Links der Woche, rechts der Welt 21/21

Achtung, Montag ist Feiertag. Warum? Darum.

 

Geburtstagskinder

Das Projekt @ichbinsophiescholl soll der Instagram-Jugend die Geschichte der 100-jährigen Widerstandskämpferin näherbringen. Georg Seeßlen fragt im Freitag, ob das Medium die richtige Wahl für den Stoff ist. Ein anderes medienaffines Geburtstagskind ist Albrecht Dürer (550), der die Renaissance nach Deutschland brachte, wie die SZ in einem an Bildbeispielen satten Text schwärmt. Auch bei Spektrum wird Dürer ausgiebig gewürdigt: Der Kunsthistoriker Thomas Eser widmet sich hier vor allem der damaligen neoplatonischen Endzeitstimmung und wie sie sich auf Dürers Werk auswirkte.

Zum 250. Geburtstag der Schriftstellerin Rahel Varnhagen imaginiert sich die FR in ihren Berliner Salon. Hannah Arendt hat Rahel Varnhagen ein Buch gewidmet, das laut taz nun in einer kritischen Edition vorliegt, außerdem hat Barbara Hahn Varnhagens Briefwechsel herausgegeben.

Gottfried Wilhelm Leibniz zu guter Letzt dürfte dieses Jahr 375 Kerzen auspusten, hätte ihn die Grundlegung des heutigen Informationszeitalters vor dem Tod bewahrt. Jürgen Schmidhuber erinnert in der FAZ an den rechnenden Philosophen und was Gödel und Zuse daraus machten.

 

Sein und Kapital

Eula Biss steht auf der Sonnenseite des Kapitalismus, hat aber ein geschultes Auge für die dortigen Schattenseiten, denen sie einen Essay gewidmet hat, der es laut taz vermag, „die Verstrickungen unseres Systems schonungslos offenzulegen“. Der Freitag schwärmt von Byung-Chul Hans jüngstem Essay über die digitale Entzauberung der Welt, der dem Standard jedoch etwas zu viel über das Ding heideggert. Stattdessen alles kaputtmachen? Die FAZ stellt Hermann Parzingers Buch über Ikonoklastie, Bildersturm und Kulturzerstörungen vor.

 

Lernen aus der Pest

Am Beispiel von „zu“ pessimistischen Corona-Modellen erklärt die ZEIT das Phänomen der Selfdestroying Prophecy. Statt der Intensivstationen sind nach über einem Jahr Pandemie nun die Kinder- und Jugendpsychiatrien am Limit, wie in der SZ zu lesen ist. Über Politik und Krankheit denken Markus Metz und Georg Seeßlen morgen bei Essay und Diskurs im DLF nach.

Das Buch von Julian Nida-Rümelin und Nathalie Weidenfeld über das Spannungsverhältnis von Risiko und Freiheit (auch und besonders in der Pandemie) wird bei Spektrum rezensiert, wo auch Judith Butlers Essay über die Macht der Gewaltlosigkeit als doch zu theoretisch und realitätsfern abgetan wird.

Mit der Hoffnung als zweischneidigem Schwert beschäftigt sich Paula Leocadia Pleiss ebenfalls bei Spektrum. Hoffnung hilft, kann aber auch blind und passiv machen.

 

Philosophie erklären – warum?

Dem großen Klassiker der Willensfreiheit widmet sich David Hommen bei Spektrum und gibt eine Übersicht der Argumente mitsamt ihrer Fallstricke von der griechischen Antike über Kant bis zu Harry Frankfurt. Über das Menschenbild der Hirnforschung unterhalten sich Gerhard Roth und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5.

(Photo: geralt, Gerd Altmann, pixabay.com, CC0)

Begründungsketten verlieren sich nur scheinbar im Unendlichen, wie Matthias Warkus in seiner Spektrum-Kolumne mit Blick aufs Münchhausen-Trilemma erklärt. Die SZ portraitiert drei Youtuber, die die mit ihrem öffentlich geförderten Podcast „Lebendige Philosophie für alle“ bieten wollen. Hier geht es zum Kanal, auf dem bis Mitte Juli aber noch nicht so viel los ist.

 

Das Eigene und das Andere

Eva Gruberová und Helmut Zeller haben in ihrem Buch Erfahrungen jüdischer Menschen mit Antisemitismus in Deutschland versammelt und die taz empfiehlt die Lektüre aus nicht nur aktuellem Anlass.

Gero von Randow rät in der ZEIT dazu, sich Gedanken über einen Erstkontakt mit Außerirdischen zu machen, der ein unwahrscheinliches, aber existentielles Risiko darstellt. Glücklicherweise lässt sich die einschlägige Forschung von ihrem Ruf der Randständigkeit nicht unterkriegen und auch die Ethik ist gefragt.

 

Ende der Gartenparty

Eine Gedankenreise über die menschliche Naturgestaltung vom Paradies bis zur Klimakatastrophe unternehmen Violeta Burckhardt und Günther Vogt in einem Essay, der in der taz vorgestellt wird.

Mit der Frage, ob „Klimawandel“, „Klimaerwärmung“ oder „Klimakatastrophe“ der angemessene Begriff ist, setzt sich der Standard auseinander. Während die einen darüber noch diskutieren, erklärt der Atmosphärenforscher Joachim Curtius in der FAZ, dass uns die Zeit davonläuft und was jetzt zu tun wäre, um eine katastrophale Erderwärmung aufzuhalten. Ebenfalls in der FAZ ist zu lesen, dass das aktuelle Artensterben jenes am Ende der Kreidezeit übertrifft, als die Dinosaurier ausgelöscht wurden.

Der Party scheint jedenfalls vorbei, wie Philipp Blom in der NZZ schreibt, denn der mit den „Roaring Twenties“ vergleichbare nihilistische Hedonimus liegt hinter, nicht vor uns.


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