Woanders ist auch zu Hause

von Rawulf von Sar auf Etz, 18.07.2002, 15:04 Uhr (Dunkles Zeitalter)

„Die Hölle sind die anderen“, sagt Satre. Da stimme ich zu und wünsche mich auf eine einsame Insel. Viele Zeitgenossen – auch die Wohlmeinensten – werden gelegentlich von solchen Anwandlungen ergriffen.

Liebgewordene Überzeugungen müssen dann über Bord geworfen werden. „Ich habe mich immer als Sozialisten gesehen“, sagt etwa Wiglaf Droste, „aber ich mag das Proletariat nicht. Es wohnt über mir und schlägt die Türen laut zu.“ Dazu paßt das elfte Gebot, das der alte Misoantroph und Katzenfreund Robert Gernhard aufgestellt hat: „Du sollst nicht lärmen!“

Aber wo Menschen sind, da ist Gelärm. Wein, Weib und Gesang, in einem Wort: Gemütlichkeit. Und erst die lieben Kinderchen. Wer Kinder haßt, kann kein ganz schlechter Mensch sein, ergänzt Schopenhauer, der auch nie die Peitsche vergessen wollte, wenn er zum Weibe ging.

Die Umweltzerstörung ist nicht auf neue Technologien, sondern letztendlich auf die Überbevölkerung zurückzuführen, wußte schon Karl Popper.

Wohin also soll mein Weg gehen, Kanada, Sibirien, ein Südseeatoll? Bevor ich mich aufraffe und alle Bücher zuschlage, lese ich noch einen Satz von Bertrand Russel: „Der Durchschnittsmensch des 17. Jahrhunderts würde auf einer einsamen Insel weit besser zurechtgefunden haben, als der Durchschnittsmensch der Gegenwart, denn alle Errungenschaften der Zivilisation beruhen auf geordneter Zusammenarbeit großer Kollektive.“

Ganz abgesehen davon, daß ich nicht die Gabe habe, mich als Durchschnittsmenschen sehen zu können, kann ich gut und gern auf sämtliche Errungenschaften der Zivilisation verzichten. Umgekehrt gilt das auch, denn die Zivilisation kommt ohne mich ganz gut zurecht – vielleicht sogar besser.

Diese Pläne vom Einpacken und Abhauen sind Überbleibsel der Lektüre von Karl May und dicker Bildbände über den australischen Busch. Zerklüftete Landschaften, von wilden Vogelschwärmen bevölkert, werden gezeigt, stets mit der Bemerkung versehen, dies alles sei heute nun bedroht: Die Bagger stehen immer schon bereit, die Wildnis in behagliche Wohnparks für glückliche Zwei-Kind-Familien zu verwandeln oder Platz für noch ein subventioniertes Walzwerk zu schaffen. Das alles habe ich nicht gesehen, nur gelesen. Ich bin in einem hübschen Wohnpark im Schatten subventionierter Walzwerke aufgewachsen.

Auf nach Kanada! Dort besorge ich mir eine Motorsäge, fälle die dicksten Tanne und zimmere eine Blockhütte. Fließend Wasser wäre nicht schlecht. Licht auch, ohne Licht geht es natürlich nicht, denn man will vom Abend ? nach dem Bäumefällen – doch noch was haben. Das wird der Anfang einer schönen gemütlichen Aussteigerkolonie in der Wildnis, mit Stromanschluß und Ölofen. Vielleicht bauen wir in zehn Jahren eine Straße, damit wir im Winter leichter zu erreichen sind und die Kinder besser zur Schule kommen.

Ich bestell‘ schon mal den Bagger…


Dieser Text ist die unveränderte Fassung des Beitrags „Woanders ist auch zu Hause“ aus LW1-4.

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