Links der Woche, rechts der Welt 49/21

Wir müssen reden

Rachedurst und Vergeltung sind uralte Motive, die faszinieren, weil sie Sympathie und Abscheu zugleich hervorrufen. Theodor Schaarschmidt beschäftigt sich bei Spektrum u.a. mit der ethischen Einhegung von Rache, ihrem Hang zur Asymmetrie und ihrem altruistischen Kern.

Seit einigen Wochen hallt ein erleichterter Stoßseufzer durchs „konservative“ Feuilleton: In Austin wurde die erste „anti-woke“ Universität (WELT) gegründet – als safe space für all die gecancelte Heterodoxie. Adrian Daub hat bei Übermedien aufgeschrieben, was von dem ganzen zu halten ist. Im Philosophischen Radio des WDR 5 geht es diese Woche um Rassismus.

Mit Globuli fängt der Irrationalismus an: Natalie Grams-Nobmann plädiert in ihrer Spektrum-Kolumne dafür, Pseudomedizin nicht mehr so viel Toleranz entgegenzubringen, will man nicht noch mehr Wissenschaftsfeindlichkeit riskieren. Bruno Latours „Lektionen aus dem Lockdown“ werden in der FAZ allen empfohlen, die im unentwirrbaren Knäuel aus Wissenschaft, Gesellschaft und Umwelt eine Chance auf Freiheit sehen.

Die Pandemie brachte auch einen erstaunlichen Sprachwandel mit sich – nicht bloß im Deutschen und nicht allein in der Krisenkommunikation –, dem Martin Weinert ein Buch gewidmet hat, das bei Spektrum rezensiert wird. Über 250 Jahre alt ist dagegen das sprachpflegerische Werk des Johann Jakob Spreng, das nun endlich zur Freude der SZ und aller Wortliebhaber in sieben Bänden erscheint.

 

Science Fiction Now

Ein Festival in der Berliner Volksbühne beschäftigt sich mit der Klimakatastrophe in der Kunst und die FAZ staunt, wie präsent das Thema längst in allen Kulturzweigen ist. Die taz unterhält sich mit dem Sci-Fi-Autor Kim Stanley Robinson darüber, wie es ist, dystopische Klimakatastrophenzukünfte Realität werden zu sehen und alle Hoffnung auf Technologie zu setzen. Im DLF wird heute die Lange Nacht über Stanley Kubrick wiederholt.

Wer weiteres Anschauungsmaterial benötigt, greift zu Günter Ciseks Buch „Machtwechsel der Intelligenzen“, das für reiche Transhumanisten hoffnungsvolle, für den Rest traurige Perspektiven aufzeigt und bei Spektrum rezensiert wird. In diese Stoßrichtung, aber mit roter Fahne geht Simon Schaupps „Technopolitik von unten“ über das kybernetische Proletariat der Zukunft; vorgestellt wird das Buch bei Glanz & Elend.

Helga Nowotny gibt anlässlich ihres neuen Buchs im FAZ-Interview Auskunft über die alltägliche Allgegenwart von Algorithmen, angesichts derer ein digitaler Humanismus überfällig ist.

 

Anders leben

Vor 50 Jahren rechnete Hunter S. Thompson mit dem American Dream ab: Stephan Kroener blickt bei Spektrum zurück auf „Fear and Loathing in Las Vegas“ und den Gonzo-Journalismus, der ein überraschend ernsthaftes Anliegen ist.

(Photo: Idenowl, pixabay.com, CC0)

Schuster, bleib bei deinen Leisten: Martin R. Dean rät in der NZZ, es mit der gedanklichen oder tatsächlichen Flucht aus dem Alltag nicht zu übertreiben, schließlich lässt sich mittels Lektüre und Selbstreflexion gesünder Abstand gewinnen. Heba Yosry sieht bei Telepolis in Facebooks Metaverse die platonische Höhle unserer Tage.

 

Die Philosophie ist weiblich

Philosophie ist mitnichten Männersache, obwohl es so aussieht. Gegen diesen Eindruck haben Rebecca Buxton und Lisa Whiting einen Band mit 20 Portraits von Denkerinnen herausgegeben, der bei Spektrum vorgestellt wird. Die SZ derweil ist unzufrieden damit, wie Alois Prinz in seiner Biographie der Simone de Beauvoir die Protagonistin zur Nebenfigur macht.

Letzte Woche wurde aus marxistische Perspektive gewarnt, Philosophie nicht zum Laberfach verkommen zu lassen. Diese Woche nimmt sich Margarete Stokowski in ihrer SPON-Kolumne Richard David Precht und Svenja Flaßpöhler vor, die landläufig als Vertreter der Philosophie gehandelt werden und ihrem Ansehen großen Schaden zufügen.

 

Das Weitere und Engere

Weniger Fortschritt wagen? Götz Eisenbergs „Durchhalteprosa“ ist im Onlinemagazin der GEW Ansbach zu lesen.

Reinhard Jellen unterhält sich bei Telepolis mit Jan Rehmann u.a über die poststrukturalistische Nietzsche-Verharmlosung, die in Kombination mit Maoismus zum Rechtsdrall der heutigen nouveaux philosophes beitrug, über Antisemitismus und Foucaults neoliberalen Machtbegriff.

Da alles von Bildung redet, fragt Matthias Warkus in seiner Spektrum-Kolumne mal nach Ursprung und Bedeutung dieses Begriffs – und wer hätte noch den Mut zu so viel Humanismus!

In gut zwei Wochen erscheint – so Pandemie und Papiermangel es gestatten – Lichtwolf Nr. 76 zum Thema „mein und sein“; gehen tut es darin u.a. um Nietzsche, Platons Parmenides, das objektive Sein, Breton, Proudhon und Charles Cros. Am besten sofort abonnieren, ehe Sie es wieder vergessen!


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