Links der Woche, rechts der Welt 11/20

Moral ist unmoralisch.“

Der „staatstragenden Ethos“ des Bürgertums ist von linken und rechten Zynikern der Macht sturmreif geschossen worden, diagnostiziert Roger de Weck in der ZEIT. Man kann nur froh sein, dass Karl Popper nicht mehr miterleben muss, wie viel Toleranz und Verständnis den Feinden der offenen Gesellschaft entgegengebracht wird. (11.03.20)

 

Was Corona die Menschheit lehrt

Die Corona-Pandemie zeigt, zu welch radikalen Maßnahmen selbst demokratische Staaten imstande sind, stellt Slavoj Žižek in der NZZ fest. Er widerspricht Giorgio Agambens Argwohn, der Staat liebe nunmal den Ausnahmezustand, und rät zu Differenzierung, Solidarität und Bereitschaft für die philosophische Lektion, die das Virus bietet. (13.03.20)

 

Bücher

Buchmesse fällt aus, aber Rezensionsexemplare sind desinfiziert: Björn Vedder weint nicht dem alten Patriarchen nach, sondern denkt in seinem Buch über „Väter der Zukunft“ nach und der Freitag empfiehlt es trotz mancher Sloterdijkismen. +++ Guido Zurstieges „Taktiken der Entnetzung“ ist weder Digital-Detox-Ratgeber noch Pamphlet wider das Gedaddel noch eine wissenschaftliche Analyse unserer Abhängigkeit vom Internet, findet die FAZ. +++ Soziale Universalien: Spektrum lobt Nicholas A. Christakis für seine „gut lesbare soziobiologische Abhandlung über die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens“. +++ Hegels Leben und Sterben war ähnlich unspannend wie sein Werk, bemerkt die FR in ihrer Besprechung von Klaus Viewegs monumentaler Hegel-Biographie. +++ Ende März eröffnet im Deutschen Historischen Museum die Ausstellung „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“; das Buch mit Texten zur Ausstellung wird in der FAZ besprochen. +++ Der Ethnologe Pierre Clastres hat zahllose Gesellschaften ausgemacht, die ganz prima ohne Staat leb(t)en, und der Freitag freut sich über die deutsche Neuauflage. +++ Jonas Lüscher hat sich von der Philosophie ab- und dem Erzählen zugewandt – so lautet seine von der SZ vorgestellte Poetikvorlesung denn auch „Ins Erzählen flüchten“. +++ Die ZEIT ist skeptisch bezüglich Emanuele Coccias Versuch, das Sinnliche in die Philosophie zurückzuholen. +++ Der nun auch schon 93-jährige Dieter Henrich erzählt auf zwei CDs über sein Leben, Dankbarkeit und philosophische Lektüreerfahrungen – und die ZEIT ist beeindruckt. +++ Außerirdischer Besuch ist unwahrscheinlich, hätte aber unfassbare Folgen, weswegen Michael Schetsche und Andreas Anton uns mit einer „Exosoziologie“ darauf vorbereiten; Spektrum rezensiert ihr Buch. +++ Christian Goeschels Geschichte der politisch inszenierten Männerfreundschaft zwischen Mussolini und Hitler wird von der FAZ rezensiert. +++ Der westliche Universalismus ist am Ende: Zhao Tingyang rechnet in seinem Buch, das in der ZEIT vorgestellt wird, mit ihm ab und erwartet die Vollendung der Weltgemeinschaft durch China. +++ Erhard Schütz schaut für den Freitag auf Neuerscheinungen unter den Ratgebern und Sachbüchern, die auch ohne Messe stets gut gehen.

 

Bild und Ton

Salvador Simós hat einen Animationsfilm über Luis Buñuels nicht gänzlich unsurrealistischen Dokumentarfilm „Land ohne Brot“ gemacht und der Standard ist fasziniert:

Über die moralischen Fragen rund um das Corona-Virus unterhalten sich Christiane Woopen und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5. „Wozu noch Metaphysik?“, fragt Thomas Palzer morgen früh im DLF bei Essay und Diskurs und bei Sein und Streit geht es u.a. um Desinformation und die „Wahrheit“ der AfD.

 

Die Unordnung der Dinge

Martin Schürz arbeitet als Psychologe mit traumatisierten Kindern und erklärt im Freitag-Interview, warum extremer Reichtum unmoralisch und antidemokratisch ist – und was das mit Platon zu tun hat. +++ Die meisten Leute sind doof und dürfen trotzdem wählen; Henrik Müller erklärt im Freitag, warum eine „Epistokratie“ trotzdem schlechter als die Demokratie wäre, in der man auch mit Idioten redet. +++ Der Freitag bringt außerdem den offenen Brief, in dem Intellektuelle aus ganz Europa die EU auffordern, sich in der Asylkrise nicht mehr „mit Schande und Unehre zu bedecken“.

 

Covid-19 geht viral

Immer Wissenschaftler*innen fragen: Die wichtigsten Fragen über Verbreitung, Symptome und Verlauf von Covid-19 beantworten Lars Fischer und Alina Schadwinkel bei Spektrum. Die Corona-Epidemie macht die gute, alte Sorge wieder populär und die SZ erinnert daran, warum sie mehr ist als bloße Gefahrenprävention und was Foucault damit zu tun hat. Jürgen Kaube fragt sich in der FAZ, ob wir einem epochalen Ereignis beiwohnen, das die Gesellschaft dauerhaft verändert.

Dank des Internet kann sich Corona-Panik schneller als das Virus verbreiten und befördert neobiedermeierliche Abschottungsphantasien, wie Bernhard Pörksen in der ZEIT beobachtet. Und wer ist schuld daran? Telepolis schaut sich staatstragende Verschwörungstheorien zum Ursprung des Corona-Virus an und blickt in den besonders betroffenen Iran, wo gerade die klerikale Herrscherclique dahingerafft wird.

(Photo: coyot, Juraj Varga, pixabay.com, CC0)

Adrian Daub hätte in Stanford eine Vorlesung über Georg Simmel halten sollen und musste sie ins Internet verlegen, weil es einen Coronavirus-Fall in der Belegschaft gibt. In der ZEIT schreibt er, wie es auf dem Onlinecampus zugeht. Offline und realontisch herrschen an US-Universitäten Paranoia und offene Diskriminierung, wie Telepolis berichtet.

Der Psychologe Winfried Rief erklärt im Spektrum-Interview, wie man mit bzw. in Quarantäne klarkommt. und der Standard erinnert etwas albern daran, wie üblich das Home Office seit dem Mittelalter war (Spinnen, weben, Zündkerzen zusammenbauen). Der Tagesspiegel schließlich sieht die richtige Zeit gekommen, um sich in Marquards Inkompetenzkompensationskompetenz zu üben.

 

Berichte aus der Akademie

Können Tiere trauern? Auf jeden Fall verfügen sie über das nötige neuronale Rüstzeug dafür, wie bei Spektrum zu lesen ist. +++ Das Jahr 2019 hat nach Messungen der Welt-Meteorologie-Organisation in Sachen Erderwärmung neue Rekorde aufgestellt, wie die SZ meldet, wo wir auch von der „Warnung an die Menschheit“ lesen, die führende Insektenforscher ausgesprochen haben. +++ Am heutigen Pi-Tag (3/14) ist erstmals auch Internationaler Tag der Mathematik, weshalb der Standard über den faszinierenden Vielecksatz von Georg Pick informiert. +++ Spektrum stellt uns Lew Sergejewitsch Termen vor, dessen Erfindung sowohl die elektronische Musik als auch sowjetische Spionagetechnik voranbrachte.

 

Trotz Philosophie

Anhand des Eichhörnchens von William James erklärt Matthias Warkus in seiner Spektrum-Kolumne, was es mit dem Pragmatismus als Begriffsklärungsmethode auf sich hat. +++ Jürgen Habermas hat der Zeitschrift Leviathan in einem Interview die jüngste Volte des Strukturwandels der Öffentlichkeit im Netz erklärt, wie die SZ zusammenfasst und das Gespräch direkt verlinkt. +++ Die NZZ portraitiert Kaimar Karu, der als Philosoph das Ministerium für Informationstechnologie in Estland leitet und den dortigen Fachkräftemangel beheben muss. +++ Ähnliches an der TU München, wo MINT-Studis, wie die FAZ berichtet, bei den Jesuiten ein Philosophicum draufsatteln können, um sich mit gesellschaftlichen und ethischen Fragen ihrer künftigen Arbeit zu befassen. +++ Kurt Flasch wird 90 und die FAZ gratuliert dem Philosophiehistoriker, an dem keiner vorbeikommt. +++ Die FR denkt weiter über Thales von Milet, die lachende Magd und vermeintliche Weldfremdheit der Philosophie nach. +++ Der Tagesspiegel berichtet über ein Projekt der Berliner Max-Beckmann-Oberschule, das Platons Ideenlehre auf dem Schulhof und der Straße verbreiten soll. +++ In Quarantäne hat man Zeit zum Lesen, weshalb der Standard in loser Folge die Werke Walter Benjamins zur (Re-)Lektüre vorstellt und Ihnen darüber hinaus ein begleitendes Lichtwolf-Abo empfohlen sei, weil nächste Woche die neue Ausgabe mit dem Titelthema „Über“ erscheint (wenn die Pandemie es denn zulässt…).

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