Freud – The King of Rock’n’Roll des Geistes

Er rauchte, kokste, verführte die Jugend und begründete quasi nebenbei noch diese skurrile Art von Wissenschaft. Ständig geht es um Penisse, Libido und anderen Schweinkram. Kaum jemand führte ein solch glamouröses Leben wie Sigmund Freud.

von IPuP-Press, 20.03.2010, 15:05 Uhr (Neues Zeitalter)

Doch wie sah es hinter dieser glitzernden Fassade aus? Was ging in diesem großen Mann vor? Fühlte er sich oft allein? War er glücklich? Fragen wie diese werden täglich gestellt im Feld des Boulevard-Journalismus, dem diese kleine Klatschkolumne eindeutig angehört. Ärgerlicherweise sind solche Fragen zwar lustig, aber die Antworten darauf völlig langweilig für alle Beteiligen. Also lassen wir das.

Der Begründer der Psychoanalyse ist dem IPuP Philosoph genug, um ihm eine Folge dieser Klatschkolumne zu widmen. (1) Denn es gibt durchaus gute Gründe, die auch vor Philosophen und anderen Freunden und Bekannten des guten Arguments Bestand haben könnten. Das ganze lässt sich in fünf einsilbigen Worten zusammenfassen: Das Ich und das Es.

Hierbei handelt es sich um die sogenannten Metapsychologischen Schriften Freuds. Dort findet sich eine komplexe Theorie der Psyche. Keine Aneinanderreihung von empirischen Ergebnissen, wie sonst in der modernen Psychologie. Sondern auf empirischen Ergebnissen beruhende, hermeneutische Philosophie der geistigen Aktivität des Menschen. Aufsätze zu verschiedenen Phänomenen des Psychischen, in chronologische Reihenfolge gebracht, sodass sich die Entstehung einer neuen Art von Philosophie in einer Art Zeitraffer nachvollziehen lässt.

Dies war die erste von drei Literaturempfehlungen, die in diesem Artikel zu finden sein werden. Werbung machen. Aber nur für Produkte von denen man auch überzeugt ist… als wichtiger Mensch tut man das. Und wichtig wollen wir alle sein, sagt auch Freud. Irgendwie. Zwar würde er bei dem Teil mit der Werbung mitnichten mitgehen, aber das Wichtig-sein nannte er Narzissmus und hielt es für die eigentliche Antriebsfeder alles menschlichen Tuns. Narzissmus darf nicht mit Nazismus verwechselt werden, dessen Erfinder war Freuds Landsmann Adolf Hitler. Narzissmus leitet sich von Narziss her. Als viktorianischer Bürger liebte Freud selbstredend die antike Mythologie. Nur handelt es sich um eine scheinbar falsche Herleitung, korrekt müsste der -ismus von Narziss als Narzissismus bezeichnet werden. Doch der Herr Professor bevorzugte eine zischlautärmere Formulierung.

Eine ähnliche Kürzung nahm er übrigens bei seinem Vornamen vor: Aus Sigismund wurde Sigmund. Ob die Zischlautvermeidung dem ästhetischen Empfinden geschuldet war oder aus einer Zischlautschwäche Freuds erklärt werden muss, ist biographisch unklar – und zwar dank Freud selbst. Schon am Anfang seiner Karriere war er vom späteren Weltruhm überzeugt und vernichtete deshalb alle möglichen Dokumente: „Die Biographen aber sollen sich plagen. Jeder soll mit seinen Ansichten über die ‚Entwicklung des Helden‘ Recht behalten, ich freu mich schon, wie sie sich irren werden.“

Sein zweiter Vorname wurde auch gekürzt. Und zwar ganz. So wurde aus Sigismund Schlomo Freud jener dezente Name, welcher allgemein geläufig ist. Und dieser steht symbolisch nicht nur für eine ganze Wissenschaft (die Psychologie), sondern eben auch für eine neue Form der menschlichen Selbstreflexion, die bis ins Alltagsleben, in die Jedermannswirklichkeit reicht. Jeder weiß etwas über Freud und immer wieder wird über ihn und vor allem seine Theorie gelacht. Selten an den angemessenen Stellen.

Berggasse, Wien

Photo: Freud-Museum in Wien. Quelle: Wikipedia.

Ja, es gibt die eigenartige Person Freud. Und ja, es gibt die völlig abstrusen Behauptungen, die als Wissenschaft ausgegeben werden. Ich werde von beidem noch eingehend berichten. Aber es gibt auch den brillanten Denker Freud (man lese das oben erwähnte Buch und staune). Von diesem werde ich nicht weiter berichten, zu geringer Unterhaltungswert für diese Serie.

Viel besser ist es, ein weiteres Buch ins Spiel zu bringen. Es trägt den wunderbaren Titel „Sigmund Freud. Die ganze Wahrheit“. Verfasst und illustriert wurde es von Christian Moser und beinhaltet die Lebenserinnerungen der berühmten ersten Analysecouch (die Urcouch). Dort ist eigentlich alles Nennenswerte über die eigenartige Person Sigmund Freud beschrieben. So kann der geneigte Leser hier erfahren, dass laut Freudscher Theorie in allen Phasen der Kindheit Neurosen erworben werden können und der Herr Professor aus jeder Phase eine solche zurückbehielt. Die ganze kindliche Entwicklung startet mit der oralen Phase. Wenn diese nicht korrekt überwunden wird, bleibt das ganze Leben eine gesteigerte Begeisterung für das Rauchen oder Küssen oder Ähnliches zurück. Freud rauchte fast bis ans Ende seines Lebens circa acht Zigarren am Tag. Als er es nach siebenjähriger Gaumenkrebserkrankung doch aufgab, schrieb er an Lou Andreas-Salomé: „Ich habe das Rauchen völlig aufgegeben, nachdem es mir 50 Jahre lang als Schutz und Waffe im Kampf mit dem Leben gedient hat.“ Während der Eheanbahnungsphase mit Martha Bernays schrieb er ihr: „Rauchen lässt sich nicht entbehren, wenn man nichts zum küssen hat.“ Und arbeiten war ihm laut eigener Aussage nur mit Zigarren möglich. Eine der ersten morgendlichen Tätigkeiten des Hausmädchens bestand in der Leerung der Aschenbecher und viele Zeitgenossen berichten von einer immerwährenden Wolke aus Rauch um den Herrn Professor herum.

Auf die orale Phase folgt die anale. Wo es vorher noch um Brüste und Münder ging, geht es nun hauptsächlich um die Erfahrung des Lustgewinns aus der Stuhlzurückhaltung. Wenn hier nicht alles glattläuft, kann sich das in Geiz, übertriebener Ordnung oder einer völlig überzogenen Sammelleidenschaft äußern. Auf Bildern von Freuds Büro ist aufgrund der vielen antiken Gegenstände kaum ein Büro zu erkennen.

Eine dritte Phase nennt Freud die phallische. Hier geht es um die Entdeckung des Geschlechtsunterschiedes, woraus sich bei Jungen und bei Mädchen je unterschiedliche, sehr berühmte Probleme ergeben: Ödipuskomplex und Penisneid sind die hässlichen Kinder der phallischen Phase. Freuds sexuelle Leidenschaft war schon nach einige Ehejahren verschwunden. Da wundert es nicht, dass er Sätze schreibt wie: „Selbst die Ehe ist nicht eher versichert, als bis es der Frau gelungen ist, ihren Mann auch zu ihrem Kinde zu machen und die Mutter gegen ihn zu agieren.“ Freud sah allgemein in der Beziehung zwischen Mutter und Sohn die beste aller möglichen menschlichen Beziehungen. Er hatte eine sehr schöne Mutter, die er sehr mochte. Und er hatte ein Telephon. Das mochte er aber nicht so gern.

Eigentlich benutzte er selbst es nie, sondern ließ telephonieren. Auch auf seiner Visitenkarte war die Nummer nicht vermerkt. Dies ließe sich in bester psychoanalytischer Tradition auf seinen Narzissmus zurückführen. Freud wollte immer der Geilste sein und meinte nun, dass er nur als ganze Person eine ausreichend Ehrfurcht gebietende Präsenz besäße. Die alleinige Wirkung seiner Stimme, die das Telephonieren mit sich bringt, hätte ihm das nicht ermöglicht.

Seine völlig übertriebene Geltungsbedürftigkeit entwickelte sich bereits lange vor seiner Idee mit der Psychoanalyse. Schon von Kindheit an wusste der junge Sigismund Schlomo, dass er etwas Herausragendes vollbringen würde. Schon früh war er Klassenbester und die ganze Familie hatte Rücksicht auf ihn zu nehmen. Da auch seine Eltern von der Genialität des Sohnes überzeugt waren, funktionierte dieses System ganz wunderbar. Selbstredend verlief auch sein späteres Leben im eigenen Haushalt nach demselben Muster. Wie sich das en détail gestaltete, lässt sich prima nachlesen in dem von Detlef Bethelsen verfassten Buch „Alltag bei Familie Freud. Die Erinnerungen der Paula Fichtl“. Die Dame war als Haushälterin bei der Familie Freud angestellt. Es scheint sich um diese Art von klassisch bürgerlichem Hausangestelltenverhältnis zu handeln, bei dem auf der einen Seite eine Art von Leibeigenschaft besteht und unbedingter Gehorsam erwartet wird. Auf der anderen Seite gehörte sie zum Familienverbund dazu (Soziologen sprechen hier vom Familienkonzept des „Ganzen Hauses“), so dass sie selbstverständlich mit in den Urlaub kam und auch ihr die Flucht aus dem faschistischen Großdeutschland ermöglicht wurde.

Als aus Österreich die Ostmark wurde, dauerte es nur einige Monate bis die Freuds das Land verließen. Besagte Ostmark war erst zwei Tage alt, da stand schon die Gestapo vor der Tür. Fürs erste nur, um sich etwas dazuzuverdienen. Sie verließen die Wohnung erst, als der Herr Professor selbst sich aus seinem Arbeitszimmer hinausbequemte, um den braunen Herren einen bösen Blick zuzuwerfen (das hätte am Telephon wohl nicht geklappt). Bei ihrem zweiten Besuch überreichten sie der Herrin des Hauses sogar eine Quittung. Deutschland ist ein zivilisiertes Land. Seine letzte Begegnung mit der Gestapo hatte Freud bei seiner Ausreise. Dort wurde ihm von der Gestapo ein Papier vorgelegt, das er unterschreiben sollte. Hierdurch sollte er bestätigen, dass er von den Behörden und besonders von der Gestapo mit der ihm gebührenden Achtung und Rücksicht behandelt wurde. Freud unterschrieb und fügte noch den persönlichen Kommentar hinzu: „Ich kann die Gestapo nur jedermann auf das Beste empfehlen.“ Ob er dies nun niederschrieb oder laut sagte, ist unter den Biographen umstritten.

Durch die Flucht des Herrn Professor gibt es zwei lohnende Ziele der Freudverehrung. Die europäischen Metropolen Wien und London sind als Ziel der säkularisierten Pilgerreise zu empfehlen.

In Wien geht es in die Berggasse 19. Das legendäre Freudsche Domizil. Hier wurde sie erdacht, die Psychoanalyse. Hier wurden der kleine Hans (Pferdephobie aus Angst vor dem Vater), der Wolfsmann (als Kind von seiner Schwester verführt, verliebte sich daraufhin in seinen Vater) und auch der Rattenmann (träumte davon, seinem Vater Ratten in den Hintern zu stecken) analysiert. Neben den Räumlichkeiten gibt es einige Möbel, so zum Beispiel die original Wartezimmereinrichtung. Aber viel auffälliger ist das Fehlen von Möbeln. Beim Betreten von Freuds Arbeitszimmer fällt sofort auf, dass sich kein Arbeitszimmer darin befindet. Dafür gibt es viele Videos. Ausgewählt von Anna Freud. Das wird überhaupt ständig betont. Nur mit der angeschlossenen Bibliothek hat sie scheinbar nichts zu tun. Dort finden sich aber zumindest ihre Werke. Und viele andere Bücher. Alles, was es über die Freudsche Psychoanalyse zu sagen gibt, lässt sich dort nachlesen. Kann sich bei einer schnellen Selbstanalyse als hilfreich erweisen (Freud selbst hielt recht viel von der Laienanalyse, nur klug sollte der Laie sein).

In London lautet die Adresse 20 Maresfield Gardens. Dort findet sich alles, was in Wien als fehlend bemerkt wird. Die Einrichtung ist in Quantität (allein über 2.000 Figuren aus Freuds Sammlung) und Qualität der Berggasse überlegen. Das gesamte Arbeitszimmer inklusive berühmter Couch lässt sich hier besichtigen. Die Couch kann man dann im völlig übertriebenen Museumsshop in einer Fingerpuppenvariante gleich kaufen. Wem das nicht gefällt, der wird sich vielleicht für Plüschfiguren, Hausschuhe, Büsten, Kaffeebecher oder wenigstens für einen Kühlschrankmagneten begeistern können. Zwei Daumen hoch für diese Wunderwelt der Popkultur. Danke, Freud Museum London, danke für deine Ehrlichkeit. Denn wir wollen es doch auch! (Und mit dir, Berggasse 19, muss ich ein wenig schimpfen, du mit deiner kleinbürgerlichen Verwechselung von Seriosität und Langeweile.)

(1) Obwohl mich ein IPuP-Kollege darauf hinwies, dass es hier viel mehr um Gossip über Philosophie gehen würde als eben um philosophisches Gossip. Um solches zu sein müsste das Gossip in einer philosophischen Form dargeboten werden. Was Institutskollegen halt so reden.


Dieser Text ist die unveränderte Fassung des Beitrags „Freud - The King of Rock'n'Roll des Geistes“ aus LW29.

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