Links der Woche, rechts der Welt 12/20

Unterwegs mit Hölderlin

Spazierengehen ist ja noch erlaubt: Christel Burghoff war für die taz „auf den Spuren Hölderlins“ unterwegs, der dieses Jahr 250 Jahre alt würde und selbst Wanderdenker war. Von Frankfurt geht es durchs Nidda-Tal, wo Adorno und Heidegger über den Dichter streiten, bis nach Bad Homburg in die Psychiatrie. (18.03.20)

 

Die Moral der Corona-Krise

Natürlich kann auch die Philosophie sich in der Corona-Krise nützlich machen, findet Gottfried Schweiger bei Telepolis. Es schadet schließlich nichts, auch im Ausnahmezustand zu fragen, was wir tun sollten und warum bzw. in welcher Gesellschaft wir leben wollen und was wirklich zählt. (17.03.20)

 

Ausbruch aus dem Zwei-Raum-Kokon

Die Corona-Krise verhilft dem latenten Neobiedermeier wohl zum Durchbruch: Gerhard Matzig jedenfalls meint in der SZ, dass so mancher während einer 14-tägigen Quarantäne „die Kunst des gelassenen Zuhauseseins“ und den „Rückzug ins Innerliche“ entdeckt – und später, wenn alles überstanden ist, eine neue Öffentlichkeit lockt. (17.03.20)

 

Anwesenheit ist obsolet geworden

Peter Weibel ist Medientheoretiker und Konzeptkünstler und denkt (u.a. mit Sartre) in der NZZ über Ausgangssperre, Quarantäne und Viren nach. Sie halten einer Gesellschaft den Spiegel vor, offenbaren Schwachpunkte, Echoräume und Kreuzfahrtschiffe als Cruise-Missiles. Die Corona-Krise ist der überfällige Abschluss der Nah- und Massengesellschaft. (20.03.20)

 

Raus aus der Komfortzone

Teresa Koloma Beck hat Erfahrung mit Rassismus gemacht und erklärt in der ZEIT, warum es schwierig, aber wichtig ist, über diskriminierende Sprache nachzudenken und zu sprechen: Es geht nicht um Empfindlichkeit, sondern um Teilhabe – und Mut zum Risiko. (20.03.20)

 

Bücher

Anhand von Lebenskrisen stellt Marie Robert zwölf hilfreiche Philosophen vor und kürzer als bei Spektrum lässt sich das kaum beschreiben. +++ Was stimmt nicht mit dem Bub? Hannes Leidinger und Christian Rapp haben ein Buch über Hitlers Kindheit geschrieben und gehen dem Freitag zu unbekümmert mit der dürren Quellenlage um. +++ Tiere spielten im Dritten Reich eine große und ambivalente Rolle, die Jan Mohnhaupt in seinem Buch untersucht, das von Spektrum rezensiert wird. +++ Der Freitag stellt den von Andreas Speit und Jean-Philipp Baeck herausgegebenen Band „Rechte Egoshooter“ vor, dessen Beiträge die rechtsterroristische Subkultur im Netz ausleuchten.

 

Bild und Ton

Man braucht wohl Geduld, aber wir haben ja gerade Zeit: Die SZ empfiehlt die Netflix-Serie über Sigmund Freud vom Regisseur von „4 Blocks“:

Trost in Quarantäne: Andere hatten es schwerer. Zum Beispiel deutsche Unterhaltungskünstler im Pariser Exil während der NS-Zeit, denen die heutige Lange Nacht im DLF gewidmet ist. Bei Sein und Streit geht es morgen u.a. um Erich Fromm und im Philosophischen Radio des WDR 5 um Zeitwahrnehmung in der Krise.

 

Lektüren in der Corona-Krise

Zwei Risikoethiker rechnen in der FAZ vor, warum der landesweite Shutdown zu spät käme, aber dennoch unausweichlich ist. Die FR hat einige Verschwörungstheorien rund um das Corona-Virus zusammengestellt – und Theorien dazu, wie Pest und Aberglaube zusammenhängen. Nora Bossong denkt in der ZEIT mit und gegen Carl Schmitt und Agamben über die Freiheit und den Ausnahmezustand nach.

Susanne Ristow untersucht das Virus in der Kultur- und Medienwissenschaft; im Gespräch mit dem Standard erklärt sie u.a., wie Kunst gegen Alarmismus und Dystopie hilft. Die SZ empfiehlt v.a. Edward Hoppers Bilder, die „sehr gut das derzeitige Lebensgefühl zwischen Quarantäne und Home-Office“ treffen und von der Fondation Beyeler wg. Schließung der Ausstellung halt im Netz gezeigt werden. Susan Sontag hat sich 1986 mit einem anderen Virus und dem Umgang mit seinen Opfern beschäftigt, woran die FAZ erinnert.

(Photo: Engin_Akyurt, pixabay.com, CC0)

Maurizio Ferraris liefert in der NZZ Notizen eines Philosophen aus der Quarantäne. Heinz Bude freut sich im FR-Interview, dass seine These von einer Renaissance der Solidarität gerade empirische Bestätigung erfährt. Bei Telepolis vermutet auch Andreas von Westphalen, der Ausnahmezustand könne das Beste im Menschen hervorbringen, und gibt dazu einige Tipps zur Verbreitung des altruistischen Virus. Lest we forget: Der Freitag bringt den offenen Brief, mit dem über 700 Intellektuelle die Bundesregierung auffordern, Flüchtlinge aus Griechenland aufzunehmen.

 

Berichte aus der Akademie

Jörg Phil Friedrich erklärt im Freitag, wie die methodische Vorsicht der Naturwissenschaften missbraucht wird, um die menschgemachte Destabilisierung des Weltklimas zu leugnen. +++ Im Interview mit der ZEIT erläutert Thomas Bedürftig, warum in der Schule noch die Mathematik des 19. Jahrhunderts gelehrt wird, obwohl ihr akademisches Gegenstück jede Anschaulichkeit längst hinter sich gelassen hat. +++ Judith Butler hat zum 30. Jubiläum ihres Buchs „Gender Trouble“ in Berlin vorgetragen und die FAZ hat ihre Widerlegungen der Anti-Gender-Bewegung mitgeschrieben. +++ Nicht nur beim Menschen haben Männchen die kürzere Lebenserwartung: Fast überall im Tierreich sorgen doppelte X-Chromosomen für längeres Leben, ist in der SZ zu lesen. +++ Das Milgram-Experiment ist ja schon etwas länger in arge Zweifel geraten. Nun berichtet die FAZ über eine Auswertung der Teilnehmerauskünfte, die weitere Skepsis nährt. +++ Die Pandemie hat auch ihr Gutes: Da Studis nicht mehr in die Bibliotheken können, hat die Cambridge University Press etwa 700 Fachbücher kostenlos ins Netz gestellt. (Geduld mitbringen, die Server glühen.) +++ Die Zeitschrift Horen widmete sich in einer ihrer Ausgaben dem Thema Literaturübersetzungen, was der Standard wohl erst jetzt gemerkt hat.

 

Trotz Philosophie

Es gibt auch noch ganz andere Probleme: Die FAZ zeichnet den Streit zwischen Hans Blumenberg und Marcel Reich-Ranicki über ein Goethe-Zitat nach. +++ Mit Aurel durch die Krise: Der Tagesspiegel lobt den Stoizismus im Krisenmanagement der Bundesregierung im Vergleich zu anderen Staatschefs. +++ Die letzte Woche angekündigte Standard-Reihe über Walter Benjamin stellt die Flaneur-Stoffsammlung „Einbahnstraße“ vor. +++ Rüdiger Safranski widmet Hölderlin zu dessem anstehenden 250. Geburtstag eine Biographie und erklärt im Standard-Interview, warum der hübsche Junge ein denkender Dichter nach antikem Maß war. Auch die FAZ stimmt aufs Hölderlin-Jahr ein, das ohne die Wiederentdeckung des schwäbischen Dichters, der Nietzsche und Heidegger beeinflusste, halt Beethoven- oder Hegel-Jahr bliebe. +++ Apropos: Nachdem Hegel mitten in der Cholera-Epidemie von 1831 starb, wurden die epidemiologischen Abstandsregeln bei der Beerdigung ignoriert, woran die FR erinnert. +++ Die taz wiederum gratuliert dem 80. Geburtstag zu seinem Chuck Norris.

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