wir unsere Felder. Regelmäßig, fast als wären sie genauso geschaffen wie unsere Häuser und Hütten –
also nicht einfach schon immer da, sondern von unseren Greifpfoten und Schnäbeln aufgebaut – erheben sich die mächtigen weißen Kämme in der Landschaft.

Draußen am Meer findet man Ähnliches, nur dort aus Sand. Klippen nennen wir es am Meer, und Klippen nennen wir die weißen Hügelzüge, zwischen denen wir wohnen und unsere Äcker bestellen. Kommt man ihnen näher, sieht man seltsamerweise feinere Strukturen.

Es handelt sich nicht einfach um eine nicht zu harte, weiße Masse, sondern die Hügel bestehen wiederum aus kleinen, ovalen Gebilden – nicht rund, sondern, wie gerade erwähnt, eher oval, oben zwei große, kreisrunde Löcher, darunter ein einzelnes, in etwa dreieckiges Loch – das untere Ende bildet eine gezackte Leiste, manchmal ist darunter eine zweite gezackte Leiste, beide sitzen genau passend aufeinander.

Wir beobachten und sehen, dass sich dieses Muster immer wieder wiederholt.
Sehr sehr oft.

Zählen können wir es nicht, denn wir haben Zahlen für die Anzahl der Eier in unseren Gelegen, wir haben Zahlen für die Anzahl der Tage zwischen den Vollmonden, wir haben Zahlen für die vielen Tage zwischen den Umkehren von Tag und Nacht – dann müssen wir ab und zu mit großen Zahlen unsere Vorräte schätzen – aber so große Zahlen, um die einzelnen Ovale mit den zwei großen runden Löchern und dem kleinen dreieckigen in den Klippen zu zählen – die haben wir nicht.

(Illu: Georg Frost)

Wenn unsere Alten die frischgeschlüpfte Brut beeindrucken wollen, erzählen sie in ihren Geschichten, diese weißen Gebilde stammten von lebenden Wesen, die vor unvordenklichen Zeiten in diesem Land hier lebten, aber das ist natürlich Aberglaube und soll die heranwachsende allzu schnatterfrohe Jugend in ihre Schranken weisen.

Wahrscheinlich kommen unsere Alten auf diese Idee, weil manchmal der Wind die Erde von unseren Gräbern weht und wir dann sehen müssen, was von uns übrigbleibt – dünne weiße brüchige Dinge, ähnlich trockenem Holz, im Leben geben sie wohl dem Fleisch Halt und Form, und wenn wir dann hinübergehen in das Land hinter den Träumen und unsere Körper zurücklassen müssen – mit sehr viel Phantasie könnte man eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem, was von unseren Köpfen bleibt und den Mustern in den hellen Klippen sehen – aber wir alle wissen, wenn die Mühen des Tages hinter uns liegen, die letzte Mahlzeit verzehrt ist und die Schwarmmutter berauschende Kräuter auf die Feuer in den Räucherbecken wirft – dann kommt so mancher Gedanke, so manche Idee, die man bei Tag, bei klarem Verstand und wachen Sinnen, verscheuchen würde wie die lästigen kleinen Sauger zwischen unseren Schuppen…


Dieser Text stammt aus LW29.

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