Links der Woche, rechts der Welt 47/20

Komisch denken gibt komische Gedanken

Giorgio Agambens kritische Einlassungen zur Infektionsschutzpolitik sind in einem Bändchen versammelt worden und die FR erschaudert über die pathologische Ignoranz gegenüber allem, was nicht in sein Ausnahmezustand-Schema passt. Heftigst schüttelt auch Spektrum den Kopf über Rebekka Reinhards „Wach denken“, das zwischen Platitüden und Inkonsistenzen durch den Parcours der Gegenwartskritik mäandert.

Die WELT resümiert knapp die militärischen Meriten, die sich Sokrates vor Potidaia und Delion erwarb. Ausführlicher behandelt die Reihe „Philosophen in Uniform“ in LW56 Sokrates im Peloponnesischen Krieg. Matthias Warkus überlegt in seiner Spektrum-Kolumne, ob und wie die Tugendethik eine Orientierungshilfe beim guten Leben sein kann.

 

Haben wir immer schon so gemacht

Menschen halten gern an Ritualen fest und werden ungehalten, wenn etwas geändert wird – vor allem, wenn es um religiöse Rituale geht, wie die SZ weitergibt. Der Freitag portraitiert die Trauerbegleiterin Carmen Mayer, die eine besondere Verbindung von Fußball und Trauer entdeckt hat.

Eine ausführliche Diskussion über das Verhältnis zwischen Islam und Islamismus gibt es im Freitag: Dort sprechen Roman Veressov und Yasemin El-Menouar u.a. über Fundamentalismus als Grauzone und Generalverdacht. Wolfgang Benz hat mit „Vom Vorurteil zur Gewalt“ eine Summe seiner Forschung über die Dynamik von Feindbildern in Geschichte und Gegenwart vorgelegt, die in der FR vorgestellt wird.

Florian Huber hat eine fundierte Geschichte der Freikorps geschrieben, aber mit dem Brückenschlag zum Rechtsterrorismus heutiger Tage ist die taz nicht ganz einverstanden. Im DLF kommt heute Abend die Lange Nacht über den Nürnberger Prozess, der vor 75 Jahren begann. Im FR-Interview legt Christopher Clark dar, was ihn an der gegenwärtigen Krisenstimmung an das Jahr 1914 erinnert und warum Trump so viel Ähnlichkeit mit Wilhelm II. hat. Noch länger her ist es, dass das absolutistische Frankreich mittels einer Lotterie an das Geld seiner Bürger rankommen wollte. Spektrum erzählt die wunderbare Geschichte, wie Voltaire zusammen mit einem befreundeten Mathematiker das staatliche Glücksspiel austrickste und ein Vermögen machte.

(Photo: AJEL, Edward Lich, pixabay.com, CC0)

Nicht so richtig mindblown ist Spektrum ob Susanne Boshammers Auseinandersetzung mit dem Verzeihen im Buch „Die zweite Chance“. Eine Untersuchung, wonach das Lagerdenken in den polarisierten USA bei Frauen etwas ausgeprägter ist, wird von der SZ vermeldet, und die ZEIT stellt Fintan O’Tooles Essay über die Nekromantie-Politik der US-Republikaner vor. Michael Sandel meint im ZEIT-Interview, die Demokraten sollten Trumps politische Show ignorieren und sich um die Wiederherstellung einer gemeinwohl-orientierten Politik kümmern. Bei aller Erleichterung über die Abwahl Trumps rät Georg Seeßlen im Freitag nicht zu vergessen, dass die USA immer noch die USA sind.

 

Der Kapitalismus von gestern und morgen

Friedrich Engels wird 200 Jahre alt und der Freitag versucht ihn aus dem Schatten seines rauschebärtigen Kompanions zu holen, indem er u.a. würdigt, wie früh Engels schon die soziale mit der ökologischen Frage verknüpft sah. Außerdem wird der von Francis Seeck und Brigitte Theißl herausgegebene Sammelband zum Thema Klassismus rezensiert.

Mit Branko Milanovic unterhält sich die FR darüber, wie der chinesische und der US-amerikanische Kapitalismus immer mehr zur Plutokratie des 21. Jahrhunderts konvergieren und was sich politisch dagegen unternehmen ließe. Aber was heißt schon Freiheit! Mit ihr und ihren juristischen Abstufungen beschäftigt sich Christoph Möllers in seinem Buch, das der ZEIT als fetziges Plädoyer für Liberalität unterkommt.

Der Film „Ökozid“ von Regisseur Andres Veiel spielt durch, wie der Bundesrepublik am Internationalen Gerichtshof 2034 der Prozess wegen unterlassener planetarer Hilfe gemacht wird. Die ZEIT ist schon gespannt auf die Ausstrahlung in der ARD-Themenwoche zur Klimakatastrophe. Ausführlicher bespricht Telepolis das „moralische Kammerspiel zum Autogipfel“ und verweist auch gleich auf die Mediathek zum Thema. (Und hier einfach mal ein nettes Danke, liebe Öffis!)

 

Umweltdenken

Paul Celans botanische Kenntnisse machten Heidegger neidisch, so die FAZ über die Blumen im Werk des Dichters. Claus Leggewie stellt in der taz den Dokufilm „Umdenken!“ über Leben und Werk von André Gorz vor, den er persönlich kannte und dem Öko- und Anti-AKW-Bewegung einiges verdanken.

Die ZEIT unterhält sich mit dem Biologen Andreas Weber über die fellsträubende Situation in Dänemark, wo in Nerzfarmen massenhaft Tiere getötet werden, um das Corona-Virus in den Griff zu kriegen, und der Geist der Geschwisterlichkeit aller Lebewesen ausgetrieben wird. Hörenswerte Anmerkungen zur Automatisierung und zur transhumanistischen Zukunft gibt Mathias Greffrath morgen bei Essay und Diskurs im DLF, und auch im Philosophischen Radio des WDR 5 geht es um die Zukunft – mit Harald Welzer und Jürgen Wiebicke.

 

Corona ist kein Spaß

Die FAZ hat sich mit fünf Menschen unterhalten, die eine Covid-19-Erkrankung mehr oder weniger knapp überstanden haben. Und wie geht’s den Erstis im zweiten Pandemie-Semester? ZEIT Campus portraitiert einige Betroffene zwischen Mensa-Luftschleuse und verstummter WhatsApp-Lerngruppe.

Von ihrer angeblichen „Systemrelevanz“ merken angebliche „Kulturschaffende“ in der Corona-Krise nicht viel: Arno Kleinebeckel kommentiert bei Telepolis die Vereinsamung und Verblödung im Kampf um den nacktzahigen Systemerhalt. Dabei kann schon ein Spaziergang dem Kapitalismus wertvolle Kräfte entziehen, erfahren wir im FR-Interview mit der Soziologin Lisa Suckert darüber, was der Lockdown über die Vernutzung von Zeit im Kapitalismus lehrt.

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