Wirklichkeit und Ideal

[aus dem Nachlaß]

von Rawulf von Sar auf Etz, 04.02.2002, 10:13 Uhr (Dunkles Zeitalter)

Neulich traf ich meinen alten Freund Christoph und der fragte mich ironisch, ob ich angesichts der Peinlichkeit des Scheiterns menschlicher Existenz noch glaubte, nach Idealen leben zu können. So was kann er fragen und mich dann damit allein lassen. In diesem Fall kaute er an seinem Schnitzel weiter und lächelte. Er hat einen guten Appetit – den läßt er sich durch nichts verderben.

Soviel Lebenstüchtigkeit kann ich nur als Provokation verstehen. Manche Fragen machen es unmöglich, einfach so weiterzumachen. Da zeigt sich ein Abgrund, den zu überbrücken schwerfällt. Real, das bin ich, ideal, das bin ich nicht. Wenn ich es mir einfach machte, daß bedeutete unehrlich zu sein, antwortete ich, ich wüßte gar nicht, was gemeint sei: Ideal. Das setzt doch eine Menge voraus. Einen Himmel der unwandelbaren, ewigen Idee ganz weit oben. Wir leben in einer anderen Sphäre, der sich wandelnden, unvollkommenen Erscheinungen hier unten und streben stets bemüht nach da oben, nach Vollkommenheit. In meinem Leben jedenfalls gibt es aber nichts Unabänderliches, Festes. Gerade darum, würde Christoph nachsetzen, brauchst du vielleicht Ideale. Ein Ziel auf das du zusteuerst.

Aber woher bekomme ich die, wer gibt sie mir? Der Psychologe würde sagen, die Erziehung und das kulturelle Umfeld vermittelten uns unsere Ziele, verpackt als Wertvorstellung.

Ganz richtig, entgegnet mein kleines, gemeines Ich, und Kultur ist eben etwas sehr Vielfältiges. Auf diesem Feld kann sich niemand auf Unwandelbares berufen. Also haben wir uns unsere Ideale selbstgeschaffen, eigentlich willkürlich. So wie der Indianer seine Federn, der Araber seinen Turban, so tragen wir unsere Ideale. Es ist wohl trügerisch auf dieser Grundlage nach den wahren Zielen zu fragen. Wir brauchen sie, darum setzen wir welche.

Du brauchst sie, weil deine Leben sonst keinen Sinn hat, sagt der Schnitzelkauer. Schon wieder ein Satz, den ich kaum verstehe. Durch Ideale bekommt das Leben einen Sinn. Was ist eigentlich sinnvoll? Es ist sinnvoll, daß die Tasse einen Henkel hat, damit ich mir nicht die Finger verbrühe. Falsch gesprochen, denn das ist vielmehr der Zweck des Henkels. Ich hoffe, daß niemand von irgendeinem Menschen erwartet, sein Leben erfülle einen Zweck, wie ein Henkel an der Tasse.

Geschichten können einen Sinn haben, wenn sie etwas über jemanden erzählen. Also geben wir der menschlichen Existenz einen Sinn, wenn wir eine Geschichte daraus machen. Geboren, gelebt, gestorben, er strebte nach Reichtum, Liebe, Macht, Güte, Weisheit, Erleuchtung, Vollkommenheit. Das sind sinnvolle Geschichten über menschliches Leben. Nur kann ich leider nicht die Geschichte meines Lebens erzählen. Jeden Tag stehe ich da und kann der Verlauf bestimmen, ganz anders sein oder einfach aufgeben. Je nachdem müßte die Geschichte anders erzählt werden. Sie ist nicht fertig und festgelegt. Zu welchem Ziel der Held wirklich strebte, wissen wir erst, wenn das Epos zuende ist. Wir nehmen uns heute dies vor und kommen durch die Verwicklungen der Zeit morgen zu jenem. Der rote Faden in dem Ganzen ist erst zu erkennen, wenn es in Geschichtsbüchern geschrieben steht. Was heute nur eine Verwirrung ist, erscheint dem Betrachter aus der Zukunft logisch und fast zwangsläufig. Es wird Entwicklung genannt werden.

Beruhigend für mich Unfertigen ist wenigstens, daß auch das Scheitern meiner Geschichte erst diagnostiziert werden kann, wenn ich nicht mehr bin. Vorerst kann ich mich jeden Tag neu erfinden – auch die Ideale.


Dieser Text ist die Erstfassung des Beitrags „Wirklichkeit und Ideal“ aus LW9-12.

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