Einleitung ins Titelthema „Vergessen“

„Hier lebt ein Herz von Not und Furcht befreit,
Hingleiten sieht es, stillen Blicks, die Zeit,
Verliebter Lenz wird zu des Winters Schnee
Und kein Gedanke weckt entschlafnes Weh;
Hier fließt der Lethe, hier erblüht das Kraut,
Dem das Geschick geheime Macht vertraut,
Und wer es je genossen, der vergaß,
Daß einstmals eine Heimat er besaß.“

– Aus: Oscar Wilde, „Ravenna“, freie Nachdichtung von Felix Dörmann; in: Die Fackel Nr. 185, (17.10.1905), S. 11)

 

Im Prinzip haben wir alles schon gewusst, meint Heidegger mit Blick auf die Vorsokratiker. Diese hätten eine Topcheckung vom Sein gehabt, von der im Laufe der Jahrtausende aber mehr und mehr verloren-, ja: verschüttgegangen ist. Begraben unter irrem Szientismus von Sokrates über Descartes bis hin zu Annette Schavan liegt es zuckend da, unser Verständnis des Seins, und wir wandeln mit Seinsvergessenheit geschlagen durch die ontologischen Rabatten. Mitunter zeigt der strenge Fundamentalontologe gar so etwas wie Verständnis für die Unsitte, die Frage nach dem Sein erstmal hinter Fragen wie privater Altersvorsorge, Bonus-Meilen und Kinoplatz-Reservierung zurückzustellen. Schließlich ist das Sein als Sein zum Todtnauberge wirklich nichts, dessen man sich rund um die Uhr bewusst sein kann und will; allenfalls in überlangen, trüben Wintern mag man die Erinnerung ans Nichts pflegen.
Siggi Freud gab denn auch ganz richtig zu bedenken, dass ohne Vergessen ein Überleben nicht möglich sei – geschweige denn eine Rente über Hartz-IV-Niveau. (Es ist doch stets der Hunger, der uns an die Armut erinnert, und die Frühlingssonne, die sie uns vergessen lässt. Dies nur als kleines Apropos.)

So locker-launig der Bogen von Seinsvergessenheit zur Freudianischen These von der notwendigen Gedächtnisentrümpelung erscheinen mag: Die moderne, mit allerhand Messinstrumenten bewaffnete Psychologie tut manchen interessanten Zusammenhang zwischen Vergessen und Angst, diesem kierkegaardschen Seinsmodus auf. Der US-amerikanische Emotionspsychologe Joseph LeDoux hat sich bei seinen Angst-Forschungen naturgemäß auf die Amygdala konzentriert, diese kleine Panikmandel im Hirnzentrum, die wir von unseren paläolithischen Vorfahren geerbt haben. Hier kommen alle Sinnesreize zuerst an und werden ohne jedes Gegrübel als unbedenklich oder gefährlich einsortiert. Die behäbige Großhirnrinde, in der Zahnarzttermine, Geburtstage und höhere Mathematik herumwabern, hat der Amygdala nichts zu sagen. Deshalb ist eine Panikattacke von keinem klaren Gedanken zu bremsen, sondern sie überrennt im Gegenteil den Verstand und schleift ihn mit. („Die Phantasie ist die Magd der Angst“, hieß es hier mal vorbedacht an anderer Stelle.) Denn wenn der Säbelzahntiger kommt, gilt es hurtig zu sein, statt lateinische Deklination zu üben oder zu überlegen, auf welchem Sitzmöbel sich das Fell am besten machen täte. Für all das und mehr sorgen die Stresshormone, die auf Kommando der Amygdala fließen.
Bei vielen Opfern und Zeugen von Katastrophen und schweren Gewalttaten ist eine handfeste post-traumatischen Belastungsstörung (PTBS) zu diagnostizieren. Hier hat die Amygdala außergewöhnliche Reizduschen abbekommen, die verstandesmäßig kaum oder gar nicht verarbeitet wurden.
Der Angst- und Gedächtnisforscher glaubt alsbald, die biochemische Grundlage der Seinsvergessenheit zum Überleben gefunden zu haben: Während die bewusste Erinnerung im Zuge traumatischer Verdrängung und steter Cortisolschwemme verblasst, bleibt die emotionale Erinnerung in der Amygdala fest verdrahtet. So brechen PTBS-Betroffene bei völlig trauma-unverdächtigen Reizen zusammen, ohne sich das erklären zu können, bis eine Psychoanalyse oder gar Hypnose das Ereignis hervorholt, das der Verstand vergessen hat, der Amygdala aber ständig präsent war. Ein New Yorker Feuerwehrmann kollabiert bei den Frühstücksvorbereitungen, weil er Jahre zuvor in den Trümmern des World Trade Center Terroropfer vorfand, die durch die Hitze in den brennenden Türmen die Farbe und Konsistenz von Kaffeepulver angenommen hatten. Die FAZ berichtete kürzlich vom Kriegsberichterstatter Carl Just, für den sich die beschauliche Schweiz schlagartig in ein mörderisches Inferno verwandelte – ausgelöst durch den Anblick eines Papageien. Die Amygdala erkannte darin seinen Artgenossen Coco aus einem Hotel in Beirut wieder; Carl Just konnte sich dagegen nicht mehr daran erinnern. Ebenfalls vergessen hatte er die verstümmelten Palästinenser, die er in den 80ern ebendort gesehen hatte.

Neben der in „Blade Runner“ aufgeworfenen Frage, woher wir wissen können, ob unsere Erinnerungen wirklich unsere sind, wirft das Unterbewusstsein, das nichts zu vergessen scheint, die Frage auf: Ist wirklich vergessen, woran wir uns nicht erinnern? Oder
schlummert es in uns, um eines Tages mit unabsehbaren Folgen wieder aufzutauchen? Nicht umsonst haben doch die Erfinder der englischen Sprache auf den Gleichklang der Worte „mind“ (Bewusstsein) und
„mined“ (vermint) geachtet.

Lichtwolf Nr. 29 („Vergessen“)

Mit Blick auf quälende Erinnerungen erscheint es ungerecht, dass kein aktives Vergessen möglich ist. Die klassische Verdrängung mutet wie ein unsteuerbarer psychischer Reflex an. Die Verdrängung im übertragenen Sinn des beharrlichen Nicht-dran-denkens dagegen verhält sich zum Vergessen so wie die kategorische Leugnung Gottes zur Lösung der Gottesfrage.
Bleibt zu guter Letzt noch die Lobotomie, die allerdings bloß in der Fiktion funktioniert. Dort lehrt sie uns aber auch, welchen Sinn es hat, etwas nicht absichtlich vergessen zu können (cf. die Liebeskummerschnulze „Remind me to forget you“). In „Eternal sun-shine of the spotless mind“ lassen sich Jim Carrey (1) und Kate Winslet die Erinnerung an ihre zerbrochene Liebe weglasern – nur um sie (die Erinnerung wie die Liebe) dann umso nötiger zurückhaben bzw. bewahren zu wollen. Denn auch wenn auf jede Sekunde Glück eine Stunde Schmerz kommt, so ist es doch eine Sekunde, die der Erinnerung wert ist.

Durch Vergessen wäre ohnehin nichts zu bewältigen, einzig durch Erinnern. Eine arte-Doku zeigte Überlebende des 11. September, die erst ihren Frieden fanden, als sie in der Lage waren, das Erlebte in eine Erzählung einzukleiden: Mit einem Anfang und einem Ende, einer Ursache und einem Sinn, wie hanebüchen er auch sei. Dies ist der Weg der Erfahrung und man möchte – Freuds Diktum im Hinterkopf – an den Lehrsatz der Erzählkunst denken: Wichtig ist das, was weggelassen wird. Ereignisse werden so zu Erfahrungen und formen den Charakter, der eine Erzählung der Identität ist. Versteht man unter ihr die durch manches Vergessen geschmeidig gemachte Erinnerung des Individuums, noch der gleiche wie gestern, letzten Monat oder vor vielen Jahren zu sein, so taucht wieder die Frage aus „Blade Runner“ auf. Zu ihr gesellt sich die, welches Maß von Vergessen für die Identität notwendig und welches für sie gefährlich ist. War Walter Jens am Ende wirklich und für sich selbst immer noch Walter Jens, obschon die Demenz ihm jede Erinnerung an Werk, Frau und Sohn genommen hatte?

Vielleicht hatte Heidegger recht und wir haben mal auf die Seinsfrage sowie auf alle obigen Fragen eine Antwort gehabt, sie aber leider vergessen. An alles mögliche erinnern wir uns, nur eben (noch?) nicht daran. Die Willkür des Vergessens entspricht der des Todes. Darum ist die vergessliche homerische Muse Mneme zu Recht eine Hades-Bewohnerin.

(1) Jim Carrey spielte auch die Hauptrolle im Verdrängungsdrama „The Number 23″.


Dieser Text stammt aus LW29.

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