Greise Worte

Sprache ist bekanntlich steter Wandel. Begriffe werden durch andere ersetzt oder ersatzlos vergessen, wenn Bedeutungen mutieren oder schwinden. Worte sind eine Frage der Mode. Einige sind zeitlos, anderen sieht man ihr Alter an.

von Michael Helming

 

„Wörter werden geboren, sie welken und sterben.“

– Otto Violan

 

„Worte währen nicht ewig, doch manche bleiben beharrlich.“

– Antol Tovoi

Ein Wort ist ein Buch en miniature. Und so wie auf manchem Buch – zuweilen auf ganzen Bibliotheken – Staub liegt, liegt der auch auf manchen Worten. Pustet man, wirbelt er auf und mitunter muss man dann niesen. Es juckt in der Nase, wenn Staub in dicken Wolken von Bezeichnungen rieselt. Und doch: Worauf sich etwas ablagern kann, das ist eingelagert und greifbar; es ist noch vorhanden, nicht fort, vergessen und begraben, sondern deponiert und (auf)bewahrt. Noch während Schwaden und Partikel in der Luft umhersegeln, lässt sich das lang unberührte, vielleicht gar gänzlich unbeachtete Ding erneut verwenden; das gilt für alle Dinge des Gebrauchs und eben auch für Worte. Wo einige Leute davon reden, Sprache „rein“ halten zu wollen, womit sie entweder Unwissenheit oder Vorbehalte gegen Fremd- bzw. Lehnworte und Neuschöpfungen ausdrücken, ist Kennern die Unmöglichkeit dieses konservativen Ansinnens völlig klar. Sie wissen: So funktioniert Sprache nicht. Der Wortschatz wird den Bedürfnissen der Sprecher permanent angepasst. Nicht nur deshalb verfügen einige Menschen über größeres oder feiner ziseliertes Vokabular als andere. Zu- und Untergänge von Worten sind keine Weltuntergänge sondern normaler Sprachalltag.

Die Zukunft ist offen und wäre dieser Text Fantasy nach meinem Gusto, könnten wir nun gemeinsam in jenem Buch blättern, in dem ich mir die Gesamtheit aller Worte verzeichnet wünsche, welche die Menschheit in ihrer noch vor sich liegenden Geschichte erdenken und benutzen wird. Das wäre für meine Begriffe ein spannendes Nachschlagewerk, mindestens so umfangreich wie eine ausgedruckte Wikipedia; ich besäße nicht genügend Lebenszeit, es komplett zu lesen, doch gern würde ich darin schmökern. Allein wer sollte dies Lexikon schreiben außer der Zeit selbst? Es existieren keine Verzeichnisse zukünftiger Wörter, sehr wohl aber solche für vergangene, nicht mehr gebrauchte, für untergegangene. In denen blättere ich zuweilen und finde darin Ausdrücke, die zwar kein Mensch mehr verwendet und die auch ich nicht mehr verwende – auch aus Furcht, nicht verstanden zu werden –, die ich aber gerne vor mir sehe, sprich: lese und für mich ausspreche. Ausgebrauchte Laute faszinieren mich. Gestalt und Klang – Nutzungsspuren wie Dellen und Schrammen stelle ich mir dabei vor – sprechen mich rein ästhetisch an; irgendwie schwingen Geschichte und Geschichten mit, Dachbodenfunden gleich. Für mich sind das Wesen aus der Urzeit. Eines meiner liebsten ausgestorbenen Worte lautet Ingrimm. Es ist ein alter Begriff für Wut und heute noch in „grimmig“ enthalten. Man fühlt beim Lesen wie grantig düster brummelnd das Wort klingt. Ingrimm. Darin liegt eine ernste Warnung. So bin ich bei Ingrimm alarmiert und nehme mich in Acht.

 

Ein Wort in letzten Zügen

Allerdings soll es hier weniger um Begriffe gehen, die bereits verschwunden, sondern um solche, die immer noch da sind, vermutlich im letzten Teil ihres Lebenszyklus stehend; um jene, die einfach nicht verschwinden, nicht sterben, obwohl sie möglicherweise dicht dran sind. Prinzipiell gilt für Worte wie für Menschen: Wollen wir die Moribunden verstehen, müssen wir unbefangen die Toten schauen. Also greife ich blind hinein, schlage „Nabil Osmans Kleines Lexikon untergegangener Wörter“ auf und finde bei Seite 68 die Docke. Docke war im 18. Jahrhundert das allgemeine Wort für Puppe. Es wurde mit der Zeit, wie deren Körper immer weniger gedrehte Bündel aus Wolle oder Stoff waren und sie z.B. lebensechtere Gesichter erhielten, ausgetauscht und im 19. Jahrhundert verschwand Docke aus dem Schriftdeutschen, war bald nur noch im Mundartlichen nachweisbar. Ein ähnliches Schicksal ereilte glum, ein Wort für trüb, das sich zuletzt im vorletzten Jahrhundert finden ließ, und zwar in Ober- und Niederdeutschen Dialekten. Häufig werden unverständlich gewordene Wörter durch allseits bekannte von gleicher Bedeutung ersetzt und manchmal verschwinden Bezeichnungen, weil die dazugehörigen Dinge nicht mehr existieren. Fragt heutige Kinder nach Bandsalat und sie suchen in der Küche. Fremdwörter wandern als Lehnworte ein, weil etwaige verdeutschte Formen sich nicht durchsetzen. Neubildungen misslingen mitunter ebenfalls. Manches Wort wird vermieden, euphemistisch umschrieben; es gibt kurz gesagt viele mögliche Gründe für Wortuntergänge. Auffallend dabei, dass der Worttod nicht plötzlich von jetzt auf gleich kommt. Weiterhin existieren ja alte Sprecher, die dieses oder jenes Wörtchen ihr Leben lang kennen, es wie bisher verwenden, obwohl jüngere Generationen sich längst eine neue Bezeichnung angewöhnt haben. Folglich sterben Worte mit ihren Sprechern, wenn sie nicht vererbt werden, und vielleicht erinnert sich mancher Leser an eine Definition, die man ihm – eventuell sogar aufdringlich – mehr oder weniger erfolglos nahezubringen suchte. Was mich betrifft, beharrte mein Großvater zu meiner Grundschulzeit – das ist über vierzig Jahre her – stets darauf, es hieße nicht Senf, sondern Mostrich. Letzteres war für ihn, der obendrein viel Plattdeutsch sprach, das gültige Wort und auch heute sagt man in einigen Gegenden eher Mostrich statt Senf, dabei ist Senf vermutlich der ältere Ausdruck. Ersterer verweist auf die Herstellung mit Most statt Essig. Beide Termini sind regional unterschiedlich verbreitet, oft werden sie synonym verwendet; und weil in meiner Jugend sowohl Eltern und Großmutter, zudem andere Verwandte und Freunde Senf sagten, habe ich mir Mostrich nie groß zu eigen gemacht. Er steht bei mir im Hinterkopf. Falls der Senf ausgeht, muss ich die Wurst nicht mit Ketchup essen. Dies aber lediglich am Rande, denn ich will eigentlich dabei bleiben, dass Worte, wenn sie auf ihren letzten Weg – den in die ewigen Jagdgründe – gehen, am Schluss oft entweder im Dialekt oder in Sprichwörtern und Redensarten anzutreffen sind. In diese Bastionen ziehen sie sich zurück und halten dort die Fahne hoch. Hier können sie nämlich noch lange existieren, wie der Blick auf ein besonderes Wörtchen zeigt, auf mein liebstes Beispiel für ein noch nicht ausgestorbenes Wort, das jedoch einzig und allein durch eine Phrase weiterhin allgemein bekannt ist: Fug.

(Photo: Michael Helming)

Refugium des Fugs

Hand aufs Herz! Wer hat je in seiner Alltagssprache das Wort Fug anders gebraucht als in der Wendung „mit Fug und Recht“? Niemand? Ich auch lange nicht. Mir wäre auf Anhieb keine gute Verwendung eingefallen, da ich mir zunächst seine Bedeutung, die bei näherer Betrachtung eine ungeahnt vielfältige ist, wieder ins Gedächtnis zurückrufen musste. Fug ist in der Sprache wohl das, was man in der Naturkunde ein lebendes Fossil nennen würde. Fug ist archaisch wie ein Nautilus, ein Pfeilschwanzkrebs, wie der Lungenfisch oder ein Riesensalamander. Fug gleicht einer uralten Echse, einem Reptil. Es ist einerseits geballte Evolution, das Wissen ums Überleben. Andererseits ist Fug ein halb verblasster Mythos. Fug erinnert an Fabelwesen, Helden und Hexen, an eine längst vergangene Sagenwelt; Fug könnte eine geheime Eigenschaft von Drachenblut sein, ein ätzendes Geräusch, wie es aus feuerspeienden Rachen spritzt. Fug riecht penetrant nach Schwefel. Fug ist gefühlt beinah ein urzeitliches Fauchen, ein schuppiges Dinowort, der leibhaftige Thesaurus Rex.

Wenn wir mit Fug und Recht etwas tun, dann geschieht es mit vollem Recht. Die Floskel ist eine sogenannte Zwillingsformel, eine Verstärkung; man könnte in Versuchung geraten, von einer Tautologie zu sprechen. Genau genommen handelt es sich um ein Hendiadyoin, also um die Beschreibung eines Begriffs durch zwei semantisch ungleichwertige, oft mit „und“ verbundene Ausdrücke. Im Mittelalter nutzte man Fug gern, entweder alleinstehend oder in Paarformeln, zunächst noch in seiner mittelhochdeutschen Form vuoc. Grob stand das Wort für das Schickliche, Passende und Sinnvolle. Zudem verwies es unter anderem auf Recht oder Zuständigkeit. Bei uns steckt es noch in Befugnis. Stöbert man in alten Quellen, stößt man auf nennenswert hübsche Zeilen und Bedeutungen. Zu den frühesten gehört Ulrich von Türheim (1195–1250), der mit seinem „Tristan“ ein damals beliebtes Thema aufgriff. Vom Titelhelden und der Königin lesen wir etwa diesen Vers:

„si redeten vil unde genuoc.

ze jungest vunden si dën vuoc,

wie sich daʒ gevuogte

daʒ sich einʒ dës andern genuogte.“ (Sie redeten viel und genug, sie fanden schließlich das Passende. Wie es sich doch schickte, dass einer dem anderen genügte.)

Der Dramatiker Georg Binder (1495–1545) war ab 1524 Lehrer an der Schule des Chorherren-Stifts am Großmünster in Zürich, wo er neben seinen Übersetzungen antiker Stücke auch selbst verfasste auf die Bühne brachte. In einem, dem „Acolastus. Ein Comedia oder Spil von dem verlornen Sun“, seiner Bearbeitung eines lateinischen Schuldramas von Wilhelm Gnapheus (1493–1568), kommen wir im vierten Akt an die Stelle, an der Lais zu Acolastus sagt: „Wenn hatz es mit dir / es ist genug / Du kannst doch weder glimpf noch fug“ (Bitte keinen Streit mit dir. Du kennst doch weder Anstand noch Recht.) Später sagt Acolastus: „Das ist der ritt / wenn ist deß genug / Nun hat doch das nun gar kein fug.“ (Sinngemäß ungefähr: So läuft der Hase. Es reicht jetzt. Das hat doch keinen Sinn.)

Noch vor der Reformation steht im berühmten Narrenschiff des Sebastian Brant (1457–1521): „sitzen beim ofen ist sin fug“. Hier ist Fug das jemandem Zukommende, Gebührende, Zustehende.

Der alte Nürnberger Schuhmacher und Meistersinger Hans Sachs (1494–1576) beackerte in „Tragedia mit 23 Personen von der strengen Lieb Herr Tristrant mit der schönen Königin Isalden“ (1561) einmal mehr den Tristan-Stoff und darin ergeht folgender Mordaufruf: „ihr solt in in dem bett erstechen / oder wo es sonst fug mag haben“. Man möge also zuschlagen, wo immer es Sinn macht, respektive sich anbietet, die günstige Gelegenheit nämlich. Im Sinne einer passenden Gelegenheit finden wir Fug auch bei Martin Opitz (1597–1639), der als Purist in Sachen Lyrik unter anderem gegen unreine Reime kämpfte. In seiner „Weltlichen Dichtung“ mit dem Titel „Vesuvius“ heißt es: „Wie wird ein freyer Sinn (wo irgend Fug kan werden, / Die Warheit widerumb zu reden hie auff Erden)“. Freier Geist entwickelt sich eben mit seinen Möglichkeiten. Dagegen steht Fug in der Opitz-Übertragung von John Barclays „Argenis“ für Willkür, für Freiheit, die man sich nimmt, denn wir lesen: „ich habe mir unrecht zu thun fug gelassen“.

Im „Philosophischen Ehezuchtbüchlein“ Johann Fischarts (1546–1591) bedeutet Fug das Passende bzw. Unpassende, wenn es heißt: „die eh gepraucht zu einer gewaltsamen Zusammenkupplung einen pars, da keins des anderen fugs war.“ In seiner „Anweisung zum Ismenius“ (aus „Kleinere Dichtungen“) ist es das Zurückhaltende, auch mit Blick auf den Spannungsbogen: „Wolan, diß wer zum eingang gnug, / Wie man die gschicht hie läß mit fug“.

Voll und ganz Sprachvirtuose, entlockt dem Fug Christoph Martin Wieland (1733–1813) tiefere Bedeutung. Wo es nämlich in „Juno und Ganymed“ heißt: „(Juno) fodert zum ersaz mit fug (denn gratis wird sie nicht wie eine nonne leben), / dasz ihr gemahl so dankbar sei, ihr alle grillen zu vergeben.“, da klingt neben Sinn auch Hintersinn mit. Juno fordert nicht nur mit Recht, sondern ebenso mit Bedacht. Wielands Lehrgedicht „Die Natur der Dinge oder Die vollkommenste Welt“ gibt Fug als passende Verbindung, das sich passend anschließende wieder, auch in der Art des sich einfügenden: „Dort öffnet die Natur sich gern den schärfern Blicken, / Und zeigt euch Bau und Fug von ihren Meisterstücken.“ Kaum der Erwähnung wert, dass auch Goethe sich des Fugs fleißig bediente, mitunter bereits im Titel. Mit den reichlich mittelmäßigen Zeilen „Ein frommer Maler mit vielem Fleiß. / Hatte manchmal gewonnen den Preis.“ beginnt sein mit Fug eher unbekannteres Gedicht „Künstlers Fug und Recht“.

Selbst der Künstler kann nur einen Fug haben, nicht zwei, denn Fug kennt keinen Plural. Und damit wollen wir kurz den zweiten Fug einschieben, jenes Gegenteil, den Unfug, welcher im Gegensatz zum Fug kein lebendiges Fossil ist, sondern in unserer Sprache recht quicklebendig umhergeistert, selbst da, wo eigentlich der Fug gemeint wäre. Denn Unfug begegnet uns auffallend oft im Litotes, dem Stilmittel der doppelten Verneinung. Wir lesen und hören die Aufforderung „Treibt keinen Unfug!“ statt „Treibt gefälligst Fug!“ […]


Lichtwolf Nr. 75 (Fug)

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Gekürzte Vorschau des gleichnamigen Essays aus LW75.


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