Auferstehung

von Barbe M. Linke (Text) / Steffen Mertens (Illus)

 

(Illu: Steffen Mertens)

Sonnenlicht flutet ins Zimmer. Lolo blinzelt, kann nur Umrisse im Spiegel erkennen. Ihr Blick ist an der weiß gestickten Kappe hängen geblieben, die er vergessen haben muss.

So hat sie ihn kennengelernt. Mit dieser Kappe auf schwarzglänzendem Haar. Er wirbelte herum, stampfte die Erde; aufgeblähte, mondfarbene Pluderhosen flogen an ihrem Gesicht vorbei. Mit ihm drehten sich drei andere Männer im halbdunklen Saal.

Aber nur er kam auf sie zu, nahm sie bei der Hand, und ging mit ihr hierher. Die gestickte Kappe über die Stirn gezogen. Ernst sah er aus, der unbekannte Fremde. „Ich bin im Exil“, hat er am nächsten Morgen gesagt und sie auf den Mund geküsst. Er ist nicht wiedergekommen.

Lolo spitzt die Lippen; es sieht aus, als hauche sie einen Kuss auf den seidigen Stoff. Entschlossen drückt sie sein Käppi aufs rotblonde Haar. Und noch immer tanzen Sonnenstrahlen auf dem Spiegelglas. Da ist es, als höre sie die bebende Stimme, die von „Flucht“ und von „uniformierten Kindern“ sprach. Sie wollte es nicht hören, nicht in dieser Nacht. Behutsam legte sie seine Hände über ihre Ohren. Er setzte sich kerzengerade auf, die Augen starr auf die Wand gerichtet, das Käppi auf der behaarten Brust. Unerwartet lachte er auf, rutschte zu ihr zurück. „Was kann ich tun, hier, wo ich jetzt bin?“ Er drehte seine Hände, presste die Kappe ans Herz, flüsterte, „mein Großvater hat sie getragen, als ich ein Junge war…“

 

Lolo zieht eine Grimasse, schaut auf die Uhr. Wie jeden Tag nimmt sie die Abkürzung über den Friedhof.

Erst beim Näherkommen sah sie, wie einer der beiden Männer, die eine Treppe herunterkamen, die Oberlippe hochzog, und wie diese minimale Bewegung der andere, der einen halben Schritt hinter ihm ging, nachmachte. Sie hatte gesehen, wie die Männer auf ihre gestickte Kappe geblickt hatten, wie ihre Augenlider sich gehoben und gesenkt hatten.

„Ich brauche ein Taschentuch“, sagte sie und zog die Nase hoch.

Eine Männerhand gab ihr ein großes, weißes Tuch. Lolo nahm es, nickte, wendete sich und putzte laut die Nase. Wortlos entfernte sie sich.

„Halt! Das Taschentuch!“

Sie drehte sich halb herum, „aber ich brauche es noch.“

„So war das nicht gemeint!“ Der Mann, der vor ihr stand, streckte eine Hand aus. Der hinter ihm Stehende tat dasselbe. Als wären sie eine Gestalt, wiederholte der zweite Mann mit ernstem Gesichtsausdruck: „So war das nicht gemeint!“

Sie starrte die Kerle an, die wie Seifenblasen zusammen- und auseinanderdrifteten. Da lachte sie, lachte so, dass es ihr auf dem Friedhof, auf dem sie standen, peinlich war. In diesem Moment öffneten sich die Türen einer Halle. Heraustraten, mit Sträußen in den Händen, Männer in Schwarz.

Ach was!, sie drehte sich um und ging weiter.

Einer der beiden war hinter sie gekommen (ob er gerannt war?), riss ihr die Kappe aus Taschkent vom Kopf und lief zu dem Wartenden zurück.

„Eins zu eins“, krähte die Stimme, die sich entfernte. „Eins zu eins“, wiederholte der zweite Mann.

„He!“, rief sie, „was tun Sie da! Sie bekommen Ihr Taschentuch ja zurück. Ich brauche es nicht mehr!“

Die Männer winkten mit der Kappe, die sie wie eine Trophäe in die Luft warfen.

„Okay“, rief sie, „wenn es Sie vergnügt.“

Sie sah, wie einer der Männer die Arme öffnete, wie er die Knie bog, und auf dem Rasen Kobolz schoss. Gleich ihm wirbelte der zweite Mann herum.

 

Schrittweise bewegte sich der Trauerzug heran. Als er in Höhe der Männer war, verharrte er, als müsste er auf etwas Bestimmtes warten. Die Männer steppten um den Eichensarg herum, überschlugen sich, plötzlich standen sie still, verbeugten sich zwanghaft, machten eine Handbewegung, als wollten sie, dass der Sarg sich öffnen sollte.

Da hob sich der Deckel und herausragte eine porzellanweiße Hand, die zu winken schien.

Magnetisch angezogen schritt sie heran, riss den Männern die Kappe aus den Händen, warf sie in den halboffenen Sarg.

Jetzt sahen alle, die sehen konnten, dass die Leiche – doch hier müssen wir schon Person sagen – sich die gestickte Kappe auf den Kopf gesetzt hatte, sie ab und zu lüftete, um damit zu grüßen.

(Illu: Steffen Mertens)

„Was ist?“ Ein Kopf hob sich aus weißem, glänzendem Papier. „Worauf wartest du, Lolo?“ Und mit einer Leichtigkeit, die niemand dieser Person, die eben noch eine Leiche gewesen war, zugetraut hätte, schwang sich der dunkel gekleidete Körper über die Sargkante, sprang aus buntem Blumenschmuck auf die Erde, lief einmal, dann ein zweites, ein drittes, ja auch ein viertes Mal um den leeren Sarg herum, ergriff ihren Arm, schritt, ohne zu lächeln, zum Ausgang. Dort blieb er stehen, schwenkte die Kappe aus Taschkent, beugte sich zu der, die er am Arm führte: „Das war der letzte Moment!“

„Ja“, sagte sie und zwickte ihn durchs Jackett.

„Das Taschentuch!“ riefen die beiden Männer, und gestikulierten wild mit den Armen, während das Paar durch das Tor über die Straße ging.


Dieser Text stammt aus LW29.

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