Komische Sitten!

Nicht nur bei isolierten Naturvölkern lassen sich abenteuerliche Ersatzhandlungen beobachten, auch der vermeintlich auf- und abgeklärte Westen fügt seinem magischen Denken stets neue Beschwörungsrituale hinzu, die er nicht als solche wahrhaben will.

von Timotheus Schneidegger

 

Rituale entstehen von oben, aus einem transzendentalen Bezug, oder von unten, aus Gewohnheit. Das Wort verrät schon alles: Mit Gewohnheiten machen wir uns die Welt weniger unheimlich. Kant und Schopenhauer hatten einen Tagesablauf, nach dem man in Königsberg resp. Frankfurt die Uhr stellen konnte, und auch die Lichtwolf-Leserin wird eine Morgenroutine oder Einschlafrituale haben, die empfindlichen Schaden nehmen, wenn zum Beispiel der Kaffee alle ist oder nebenan eine Party stattfindet.

Ein Ritual ist laut Wikipedia, die es von den Ethnologen hat, eine nach vorgegebenen Regeln ablaufende Handlung mit hohem Symbolgehalt. Das Symbol ist darin mehr oder weniger leicht zu entdecken. Zum Versöhnungsfest Jom Kippur wurde ein Ziegenbock symbolisch mit den Sünden des Volks Israel beladen und in die Wüste gejagt. Schwieriger ist das Symbol zu entdecken bei heutigen Alltagsriten, die uns zu nahe und selbstverständlich sind. Wo wäre der symbolische Gehalt bei Übergangsriten wie dem 18. Geburtstag, der Führerscheinprüfung, Abschlussfeiern oder dem Leichenschmaus nach einer Beerdigung? Dass es mit dem unseligen Böllern und Bleigießen zu Silvester oder dem Polterabend vor und dem Brautstraußwurf nach der Hochzeit etwas auf sich hat, ahnen die meisten und halten sich dran, auch wenn sie nicht wissen, wozu. Denn man weiß ja nie!

Rituale sind Tradition im Wortsinne: Sie tragen die Vergangenheit unbewusst weiter. So sind sie auch zutiefst konservativ. Sie erinnern daran, dass Abweichungen von der überlieferten Lebensweise das Individuum und die Gemeinschaft in Gefahr bringen und daher nicht geduldet werden dürfen. Traditionen haben den unschätzbaren Vorteil, dem Menschen, der in sie hineinwächst, vorzugeben, „wie man das so macht“. Die Sitten sind ein wesentlicher Bestandtteil der Kultur. Sie haben den Nachteil, dass sich in ihnen auch so mancher Aberglauben aus gefährlicheren und dunkleren Zeiten bis in die Gegenwart halten kann.

Daran biss sich auch das Christentum die Zähne aus: Selbstverständlich musste es die heidnischen Rituale, auf die es im Zuge der Missionierung traf, als Aberglauben abtun. Effektiver als das Verbieten war jedoch das Absorbieren. In fast jedem christlichen Ritus finden sich heidnische Elemente: Der Weihrauchschwenk in der Messe, die geschmückte Tanne zu Jesu Geburtstag, der passenderweise auf die Wintersonnenwende verlegt wurde, oder der Hase, der zu Jesu Kreuzigung Eier versteckt (und natürlich ein frühlingshaftes Fruchtbarkeitssymbol ist), ganz zu schweigen vom Weihnachtsmann, der durch die Reklame des Coca-Cola-Konzerns populär wurde.

Jahrhundertelang konnten Christen ohne Furcht vor der Inquisition an Schutzengel und Dämonen, an gute und böse Geister glauben und Heilige (wie Bischof Nikolaus von Myra) verehren. Und das obwohl es sich erkennbar um christlich verkleidete naturreligiöse Instanzen handelt und auch die Sitten zum Umgang mit ihnen aus heidnischen Zeiten stammen.

Plinius der Ältere kam zu Lebzeiten Jesu auf die Welt und hielt in seiner Naturgeschichte (28. Buch) u.a. fest, warum wir bis heute jemandem „die Daumen drücken“: Der Daumen steht dabei für die dem Erfolg hinderlichen Dämonen, die man dergestalt im Zaume zu halten versucht. Freilich ist auch die Bibel selbst voll von magischem Denken und hat zu seiner Langlebigkeit beigetragen. Man mag die zehn Gebote als Regelkatalog zur Vermeidung von gesellschaftlichen Konflikten betrachten, jedoch nicht die ersten drei, die sich gegen die vorchristliche Glaubenskonkurrenz richten und doch ihre Sitten fortschreiben: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen“ – denn der Name hat eine besondere Macht, nicht nur bei Rumpelstilzchen und nicht nur im Christentum. Das Judentum ist ganz konsequent und versucht die Aussprache des göttlichen Namens stets zu umschiffen, was das Tetragramm JHWH für die mystische Tradition der Kabbala umso anziehender macht.

Magie ist die Überzeugung, der Wille könne die Welt mit Worten gestalten. Der Name dient zur Beschwörung des Benannten, der Zauberspruch ersetzt die Arbeit und der Fluch ruft ein Übel herbei oder wehrt es ab. So genau weiß man es eben nicht, weshalb man nie zu ausdrücklich wird: „Scheibenkleister! Soll dich der Gottseibeiuns holen!“

Das klingt kindisch und ist es auch. Die Psychologie spricht von einer kindlichen Entwicklungsstufe des „Magischen Denkens“, bei der eine Person annimmt, ihre Gedanken, Worte oder Handlungen würden Einfluss auf ursächlich nicht verbundene Ereignisse nehmen. Herkömmliche Kausalität ist dem Kind noch nicht bekannt oder wird vom infantil regredierenden Erwachsenen ignoriert.

Es riecht irgendwie nach Aberglaube, hat aber seine Logik, wenn man bei Talismanen, Amuletten, Fetischen, in der Alchemie und bei Heilmitteln auf Analogie bzw. Sympathie als Wirkungsprinzip setzt.

Dem regelhaften Sternenballett müssen ungeheure Kräfte innewohnen, die sich auf Erden in besonderen Steinen oder Metallen niederschlagen und nutzen lassen. Bauernregeln, 100-jähriger Kalender und Horoskope verraten seit den Zeiten des Ptolemäus den Glauben, die Gesetzmäßigkeiten des Himmels hätten Auswirkungen auf das irdische Geschehen. Das ließe sich dann von entsprechend Kundigen vorhersagen. Der Astronom Johannes Kepler kam erst als Horoskopschreiber für Wallenstein in Lohn und Brot.

(Photo: pixabay.com, CC0)

Der afrikanische Stamm der Azande reibt seine Bananenstauden mit Krokodilszähnen ein. Da letztere wie erstere geformt sind und im Krokodil nachwachsen, wenn sie ausfallen, glauben die Azande, den Effekt auf ihre Bananenbäume übertragen zu können. Die Wurzel der Alraune (Mandragora) ähnelt oft einem Menschen, logisch, dass es sich um eine Heilpflanze handeln muss. Jedoch enthält die Pflanze Hyoscyamin und Scopolamin, zwei Alkaloide, die zum Tod durch Atemlähmung führen können und sonst nicht viel bringen.

Der Homöopathie (ὁμοῖος, gleich, ähnlich + πάθος, Leid, Schmerz, Gefühl) liegt das Prinzip zugrunde, das Samuel Hahnemann 1796 formulierte: „Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden“ (similia similibus curentur) Bis heute existiert, weiß Wikipedia, weder ein reproduzierbarer Nachweis noch eine naturwissenschaftliche Begründung für eine Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel, die über den Placebo-Effekt hinausgeht und doch für einen Jahresumsatz von 670 Mio. Euro bei 54 Mio. verkauften Packungen in Deutschland sorgt. Wer den Leuten derart das Geld aus der Tasche zu ziehen vermag, muss sich natürlich gegen Kritik wehren. Der Homöopathie-Hersteller Hevert erwirkte gegen die früher selbst homöopathisch behandelnde Ärztin Natalie Grams eine Unterlassungserklärung, derzufolge Grams jedes Mal 5.100 Euro zahlen muss, wenn sie öffentlich äußert, homöopathische Arzneimittel hätten keine Wirkung, die über den Placebo-Effekt hinausgeht. Man muss also dran glauben und besonders gern und häufig tun das Menschen mit hohem Bildungsgrad.

 

Ersatz statt Symbol

All diese komischen Sitten haben das Stellvertreterprinzip gemeinsam, das wir uns auch zu Nutze machen, wenn wir einen Liegestuhl mit einem Handtuch oder einen Sitzplatz mit unserer Jacke belegen.

Zu den schönsten Germanizismen neben „Schnaps“, „Schnitzel“ und „Blitzkrieg“ gehört „Ersatz“. Das englische Wörterbuch Merriam-Webster listet für Ersatz u.a. die Synonyme artificial, bogus, dummy, fake, imitation, mimic, mock, sham, simulated und substitute. Man braucht etwas, worüber man nicht verfügt, also schafft man Ersatz. Die alliierte Blockade während des Ersten Weltkriegs zwang die Deutschen, für jäh unbeschaffbare Güter wie Kautschuk, Heizöl, Tee und Kaffee Ersatz zu schaffen. Im Zweiten Weltkrieg dann wurden Gefangene mit allerhand Ersatzkram abgespeist, weshalb der Germanizismus auch in den slawischen Sprachen pejorative Verwendung und in den Ersatzprodukten des Ostblocks bald auch ein passendes Signifikat fand.

Der Mensch hat ein komisches Verhältnis zum Ersatz. Wenn er beispielsweise keine Luxusschokolade haben kann, wählt er lieber eine billige Schokolade als eine andere Süßigkeit, die ihren zuckrigen Zweck weitaus besser erfüllen würde. Eine entsprechende Studie in Psychological Science (27, 2016) belegt den Hang, sich lieber mit minderwertigem Ersatz zufriedenzugeben, solange er derselben Kategorie wie das unverfügbare Gut angehört, anstatt den Zweck zu hinterfragen oder mit ganz anderen Mitteln anzustreben.

Der britische Sozialanthropologe Peter Worsley erregte 1973 Aufsehen mit seiner Studie über eine kuriose Spiritualität in Melanesien, dem pazifischen Inselreich nordöstlich von Australien: Cargo-Kulte und deren allmähliche Entwicklung zu nationalistischen Bewegungen. Sie sind eine Verarbeitung der schockartigen Begegnung der isolierten melanesischen Kulturen Ende des 19. Jahrhunderts mit Europäern, ihren kolonialen Praktiken und ihrem sonderbaren Frachtgut (Cargo). Insbesondere mit den Technologien und Werkzeugen der Europäer konnte Indigene nichts anfangen und schrieben ihnen eine göttliche Herkunft zu.

Christliche Elemente wie der Messianismus und Millenarismus verbinden sich mit animistischen Praktiken oft unter charismatischer Führerschaft, die den Cargo-Kult häufig auch als Widerstand gegen die Kolonialherrschaft organisierte. Gemeinsam ist ihnen die Überzeugung, nach dem Weltuntergang kehrten die Ahnen wieder und brächten all die westlichen Güter mit sich, nach denen die Gläubigen verlangen und die sie durch symbolische Ersatzhandlungen herbeizuschaffen versuchen.

Besonderen Auftrieb erlebten Cargo-Kulte während des Zweiten Weltkriegs, als die Menschen in Melanesien es mit der US-Kriegswirtschaft zu tun bekamen. Dörfer und Wälder wurden gerodet, um Landebahnen und Stützpunkte zu errichten, die mit Frachtgut wie Medizin, Kleidung, Konserven, Waffen usw. überschüttet wurden. Hollandia (heute Jayapura) wurde zu einer Marinebasis ausgebaut, wo 1944 ca. 400.000 US-amerikanische Soldaten stationiert waren, was etwa zwei Dritteln der Truppenstärke entspricht, die 1990 gegen den Irak eingesetzt wurde.

Mit Kriegsende war all das schlagartig vorbei: Die Flughäfen und Basen wurden aufgegeben, kein neues „Cargo“ wurde mehr abgeworfen. Um weiter Cargo zu erhalten, imitierten Melanesier das, was sie bei den fremden Soldaten, Seeleuten und Fliegern gesehen hatten: Sie schnitzten Kopfhörer aus Holz und trugen sie, als würden sie im Tower sitzen. Sie positionierten sich auf den Landebahnen und imitierten die wellenartigen Landungssignale. In einer Art sympathetischer Magie bauten sie Flugzeugmodelle in Originalgröße aus Stroh oder schufen Anlagen, die den militärischen Installationen und Lagerhäusern nachempfunden waren, um neue Flugzeuge anzulocken.

(Illu: Georg Frost)

In einer irgendwie calvinistischen Verirrung ging man davon aus, die Weißen hätten einen besonderen Draht zur Welt der Ahnen, aus der die Überfülle an Cargo zum offensichtlichen Beweis des jenseitigen Wohlgefallens geschöpft wurde. Freilich gab es auch Diskussionen, warum die eigenen Medizinmänner das nicht mindestens so gut wie die Bleichgesichter hinbekamen. Die traditionelle Werte- und Sozialordnung wurde erschüttert und keineswegs durch eine glaubwürdigere ersetzt. Denn die Melanesier trauten als gute Beobachter dem westlichen Diktum nicht, Reichtum würde sich auf den Inseln schon einstellen, wenn die Bewohner nur hart genug arbeiteten. Schließlich mussten die Indigenen in den Stützpunkten die härtesten Arbeiten erledigen, bekamen aber den geringsten Teil der Waren ab. Selbst wenn Stammesführern in Fabriken die Produktion der wunderbaren Güter vorgeführt wurde, konnte das den Cargo-Kult nicht erschüttern. Denn auch hier war ja klar zu erkennen, dass der Malocher am Fließband und der Produktionsmittelbesitzer im Dreireiher sehr unterschiedlichen Zugriff auf Cargo hatten.

Heute flackern Cargo-Kulte in Melanesien immer wieder auf und verschwinden schneller, als sich die Ethnologin auf den Weg dorthin machen kann. Solche Krisenkulte bringen Hoffnung in einer Zeit der Hoffnungslosigkeit – und werden danach nicht mehr gebraucht. Einzig die Prinz-Philip-Bewegung, die den Gemahl der britischen Königin Elisabeth II. als Gottheit verehrt, und die John-Frum-Bewegung […]

 

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Lichtwolf Nr. 68 (Riten und Gebräuche)

Den vollständigen Essay sowie viele weitere Texte und Illus zum Thema „Riten und Gebräuche“ finden Sie in Lichtwolf Nr. 68. Erhältlich als Paperback im DIN-A4-Format sowie als E-Book für Kindle und im epub-Format.


Dieser Text ist die gekürzte Vorschau des gleichnamigen Essays in LW68.

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