„Ich mein’s doch nur gut“

Von Mietpreisen zu Exploitation-Filmen

von Jonis Hartmann, 20.06.2014, 09:41 Uhr (Zwote Dekade, 1/2)

 

Kennen Sie das? Sie sitzen in der Bahn und dann kommt was und Sie riechen das und Sie denken nur das eine? Genau. Und weiter, Sie wollen sich einen Film ansehen und statt des eröffnenden Logos der Produktionsgesellschaft erinnert Sie ein anderes Logo, das plötzlich aufpoppt, daran, dass Sie nur einen Klick zu vollführen bräuchten und dann wären Sie schon in eine Ihnen bis dato unbekannte Nachbarin eingedrungen und die findet das süß, weil sie eh den ganzen Tag Zeit hat und da sitzt und wartet, ihren gefühllosen Brustsack aus Silikon in Skrotumform streichelnd. Denken Sie dann auch das eine? Jawohl. Und zuletzt nur ein Wort: Mieten. Alles klar? Selbstverständlich.

Das waren drei Beispiele, weil drei eben eine besondere Zahl ist, aber genau genommen gibt es aus jeder Lebenslage mindestens eine Million Beispiele für „Ich mein’s doch nur gut“, denn der Übergang einer übertriebenen Verhältnismäßigkeit in die Perversion ist vollkommen fließend. Viele finden das bestimmt nicht pervers, dass sich da einer nicht wäscht. Vielleicht muss er ja einfach sparen, vielleicht kann er es nicht, weil er keine Bleibe hat, aber vielleicht ist er ja pervers und er braucht das irgendwie. Womit die Schwelle der Verhältnismäßigkeits-Überschreitungs-Motivation auch schon beim Namen genannt ist, die triebhafte Steigerung einer Handlung vor einem sexuellen Hintergrund. Ist eine Pop-up-Einladung zum Online-Poppen pervers? Ist der User pervers, wenn er ihr nachgibt? Das ist nicht der eigentliche Faden. Der eigentliche Faden ist, wie bei den seit langem im perversen Bereich und weiter steigenden Mieten, das Faktum der Realität. Nichts ist auf dieser Welt pervers genug im Sinne der (Un)Verhältnismäßigkeit, dass es nicht Leute gäbe, die diesem geschäftlich nachgehen würden. Und das ist das eigentlich Perverse, auch wenn Leute die Aufforderung zum Poppen an sich schon pervers finden. Dass es Leute gibt, die in Bezug auf sich selber, ihr Einkommen oder beides überhaupt keine Grenze zu ziehen im Stande scheinen. Perversion als Kategorie außerhalb ihrer selbst.

„Ich mein’s doch nur gut.“ Na klar, sie müssen eine Familie ernähren, ihren Kinderchen die beste Schule ermöglichen, ihrer Frau die schönsten Geschenke machen, sich selber den besten Auftritt verschaffen, aber womit?

Es gibt selten einen Perversen, dem klar wäre, was mit ihm los ist. Selbst jemand, der ein geschlechtliches Interesse an Neugeborenen verfolgt und behauptet, es mache ihm Spaß, obwohl er wüsste, dass es böse sei, scheint irgendwie doch von der Möglichkeit besessen, dass er es ja in diesem Moment nur gut meine. Die Perversion grassiert wie ein wetterabhängiges Phänomen der Gesellschaft, das sich mal versteckt, mal zeigt, dann ausgeschlachtet, hauptsächlich aber verschwiegen und toleriert wird.

Eine unfassliche Ballung von offenen Perversionen ereignete sich in den 70er Jahren im italienischen Exploitation-Kino. Nachdem klar war, dass man im Studio-System viel Geld machen kann, es aber auch ein verdammt langer Weg nach oben in diesem System ist, begannen einige findige Einzelkämpfer, es mit der Welt aufzunehmen und nicht nur sogenannte B-Movies zu drehen, sondern eben auch Z-Movies, mit nahezu überhaupt keinem Budget. Wie man trotzdem einen Film zustande bekommt, der auch tatsächlich Einnahmen beschert? Ganz einfach: Perversionen filmen und dabei pervers vorgehen. Wenn man eh schon kaum die Kamera halten kann und die Schauspieler in Wirklichkeit Kollegen und Mitfrühstücker (Zigarette und Espresso) der Stammbar sind, die einen Text nicht zweimal hintereinander aufsagen können, und man außerdem nicht Ed Wood ist, dem das Gespür für das Reißerische neben eigentlich allem anderen Gespür auch fehlte, dann konnte man in den Porno-Siebzigern gutes Geld damit verdienen, seine Frühstücks-Crew in ein Flugzeug gen Urwald zu stecken, die vorgefundenen Eingeborenen zu überzeugen, Kannibalen zu spielen und mit jeder Menge realer Tierschlachtungen in einem plausiblerweise nonprofessionellen Habitus eine Menge Blut und Därme über der nach Drehbuchskizze stetigerweise dezimierten Frühstücks-Crew zu verteilen. Wenn man dabei noch gleich eine Pseudodokumentation aus gestellten Szenarien aneinander reihte, hatte man gleich zwei Rollen mit der gleichen Filmklappe geschlagen: den Kannibalen-Film und die abendfüllende Lügen-Dokumentation, der man nur noch einen rassistischen Kommentar beifügen musste, sowie den Halbtitel Mondo… Fertig war der Sommererfolg. Für den Winter konnte man dieselbe Frühstückscrew nehmen und in einen Schlosskeller in den Apenninen sperren, um mit einem weiblichen Lead eine sogenannte Nazisploitation abzukurbeln, bei der hunderte KZ-Häftlinge begutachtet und gefoltert werden von Ilsa, der schönen Deutschen mit dem Totenkopf und einer unstillbaren Lust auf usw.

Lichtwolf Nr. 46 (Perverse)

(Illu: Georg Frost)

 

Es gibt neben mehreren Dutzend Varianten dieser Exploitation die absurdesten Crossovers mit anderen Genrevertretern wie der Nunsploitation, dem Zombie-Horror, dem Giallo und selbstredend dem Hardcore-Porno. Das alles hat bis zum Niedergang des italienischen Genrekinos in den 80ern (die letzen Versuche waren übrigens Söldneraction und Barbarenfilme) dazu geführt, dass eine Menge Regisseure eine Menge Produzenten kurzzeitig sehr vermögend gemacht haben. Natürlich hatten alle daheim eine Familie zu ernähren, mussten ein bürgerliches Leben leben auf der Piazza, sich unterhalten übers Essen. Jemals auf der Anklagebank saß aber nur einer von ihnen, Ruggero D., welcher behauptete, dass alle in seinem Film bei lebendigem Leibe auseinander gerissenen Tiere auch verspeist worden wären, er es also auch nur gut gemeint habe, schließlich war ja Hunger.

Um einmal einen Quantifizierungsgrad des Ausmaßes der tolerierten, geförderten und öffentlich genossenen Perversität dieser Kinophase zu ermessen, werfen wir einen Blick auf den beiliegenden Perversomaten, der gleich mehrfach ausschlagen wird bei der Schnittmengen-Handlung ausgewählter Filme:

A Themenabriss des Films: Filmcrew auf der Suche nach den letzten Kannibalen filmt kannibalistische Handlungen und hält dabei lieber die Kamera drauf als den Opfern zu helfen. Pervers.

B Handlung des Films: Der Schurke der Filmcrew paktiert mit geldgierigen Ölsuchern und wirft die gesamte Crew bis auf das Scriptgirl, das er vorher vergewaltigt hat, dem Stamm zum Fraß vor, verlangt als Gegenleistung wertvolle Metalle, hält sich nicht an den Deal, weil er lieber alles haben will, wird aber auf der Flucht von einem anderen Stamm, der nicht nur Menschen bei lebendigem Leib verspeist, sondern auch Opferrituale mit erbeuteten Geschlechtsteilen vollführt, gefangen genommen und bis zum Ende des Films in Einzelteilen und sehenden Auges einem kleinen Priester mit verkrüppelten Beinen serviert. Pervers bis dahin. Scriptgirl kann mithilfe eines noch nicht volljährigen Kannibalen fliehen, der auf der Flucht in einer hinterhältig zuschnappenden Tierfalle bestialisch zu Tode kommt und mit den letzten Atemzügen dem stromab gleitenden Kanu hinterher winkt. Scriptgirl und Filmrollen landen auf Mahagoni-Tisch in urbanem Produktionsbüro und anwesende Bosse gucken Filmrollen. Bravo-Rufe, Applaus, Scriptgirl-Augen füllen sich mit Tränen. Pervers. Während der Handlung immer wieder eingestreut: exzessive Tierschlachtungen, Blutrituale, erfundene Bestrafungen des Stammes für (sic!) perverse Ehebrecher, z.B. Pfählungen oder Honig-Vagina-Ameisen, -Schlangen, -Piranhas etc. Pervers. Außerdem permanenter Analverkehr ohne Einverständnis, Tiersex dito.

In summa: gesamte Handlung und Thema pervers.

C Vorgehensweise der Crew beim Filmen: Kolonialistisches Eindringen der sogenannten Zivilisation in den Dschungel, Müll und Zerstörung beim Filmen, mit glasperlenäquivalenten Dingen erkaufte, gestellte und vollkommen erlogene Handlungen eines friedlichen Waldbewohnerstammes, Sicherung der Drehorte für nachfolgende Produktionsteams. Pervers. Von der illegalen Ausfuhr diverser Gegenstände oder etwaiger Konzessionsvorbereitung für Goldsucher und Ölmenschen oder seltenen Tierhäuten ist nichts überliefert. Noch nicht. Wäre pervers.

D Nach dem Film: einen Espresso an der heimischen Bar an der Piazza trinken und den Kindern beim Spielen zusehen, in die Normalität danach eintauchen, die Moskitostiche jucken noch. Pervers. Dass die meisten dieser Filme tatsächlich Erfolge an der Kinokasse waren, versteht sich. Perverse Welt, dass solch eine Kalkulation aufgegangen ist, dass sie es noch immer tut und bestimmt auch noch lange aufgehen wird.

Zurück von dieser Perversion zu Mieten, Pop-ups und Dreckigsein-Zwängen. Denn jeder Mensch übt etwas über die Grenzen der Verhältnismäßigkeit aus, ob er das weiß oder nicht. Es ist Sache des Gegenübers und der Öffentlichkeit, den Perversomaten zu ziehen und das Ausschlagen des Zeigers zu beobachten und zu handeln oder sich seinen Teil zu denken. „Cannibal Holocaust“ war kein schlechter Film.

 


Lichtwolf Nr. 46

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Dieser Text ist die unveränderte Fassung des Beitrags „„Ich mein’s doch nur gut““ aus LW46.

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