Pandemie für alle

von Tina Wirtz

 

Vor langer Zeit begann der Tag mit einer Schusswunde. Vor nicht allzu langer Zeit begann er mit Schweinegrippe. Meine Grippe, deine Grippe, Schweinegrippe war für alle da – und für alles. Kreislaufbeschwerden bei einer im achten Monat schwangeren Trinkerin: keine Frage, Schweinegrippe. Der völlig überraschende Tod eines 98jährigen Diabetikers: klar, Schweinegrippe. Fingernagel abgebrochen: logisch, Schweinegrippe.

Die Angstpropaganda lief auf Hochtouren, die Politik lief zur Hochform auf. Die Schweinegrippe, so hieß es wörtlich, werde „die Menschheit niederwalzen“. Und jetzt? Wo ist sie, die tödliche Seuche? Keine Sau redet mehr davon. Komischerweise ebbte die Schweinegrippen-Hysterie quasi zeitgleich ab mit dem Bekanntwerden der Erkrankung von Oliver Pocher. Als wäre die Bevölkerung enttäuscht, die gehofft hatte, wenigstens Viren hätten ihren Stolz. Was bleibt, ist Diskussions- und Impfstoff.

 

Wenigstens hat die Schweinegrippe einem schon fast in Vergessenheit geratenen Gedenktag wieder Aufmerksamkeit beschert, dem „Welt-Händewaschtag“ am 15. Oktober. Obwohl, besonders in Bezug auf die tückische Tröpfchenübertragung, auch der 2. Februar, der „Tag der Feuchtgebiete“, gut zum Thema gepasst hätte. Oder schlicht der „Tag der Kranken“, der am 11. Februar im Kalender eingetragen sein will.

 

Dennoch, wo bleibt das wirklich Positive, fragen wir uns, die wir uns doch schon so an die Schweinegrippe gewöhnt hatten. An die virtuose Panikmache, an die bevorstehende Invasion von Killerviren, die uns todbringend überall auflauern, an Türklinken, an Haltegriffen in Bus und Bahn, am Geldautomaten, auf der Computertastatur, in der Hand des besten Freundes etc. Zwar stand die Schweinegrippe aufgrund ihres gewöhnungsbedürftigen Namens von Anfang an in keinem guten Licht; man hätte sie besser liebevoll „Schweini“ getauft. Wobei das, aus Verwechslungsgründen, eventuell eine heikle Sache gewesen wäre. Zudem hat sich die Menschheit längst mit dem Muskelkater, dem Hühnerauge und dem Fuchsbandwurm arrangiert und hätte sich also bestimmt auch mit der Schweinegrippe angefreundet. Zumal das Leben mit ihr sicher für einige Heiterkeit gesorgt hätte.

Wir reden hier nicht von Phantasie-Vorstellungen wie dem Handwaschbecken-to-go oder einer drive-in-Impfstation, sondern von uns dringend empfohlenen, neuen Verhaltensregeln, die in unzähligen offiziellen „Pandemieplänen“, „Krisenaktionsplänen“ oder „Hygieneplänen“ nachzulesen waren.

 

So sollte man im Fahrstuhl den Knopf nicht mehr mit der Fingerkuppe, sondern mit dem Knöchel drücken. Ein Bösewicht zwar, wer nun denkt, das erklärt die früh lancierte Nachricht, dass man Dicke zuerst gegen die Schweinegrippe impfen wolle. Aber mal ehrlich, wie sollten sie dieser sportlichen Herausforderung auch gewachsen sein, mit dem Knöchel an den Fahrstuhlknopf zu gelangen? Ganz abgesehen von der Katastrophe, wenn sie bei dem kläglichen Versuch gestürzt wären und durch den Aufprall den Fahrstuhl in die Tiefe gerissen hätten? Natürlich war an dieser Stelle der Knöchel am Finger gemeint, wobei der bei so manchem Wurstfingerchen… aber lassen wir das.

 

Des Weiteren sollten Infizierte nicht an Auge oder Nase berührt werden. Um dieser Aufforderung ordnungsgemäß Folge leisten zu können, wäre zunächst geboten gewesen, herauszufinden, wer infiziert ist und wer nicht. Was dazu geführt hätte, dass man zur allgemeinen Begrüßung nicht mehr „Guten Tag“, sondern „Sind Sie infiziert?“ gesagt hätte, um dann im besten Fall dem Gegenüber mal ordentlich den Finger ins Auge, in die Nase oder in beides zu bohren. Aber damit wird das ja nun nichts mehr, schade.

 

Als hoch wichtig wurde auch eingestuft, besser in die Armbeuge oder in Kleidung zu husten bzw. zu niesen. Leider wurde von den Seuchenvermeidungsstrategen immer versäumt, präzise zu beschreiben, in wessen Armbeuge oder Kleidung. Es wäre so schön gewesen, dem ätzenden Nachbarn mal so richtig Sekret in die Klamotten zu speien.

Das gilt auch für die Sache mit dem verweigerten Händedruck. „Das Virus verbreitet sich auch beim Händeschütteln!“, wurde von allen Seiten gewarnt. So gerne hätten wir einmal das Hochgefühl genossen, vollkommen legal einer unsympathischen Person sozusagen die kalte Schulter zu zeigen oder gar, laut Antipandemieratgeber, statt der Hand den Ellenbogen zu reichen. Was zudem sogar eher ein bisschen nach einer Attacke ausgesehen hätte, als nach einer Begrüßung.

Doch halt! Ehe wir uns erneut fragen müssen, „wo bleibt das Positive?“, keimt Hoffnung auf. Die Schweinegrippe kommt nämlich wieder, so die Prognosen der Pharmalobbyisten. Im März, wo zufällig die Haltbarkeit des schon vorhandenen, überschüssigen Impfstoffes ausläuft, erwartet uns eine neue Schweinegrippewelle. Wer hätte das gedacht? Neu an dieser tröpfchenbeschleunigenden Vorhersage ist allerdings, dass sie leider wahr ist. Denn ungefähr ab März werden uns wieder täglich die unvermeidlichen Panflötenspieler den Weg durch die Fußgängerzonen pfeifen und man darf diesen Angriff auf das persönliche Wohlbefinden durchaus als Pan-demie bezeichnen. Es könnte also passieren, dass dann wieder der eine oder andere Tag mit einer Schusswunde beginnt. Und niemand wird daran zweifeln, dass der arme Pfeifenheini an der Schweinegrippe gestorben ist.


Dieser Text stammt aus LW29.

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