Binärsystem Sprache

Mit Herz und Seele durch Welten aus Wort und Sinn. Gern schlagen wir in Gedanken und Gesprächen bildliche Bälle lust- und klangvoll hin und her. Wir vergleichen, arbeiten mit Entsprechungen und/oder Gegensätzen. Sprache braucht Dualismen, auch wenn die nicht immer alles erklären.

von Michael Helming

Werde ich Falsches behaupten

oder die Wahrheit sagen?

– Homer, Ilias

Worte über Worte. Hat man eines gefunden, drängt sich schon ein zweites auf. Wer denkt oder glaubt, Sprache wird besser und schöner, indem man Sprüche und Widersprüche mit Stumpf und Sti(e)l ausrottet, glatte und glänzende Sätze schafft, ohne Mehrdeutigkeiten und Unsicherheiten, ohne Deutungsspielräume und spielerische Bedeutungen, der verkennt der Worte Wesen, träumt von Glück und Wohl in Walhalla oder Wolkenkuckucksheim, wo es weder Holzwege noch Stolpersteine gibt. Von Haus aus können Worte nicht allein sein, sie suchen und finden einander und uns wie Verliebte, wie Geschwister, hier Freund, dort Feind. Wo ein Begriff auftaucht, sich erhebt, da ist sein Gegenteil oder eine Tautologie nicht fern; Dualismen, Doubletten, Doppel- und Wi(e)dergänger beherrschen Welten und Denken; überall Poden und Antipoden, permanentes Für und Wider, Pro und Contra, aber auch Ja und Ja. Viele Namen und nur wenige Ausnahmen, die Gesetz und Regel in Theorie und Praxis bestätigen, indem sie dagegenhalten. Warum gibt es beispielsweise unzählige Antilopen und keine einzige Lope? Das Spiel mit dem Gegenspiel zieht sich nicht selten ohne Sinn und Verstand kreuz und quer durch Leben und Alltag. Nur einer von mehreren Ursprüngen liegt dabei in der Beobachtung oder Feststellung, dass der Mensch, beim Versuch, seine Stellung im Universum zu deuten, zwei Grundhaltungen einnehmen kann: eine positive und eine negative.

Alles gegen Platon

Unser Denken und Sprechen scheint auf den ersten Blick ein Handeln gegen Platon zu sein. Richtung und Ziel seiner philosophischen Bemühungen war die Annäherung an das Eine, das Grundprinzip der gesamten Wirklichkeit, bis hin zur Erfahrung der Vereinigung mit dem Einen, wie er es im „Parmenides“ behandelt. Obwohl er an das Ungeteilte glaubt, trennt er das Sinnliche vom Verstand. Und im „Timaios“ heißt es: „Das Sein verhält sich zum Werden wie das Glauben zum Wissen.“ Das Eine ist Zwei. Sprache und Denke sind janusköpfig. Es ist zum Läuse und Flöhe kriegen, zum Ratten und Mäuse melken.

Auf den zweiten Blick beruht der Platonismus auf einem einfachen anthropologischen Dualismus: Adam und Eva, Cindy und Bert, Liz Taylor und Richard Burton, Marianne und Michael, Paris und Helena, Esmeralda und Quasimodo, Maria und Joseph, John Lennon und Yoko Ono, Charles und Diana, Pünktchen und Anton, Romeo und Julia, Tarzan und Jane, Kurt und Courtney, Sonny und Cher, Fred Astaire und Ginger Rogers, Hänsel und Gretel, Harry und Sally, Heino und Hannelore, Bonnie und Clyde: Sie alle sind laut Platon jeweils aus einer unsterblichen Seele und einem vergänglichen Körper zusammengesetzt. Es gibt offenbar nicht das Eine allein. In der platonischen Kosmologie ist die Erde konkav und ihre Unterseite, die Welt der Menschen, hat andere Eigenschaften als die Oberfläche. Da konkav von gegenüber gesehen konvex ist, hat ein und dieselbe krumm gekloppte Medaille auch hier zwei Seiten. Teufel noch eins! Man kommt nie vom Doppelten aufs Eine. Laut Mauthner ist 2 ohnehin die einzige Zahl.

(Photo: Michael Helming)

Als Plotin im dritten Jahrhundert am Dualitätsphänomen rummacht, kennt er das Ur-Eine (μόνος), das Absolute, das Transzendente, welches Platon so noch nicht kannte. Mittelplatonische Philosophen wie Plutarch hatten es präfiguriert. Es ergab sich aus dem Zwang, die Vielfalt aus der Einheit zu erklären. Beim Grübeln und Nachdenken darüber dümpeln meine Wenigkeit und ich immer wieder in private Dialoge und Selbstgespräche, in einen inneren Monolog und Bewusstseinsstrom, wo Sinne und Bedeutungen abschweifen und einfach zweifach davonschwimmen, bis sie irgendwo in irgendeinem neuronalen Netz zappeln, aufs Trockene kommen. Da kommen mir kurz und knackig Begriffe und Ideen in Hülle und Fülle. Aus diesem Anlass, dessen Ursache die Suche nach Trenn- und Verbindungslinien zwischen Schein und Wirklichkeit, Larve und Offenbarung sei, stürze ich mich Hals über Kopf in Heil und Verderbnis, mit Möglichkeit und Aussicht, mich um Kopf und Kragen zu reden, zu schreiben. Wie kann man zugleich Pickel und Zustimmung ausdrücken? Ist das alles nur eine Stilfrage? Oder doch zwei?

Alles ist doppelbödig

Alle Gewissheit und Ungewissheit beginnt beim Zeichen, dem Buchstaben, per se Träger und Verberger von (Mehr)deutigkeit. Verklumpt zu Worten und Sätzen entstehen Bilder, Metaphern und Metonymien, die Teile fürs Ganze ausgeben. Immerzu gibt sich ein Ding für ein anderes aus. Doppelsinn und Schizophrenie. Ich bin du und alles ist nichts. Gänse und Enten, gefüllt mit Marmelade und Kompott. Der Wolf im Schafspelz. X und U. Hü und hott. Ja und nein. Entweder oder. Zu jedem Ding gehört eine Idee, zu jeder Idee ein Ding. Hebt und schiebt man diese doppel- und zugleich unzweideutige Übereinstimmung in den Rang einer Regel, eines Gesetzes, darf man dann Wirklichkeit tatsächlich wirklicher wahrnehmen oder geht man wie Bouvard und Pécouchet durch den nächtlichen Garten? Betet an Beeten und Bäumen Obst- und Gemüsenamen runter? Schau mal: Mohrrüben oder Karotten. Äpfel und Birnen.

Der Kollege Wolfgang Schröder schreibt in LW61 ganz richtig: „Der Mensch strukturiert sich die Welt gerne in Gegensätzen.“ Dem ist hinzuzufügen: „oder in Analogien“. Zweifellos denken und reden wir in Extremen. Die Gegenstände unserer Vorstellungen scheinen gepolt und entweder stoßen sie sich ab oder ziehen sich an. Es blitzt und donnert, reagiert und explodiert, wenn wir von Zwergen und Riesen, von Dürre und Flut, von rechts und links reden. Nie wählen wir die gemäßigte Mitte, obwohl Platon-Gegenspieler Aristoteles sie empfiehlt. Allerdings fällt letzterem auch nichts Besseres oder Praktikableres ein; auch er definiert in der „Nikomachischen Ethik“ die Mitte von extremen Gegensätzen her. Im Denken und Sprechen sind wir taub und blind. Rat- und hilflos fassen wir zusammen und verknappen, wir fügen hinzu und schweifen ab, halten auseinander und trennen, addieren und subtrahieren Begriffe wie Zahlen. Unsere Wortwelt ist Irrgarten und Labyrinth, Sprachlabor und Hexenküche. Wir machen aus Buchstaben und Worten Sätze und Absätze so, wie Chemiker aus Atomen Moleküle und Stoffe generieren. Sauerstoff und Wasserstoff, Salz und Pfeffer, Ketchup und Senf, Himmel und Erde, Schale und Kern, Gift und Gegengift, Zentrum und Peripherie, Kritik und Kreation, Karneval und Katastrophe, Freiheit und Sklaverei, Zustimmung und Ablehnung, mehr oder minder, so oder so, ganz oder gar nicht.

Die Doppelheit der Welt und des Kosmos, also alles, was am Sein drum und dran ist, verwandelt sich in Wort und Sinn. Beide können aufeinander bezogen und nach Belieben vertauscht werden, womit man mittendrin steckt, in Fluch und Segen von Schrift und Sprache. Nun sagen Zauberwürfelschnelldreher und Textaufgabentranszendierer: Jede Botschaft, jede Auskunft findet Aussage und Bedeutung in einem Code. Der Möglichkeiten zur Entschlüsselung sind zwei: Entweder man befragt das Gesagte selbst oder aber die Art und Weise, wie es gesagt wird. Man braucht nur den Schlüssel zum Verständnis, den Lösungsansatz zum Rätsel, die Enigma und etwas Zitronensaft. Dann wird auf Knopfdruck oder an einer Kerzenflamme der Pessimismus des Falls zum Optimismus der Erhöhung. Austerlitz wird Waterloo, plus wird minus und richtig falsch. Die Ostgrenze des Westens wird Westgrenze des Ostens, ein Benz zum Tretroller, die Blonde zur Brünetten, das lateinische Post zum griechischen Meta, vage Meinungen zu festen Überzeugungen. Es ist und bleibt vertrackt wie verflixt: Gleichheiten können zu Ununterscheidbarkeiten werden, derweil Unterschiede sich zu Gegensätzen auftürmen, steigern. Erst gibt es Streit, dann Krieg.

Die Sprache so unordentlich wie die Welt

Dieses oder jenes oder dieses und jenes? Das ist genauso viel oder wenig eine Frage wie die nach Sein oder Nichtsein. Zur Sprache gehören Irrtum und Ähnlichkeit, wie in Salamis und Salami. Wer A-Hörnchen sagt, muss auch B-Hörnchen sagen, sanctus und amen, mit Nüssen und Mandeln, Enthüllen und Handeln, mit Zymbeln und Pauken, dabei das Gesicht im Spiegel. Hals und Beinbruch! Hinter all diesen Doppelungen und Spaltungen steckt der verzweifelte Wille, das Universum samt dem eigenen Leben gründlich aufzuräumen und zu organisieren. Auch Foucault weiß: Der Pfad und Weg zur Ordnung besteht immer aus Dualismen, sei er gepflastert oder asphaltiert. Das ist die Straße, die Hauptverkehrsader, auf der alle unterwegs sind, die Prediger und Verkünder, die Verächter und Anprangerer, die Komponisten und Interpreten, die Schlageraffen und Bänkelsänger. Mit Dampf und heißer Luft, mit Ross und Wagen ist man losgezogen, mit Mast und Schiff, mit Sack und Pack, mit Hab und Gut, mit Rumpf und Stumpf, samt und sonders mit Weib und Kind, mit Mann und Maus, mit Horst und Brut, mit Kind und Kegel, wie Dokumente und Papiere mit Brief und Siegel bestätigen. Mit Herz und Hirn und mit Leib und Seele drängen sich alle über die Kreuzung: Simon und Garfunkel, Kant und Hegel, Pat und Patachon, Dick und Doof oder Stan und Olli. – Für dich und dich immer noch Laurel und Hardy! Don Camillo und Peppone, Ernie und Bert, Fix und Foxi, Joko und Klaas, Kain und Abel, Karius und Baktus, Lolek und Bolek, Mario und Luigi, Netzer und Delling, Max und Moritz, Susi und Strolch, Siegfried und Roy, Tim und Struppi, Zeus und Hera, Tom und Jerry, Asterix und Obelix, Barbie und Ken, Abbott und Costello, Dean Martin und Jerry Lewis, Batman und Robin, Beavis und Butthead, C3PO und R2D2, Calvin und Hobbes, Bernhard und Bianca, David und Goliath, Fuchs und Hase, Arbeiter und Bauer, Jahwe und Baal, Beelzebub und Satan, Derrida und Barthes, Jude und Araber, Spitzbube und Landstreicher – letztere barfuß und ohne Beinkleider –, Romulus und Remus, Tagelöhner und Wanderarbeiter, Prinz und Bettelknabe, Narcissus und Echo, Dante und Vergil, Orpheus und Eurydice, Ajax und Ulysses und last but not least du und ich natürlich. Im langen Treck, in einer Karawane, ziehen wir schleichend und langsam dahin, voll beladen mit Kraut und Gras, Schrot und Korn, Essig und Öl, Wurst und Käse, Speck und Schinken, Kraut und Rüben, Bier und Wein, Wasser und Brot, Knack und Back, Leicht und Kross, Head and Shoulders, Schoko und Keks. Alles was gut und teuer ist. Und nicht allein mit materiellen Dingen sind wir überreich bepackt: Gut und böse, Gunst und Huld, Furcht und Elend, Hass und Verachtung, Ignoranz und Unwissen, Lob und Tadel, Schuld und Sühne, Theorie und Ideologie – dies und mehr haben wir in Kofferraum und Handschuhfach.

Unterwegs werfen wir Worte in die Waagschale, legen sie auf die Goldwaage, unterwürfig und aufbegehrend, in Stumpfsinn und Ekstase. Wir gleichen terrorisierten Terroristen und erlösungsbedürftigen Erlösern. Geschichte und Geschichten werden erzählend wie singend ausgewaschen und filtriert, das Gold vom Sand getrennt. Wir haben Diskurs und Disput. In gewandter wie ungewandter Rede entstehen neue Wendungen, derweil wir alte vergessen wie Maße und Gewichte. Bewusstes und Unbewusstes sammeln und horten, aussondern und verklumpen. Sprache schließt ein oder aus, sortiert und entscheidet, zählt auf und trennt. Aus dem griechischen Wort für Ordnung (τάξις) und jenem für Gesetz (νόμος) wurde Taxonomie, ein Verfahren oder Modell zur Klassifizierung von Dingen oder Ideen; gleichermaßen für Wissenschaft und Alltag wichtig, um Handlungsfähigkeit und Übersicht zu wahren. Kisten und Kartons, Schubladen und Fächer, Mappen und Ordner, Listen und Zettelkästen. Klischees und Stereotypen. Abziehbilder und Etiketten. Begriffe und Gruppen. Subjekte und Objekte, Arten und Unterarten. Familien und Gattungen. Ohne Widerspruch und Zweifel ist Sprache ein wildes und willkürliches System, einerseits Brücke und Verbindung zwischen Mensch und Ding und nicht zuletzt zwischen Mensch und Mensch, andererseits Graben und Kluft, Schlucht und Abgrund, die Mauer und die rote Linie zwischen ihnen. Ewig und allgegenwärtig sind nur Korrelat und Bilateralität, die Zweiseitigkeit und der Dualismus. Es gibt keinen Lebens- und Seinsbereich, der ohne sie auskommt. Immer und überall in Kunst und Philosophie, in Politik und Gesellschaft, in Wirtschaft und Kultur gibt es Protagonisten und Antagonisten. Freud prägte den Dualismus von Gewalt und Liebe. […]

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Lichtwolf Nr. 66 (Stumpf und Stil)

Lichtwolf Nr. 66 (Stumpf und Stil)

Der gesamte Essay und viele weitere schöne Texte stehen in Lichtwolf Nr. 66 zum Thema Stumpf und Stil.


Dieser Text ist die gekürzte Vorschau des gleichnamigen Essays aus LW66.

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