Links der Woche, rechts der Welt 44/20

Premiumdenker der Gegenwart

Die NZZ unterhält sich mit Markus Gabriel, der den Schweizern den Unterschied zwischen Meinung und Wahrheit erklärt und warum am ganzen Kuddelmuddel die Kulturrelativisten und Cancel Culture schuld sind. Damit sortiert sich Gabriel (neben Svenja Flaßpöhler) als „Sozialtechniker“ in die Typologie philosophischer Erklärbären ein, die Ronald Pohl im Standard vorlegt.

Und was wäre dann Axel Honneth? Eine in der SZ vorgestellte Sammlung mit Honneths zwischen 2012 und 2019 verfassten Aufsätzen versucht Hegel sozialontologisch zu deuten. Derweil entdeckt laut Spektrum die moderne Wellness-Psychologie die alte stoische Gewohnheit wieder, einfach mal dafür dankbar zu sein, dass nicht alles total scheiße ist.

 

Es ist immer anders

Letztes Jahr ging das erste Photo von einem Schwarzen Loch um die Welt. Über den überraschend umständlichen Vorlauf dessen hat der Radioastronom Heino Falcke ein Buch geschrieben, das der FR die Faszination Wissenschaft nahebringt. Im September hieß es, Anzeichen für Leben auf der Venus seien entdeckt, nun sieht es ganz danach aus, als seien Daten und Ergebnisse fehlerhaft, wie Spektrum meldet.

Ganz und gar nicht begeistert zeigen sich die Archäologen Matthias Wemhoff und Karl Banghard in der FAZ von der Netflix-Serie „Barbaren“ über das Vorspiel der Varusschlacht, bei dem Identitären die Unterbuchse feucht wird. Olivier Roy spricht im FR-Interview über Islamisten, die keine Ahnung vom Koran, aber Bock aufs Paradies haben, und Alan Posener argumentiert in der WELT, warum es höchste Zeit für eine deutsche Imam-Ausbildung ist.

Ganz passend auch zur Einstimmung auf den nächsten Lockdown: Im DLF kommt heute Abend die Lange Nacht der Zugehörigkeit(en).

 

U-S-A! U-S-A!

Die letzten Links der Woche vor den US-Präsidentschaftswahlen am Dienstag: Wer viel Zeit hat, orientiert sich an den Buchempfehlungen und Serientipps der SZ zum Thema. Auf einige dieser Bücher stützt sich auch Christian Thomas, der in der FR vor allem auf die Verheerungen des Realitätssinns blickt, die vier Jahre unter einem Präsidenten hinterlassen haben, der mit und durch Lügen herrscht. In ihrer von Thomas Mann inspirierten Reihe „Stimmen der Demokratie“ bringt die SZ einen Appell zum Widerstand von Karen Tongson, in dem sie wenig optimistisch auf ihr Heimatland am Abgrund blickt.

Rieke Havertz und Dirk Peitz blicken auf eine der seltsamsten Figuren im Trump-Orbit, den früheren Bürgermeister New Yorks und heutigen Psychoanwalt Rudy Giuliani, der, wie die ganze US-Regierung, dem billigsten Fernsehprogramm entsprungen zu sein scheint.

(Photo: David_Peterson, pixabay.com, CC0)

Cornel West ist demokratischer Sozialist in den USA, Grace Blakeley in Großbritannien, und der Freitag bringt ihr Gespräch über antifaschistischen Aktivismus auf hartem Boden. Der Antifa-Film „Und morgen die ganze Welt“ von Julia von Heinz könnte für einen Oscar nominiert werden, auch weil man in den USA ja langsam von der Antifa gehört hat und dass sie, wenn man nicht aufpasst, Oma ihr klein Häuschen verstaatlicht und – noch schlimmer – Nazis in Schach hält. Der FAZ ist das eher nur eine kleine Notiz wert, die SZ macht sich in ihrer Besprechung vor allem Sorgen um die jungen Frauen und die taz staunt über die präzise Beschäftigung mit den inneren und äußeren Konflikten der Protagonistin.

 

Alt und für immer jung

Der Tagesspiegel freut sich über sechs Portraits von Frauen, die die Welt verändern, in der 3sat-Reihe für junge Leute „Ab 18!“ (Mediathek). Tom Wohlfarth ist nicht mehr Generation X und noch nicht Generation Y und denkt im Freitag ausführlich über diese Kohorte des Interregnums und seine unvollständige Politisierung sowohl in den USA wie Europa nach.

Magnus Brechtken erklärt im WELT-Interview den Vorteil historischen Wissens: Wir müssen nicht alle Fehler von früher noch einmal selber machen. Eine Studie, über die die FAZ berichtet, bestätigt das Vorurteil, dass Ältere eher an einmal gewonnenen Einstellungen festhalten und ein Wandel des Zeitgeists Sache der Jüngeren ist. Die sind schon längst zu anderen sozialen Medien weitergezogen und wer wissen will, was es mit diesem TikTok auf sich hat und warum es sich um ein soziales Netzwerk ganz eigener Art (nämlich um eines nach Maßgabe von Hobbes und Nietzsche!) handelt, lese den entsprechenden SZ-Artikel.

Caitlin Doughty ist 36 und leitet ein Bestattungsinstitut in Los Angeles. Im Interview mit dem Freitag erklärt sie, warum Sterben gelernt sein will und man damit nie zu früh anfangen kann. Oder man wartet halt auf die Unsterblichkeit als digitales Bewusstsein in der Cloud, wie es im deutschen Sci-Fi-Thriller „Exit“ zur Freude der FAZ mit all den cartesischen Unwägbarkeiten durchgespielt wird. (zur ARD-Mediathek)

Zwei Transhumanismus-Bücher von Nick Bostrom und Thomas Fuchs werden in der SZ rezensiert: Ersteres aktualisiert das mechanistische Menschenbild des 16. Jahrhunderts für den Überwachungskapitalismus, zweiteres ist eine Verteidigung des Menschen in seiner Leib- und Endlichkeit. Über das menschliche Zeitverständnis und seine Überwindung geht es morgen im DLF bei Essay und Diskurs, wenn Benedikt Schulz mit Science Fiction einem 1.000 Generationen umspannenden Denken nachgeht.

 

Das gute Leben im schlechten

Die SZ zeigt sich skeptisch, ob Eva von Redecker in ihrem Buch „Revolution für das Leben“ nicht zu sehr von der politischen Philosophie in die Naturmystik driftet. Aber auch Michael J. Sandel sieht die Verheerungen des Kapitalismus, aber vor allem im Sozialen, und macht in seinem gleichfalls in der SZ rezensierten Buch Gegenvorschläge.

Der Neoliberalismus ist nicht totzukriegen und legt in der Corona-Krise seine nächste Gestaltwandlung hin, wie Martin Hartmann in der FR schreibt und dabei vor allem mit einigen Missverständnissen dieses Begriffs aufräumt. Er ist sogar quietschfidel: Timo Daum und Jürgen Wiebicke sprechen im Philosophischen Radio des WDR 5 über den „agilen Kapitalismus“, der die Wirtschaft schneller als die Pandemie erfasst.

Wenn man dem noch den Teufelskreis von Krisen gegenüberstellt, in den wir gerade einmünden, scheint ein anderes Denken nötiger denn je. Manuel Scheidegger argumentiert in der ZEIT, dass es mit echter Nachhaltigkeit nichts wird, solange wir kein neues Selbstverständnis als Teil der Natur entwickeln.

Klimafreundlichen Kapitalismus jedenfalls kann es nicht geben, schreibt Peter Nowak bei Telepolis gegen eine entsprechende „Machbarkeitsstudie“ an und stellt uns den Öko-Sozialismus, wie er von Andreas Malm und Ian Angus ersonnen wurde, als tatsächliche Alternative vor.


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