Links der Woche, rechts der Welt 08/21

Wie schlimm ist es?

Die Gegenwart übertrifft die „Neue Unübersichtlichkeit“ der 1980er in Sachen krisenhafter Komplexität um ein Vielfaches, wie Gero von Randow in der ZEIT schreibt, und entsprechend gereizt ist die Stimmung. Was also ist wirklich wie schlimm?

Ulrich van Loyen hat für den Freitag gesichtet, wie demütig und sentimental Italiens Intellektuelle über die Corona-Krise und soziale Ungerechtigkeit nachdenken. Derweil macht sich „Impfneid“ breit, was der ZEIT Anlass gibt, über Nutzen und Nachteil von Eifersucht und Missgunst in der Pandemie und überhaupt zu schreiben.

Die Bürgerinnen werden derzeit „wie Kinder“ behandelt? Recht so! Anna Mayr denkt ebenfalls in der ZEIT über das richtige Maß von antiautoritärem Laissez-faire seitens der Regierung in Sachen Infektionsschutz nach und kommt u.a. auf diesen schönen Satz: „Aber dieses Land liebt seine Normalität mehr als seine Zukunft.“

 

Klasse, Rasse, Gender

Die DDR-Bürger wollten die Freiheit und bekamen den Kapitalismus: Der Freitag bespricht Wolfgang Englers Buch über die ostdeutschen Abgehängten, die seit 1990 immer weiter abgehängt werden. Überhaupt scheint die Klasse ins öffentliche Bewusstsein zurückgekehrt, wie Nils Markwardt in der ZEIT bemerkt: Es zeigt sich, dass es beim Klassismus nicht nur um verfügbares Einkommen geht und die Verachtung des Lumpenproletariats linke Tradition ist. Solidarität und Rausch sind zwei der morgigen Themen bei Sein und Streit im DLF.

In der Romantik schlummert schon der Rassenwahn, wie Ruben Philipp Wickenhäuser bei Telepolis nachweist, und damit auch gegenwärtige Fantasy-Freunden den Spaß am Schmachten verdirbt, denn das faschistoide Erfolgsrezept von Wagners Heroenkitsch funktioniert heute noch.

Der Tagesspiegel bespricht Christoph Türkes Buch über die Grenzen des Mach- und Dekonstruierbaren in Sachen Gender und Geschlecht sowie Nicola Gess’ freihändig mit Adorno argumentierende Studie über die Manipulation von Wirklichkeit mittels Halbwahrheiten. Über Aufmerksamkeit wiederum unterhalten sich Susanne Schmetkamp und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5.

 

1968 ist zu Ende

Auch Otfried Höffe gratuliert in der FR John Rawls zum 100. Geburtstag und zur 50. Wiederkehr des Erscheinens seines Opus „Eine Theorie der Gerechtigkeit“.

Ohne Urs Jaeggis soziologisches Standardwerk „Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik“ hätten sich beide in den Jahren nach 1968 gewiss anders entwickelt. Zum Tod des Soziologen, Romanciers und Künstlers rufen ihm die FR, die SZ, die FAZ und viele andere Blätter nach. Auch der tschechische Philosoph Jan Sokol ist hochbetagt verstorben, wie die SZ meldet.

Apropos 68er: Die FR empfiehlt eine Doku über den Bhagwan.

 

Heimliche Wissenschaften

Die FAZ unterhält sich mit dem Quantenphysiker Anton Zeilinger über den europäischen Stand der Quantentechnologie. Hochschulreformen bedeuten meist Verschlimmbesserung: Stephan Lessenich erklärt in der taz, warum der nächste Ökonomisierungsschub an bayrischen Unis vor allem Geistes- und Sozialwissenschaften bedroht.

(Photo: ranonus, pixabay.com, CC0)

Was halten eigentlich Wirtschaftswissenschaftler von Klimaschutz? Die taz ist schwer enttäuscht von zwei Neuerscheinungen zum Thema. Frauke Fischer und Hilke Oberhansberg (letztere ist Wirtschaftswissenschaftlerin) derweil beschreiben in ihrem bei Spektrum rezensierten Buch die auch wirtschaftlich unterschätzte Bedeutung der bedrohten Artenvielfalt.

Hans Joas zuletzt verteidigt in seinem neuen Buch die Freiheit in der Religion gegen das Vorurteil, beide schlössen einander aus, und die FR stellt das Werk vor.

 

Finale

Warum ist es bei einem Unwetter drinnen noch gemütlicher, wenn andere draußen arbeiten müssen? Was macht laut Lukrez und Blumenberg den Reiz einer Havarie aus? Die FAZ stellt Johann Joachim Ewalds Gedicht „Der Sturm“ vor.

Dass Don Juan viel mehr als ein Weiberheld war, lernen wir heute in der Langen Nacht über Don Juan im DLF.

Wer bei einer Antwort zögert, macht sich der Lüge verdächtig: Über das Ergebnis dieser und anderer Studien übers Flunkern berichtet Spektrum. Einigkeit durchs Erhabene: In der SZ lesen wir, wie Ehrfurcht und Ergriffenheit die Menschheit einen können.

Falls das doch nicht klappt: Die russische Waffenschmiede Kalaschnikow hat eine smartphone-kompatible Schusswaffe für die Generation Z auf den Markt gebracht, was die SZ einigermaßen nachdenklich macht.


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