Links der Woche, rechts der Welt 46/19

Politik ist uncool geworden

Die ZEIT bringt Juli Zehs Dankesrede für den Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln, worin sie vor der Bedrohung der Demokratie durch den Politikverdruss der Mitte warnt und sich dem Anlass entsprechend mit der Rolle des politischen Schriftstellers und Intellektuellen seit Bölls Zeiten auseinandersetzt. (09.11.19)

 

Die unabgeschlossene Moderne

Im NZZ-Interview mit Henning Klingen skizziert Jürgen Habermas die Grundfragen seines neuen Buchs, das „Auch eine Geschichte der Philosophie“ erzählt, sich aber vor allem mit der Vernunft im technischen Zeitalter beschäftigt und um eine Philosophie ringt, die weder in die Metaphysik noch die Religion zurückfällt. (14.11.19)

(Photo: TayebMEZAHDIA, pixabay.com, CC0)

Bücher

Arno Widmann erklärt in der FR, warum man den neuen Riesenwälzer von Jürgen Habermas nicht besprechen kann, und versucht es dann doch, während der Tagesspiegel ganz unerschrocken die 1.700 Seiten in fünf Thesen zusammenfasst, dann aber doch noch eine Rezension des Habermasbuchs nachreicht +++ Bérengère Viennot ist Presseübersetzerin und hat ein Buch über die Sprache des Donald Trump geschrieben, von dem die FAZ maßlos enttäuscht ist. +++ Philipp Hübl wirbt in Büchern und Vorträgen für „Bullshit-Resistenz“ und die taz erklärt, warum analytisches Denken im Netz hilfreich ist. +++ Der Freitag bringt einen Auszug aus der Studie „Mediendiktatur und Nationalsozialismus“, in der der Germanist Erhard Schütz beschreibt, warum der Aufstieg der Nazis eine Reaktion auf die Modernitätskrise vor 100 Jahren war. +++ Zhao Tingyang gilt als wichtigster zeitgenössischer Philosoph Chinas und seine Antwort auf Kant und den westlichen Universalismus liegt bald auf Deutsch vor, wie der Tagesspiegel meldet. +++ Rüdiger Safranski bringt pünktlich zu Hölderlins 250. Geburtstag eine Biographie des Dunkeldichters raus, wie u.a. die FR meldet. +++ Zum 90. Geburtstag Hans Magnus Enzensbergers würdigt das FAZ-Feuilleton die von ihm herausgegebene Andere Bibliothek anhand von besonders bemerkenswerten Bänden.

 

Bild und Ton

In LW45 und LW46 hat Bdolf eine ganze Reihe kontrafaktischer Romane vorgestellt, in denen die Nazis den Krieg gewonnen haben, und einer davon ist längst zur Amazon-Serie „The Man in the High Castle“ geworden, auf deren Finale die FAZ blickt.

Der Freitag empfiehlt den Film „Gott existiert, ihr Name ist Petrunya“, in dem das Patriarchat auf dem Balkan schwerst herausgefordert wird.

Timo Daum und Jürgen Wiebicke unterhalten sich im Philosophischen Radio des WDR 5 über das Auto als Freiheitssymbol und Auslaufmodell. Tschatschatscha: Im DLF kommt heute die Lange Nacht über den Bossa Nova und morgen geht es bei Essay und Diskurs weiter um das Geld: Aaron Sahr beschäftigt sich dann mit Finanz- und Geldpolitik. Die Gemeinnützigkeit von reinen Männervereinen und Postkolonialismus sind einige der Themen bei Sein und Streit.

 

Berichte aus der Akademie

Im Allgäu wurden Überreste eines Menschenaffen entdeckt, der bereits vor 11 Mio. Jahren den aufrechten Gang beherrschte, und die FR erklärt u.a. mit Bloch und Blumenberg, was das für Anthropologie und Selbstverständnis des Menschen bedeutet. +++ Die Soziologin Cornelia Koppetsch soll in ihrem Buch „Die Gesellschaft des Zorns“ plagiiert haben. Die FAZ ordnet ein, um welche Art von wissenschaftlichem Fehlverhalten es sich konkret handelt, während der Freitag auf die Hintergründe des Falls blickt und darauf, wie der Verlag die Chose retten will. +++ Am Leipziger Institut für Politikwissenschaft wird über das angemessene Verhältnis zwischen Politischer Theorie und Demokratieforschung, also Empirie gestritten, wie die taz berichtet. +++ Die SZ hat sich an bayrischen Unis umgesehen, wie sie im Lehramtsstudium mit den Themen Ethik, Medienbildung, Digitalisierung und nachhaltige Entwicklung eigene Konzepte entwickeln. +++ Die Grünen-Bundestagsfraktion beschäftigt sich mit Künstlicher Intelligenz in Musik und Kunst und die taz erklärt, warum es höchste Zeit ist, sich auch kulturpolitisch der KI anzunehmen.

 

Die Unordnung der Dinge

Die ZEIT bringt einen offenen Brief, in dem sich zahlreiche Medienschaffende mit Journalisten solidarisieren, die über die rechtsextreme Szene berichten und darum bedroht werden. +++ Der Historiker Karsten Krampitz rät im Freitag besonders der CDU dazu, die Hufeisentheorie endlich aufzugeben, und zeichnet dazu die Ideengeschichte dieses antikommunistischen Narrativs nach. +++ Ivan Krastev und Stephen Holmes erklären im Tagesspiegel-Interview die These ihres Buchs, wonach der westliche Liberalismus als Vor- auch schnell zum Feindbild wird.

 

Trotz Philosophie

Das Historische Museum Basel widmet Friedrich Nietzsche eine Ausstellung, die mit allerhand Nippes und Kram durch das Leben des Denkers führt und von der NZZ besichtigt wurde. +++ Die Schauspielerin Emma Watson erklärte jüngst, sie sei nicht Single, sondern in einer Beziehung mit sich selbst, und der Freitag lobt sie für diesen konsequenten Postmodernismus. +++ In den USA musste ein zu lebenslanger Haft verurteilter Straftäter wiederbelebt werden und argumentiert nun, seine Strafe sei mit dem kurzzeitigen Exitus abgegolten. Kniffliger Fall, den die SZ skizziert!

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