Links der Woche, rechts der Welt 40/19

Der Querulant, den wir verdient haben

Quallen sind die Tiere der nachmenschlichen Zukunft, schreibt Samuel Hamen in der ZEIT und bezieht sich dabei auf einige Denker*innen, die die Medusen jüngst für sich entdeckten. Die ruhigen Schwimmer bilden symbiotische Kollektive, die Flugzeugträger lahmlegen können und unter den menschgemachten ökologischen Bedingungen prima gedeihen. (29.09.19) [Die Qualle wurde übrigens bereits in LW49 als Viehlosovieh vorgestellt.]

 

Surfen im Fluss der Öffentlichkeit

Meinung, Deinung, Ihrung, Wirrung: Rebekka Reinhard und Thomas Vašek beklagen in der ZEIT die Kakophonie des „öffentlichen Diskurses“ und fragen mit Kant und Habermas erstmal, wer oder was diese Öffentlichkeit eigentlich ist. Sie war ein Raum, behütet von Gatekeepern, und mit beidem ist es jetzt vorbei. (30.09.19)

 

Kapitalismus entsteht im Kopf“

Die Ökonomie soll als eine Verhaltswissenschaft gelten, wovor Sabine Frerichs in der ZEIT warnt. Als Wirtschaftswissenschaftlerin kennt sie die Versuche, Modelle ihrer Disziplin auf Biologie und Gesellschaft auf Kurzschluss komm raus zu übertragen – und wie gerne die Politik sich vom darin enthaltenen Menschenbild inspirieren lässt. (01.10.19)

 

Darf der Staat mit Steuern steuern?

Peter Sloterdijk darf mal wieder ohne Zeichenlimit die NZZ vollschreiben. Er hat entdeckt, dass in der Demokratie gar nicht das Volk herrscht, sondern dessen Repräsentanten. Lassen wir uns also Geschichte der „Delegationsmystik“ seit der Französischen Revolution erklären und enden dann mit Slotis aufgewärmter Kritik am Finanzamt. (02.10.19) [Mehr zu Sloterdijks Steuerberatung übrigens in LW43.]

 

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch

Der „Futorologe“ Matthias Horx legt in der WELT dar, warum die Salvinis, Johnsons und Trumps unfreiwillig die Demokratie stärken. In Österreich scheint der Rechtspopulismus seinen Zenit überschritten zu haben, nicht zuletzt weil eine neue, lokale Demokratie der Mitte erste Wurzeln schlägt. (04.10.19)

(Photo: Pexels, pixabay.com, CC0)

Bücher

Bald ist Frankfurter Buchmesse und Norwegen das diesjährige Gastland. Da kommt mit „Im wilden Paradies“ ein Gedichtband Henrik Wergelands heraus, den uns die NZZ als höchst interessanten Nationaldichter, Theologen und Raufbold vorstellt. +++ Ina Schmidt hat in ihrem neuen Buch die Philosophiegeschichte nach Abschieden und der Dialektik von Anfang und Ende durchkämmt und die WELT stellt Werk und Autorin vor. +++ Didier Eribon hat die Klassiker homosexueller Literatur gelesen und in Bezug auf Geschlechtersystem und Geschlechtsurteile“ untersucht, die taz stellt den Essay vor, der dabei herauskam. +++ Der Freitag ist enttäuscht, dass Christian Neuhäuser in seinem gesellschaftkritischen Essay „Wie reich darf man sein?“ die Vorarbeiten von Marx / Engels nicht ernstnimmt. +++ Mathias Binswanger erklärt in seinem Buch „Der Wachstumszwang“, warum der Kapitalismus mit nichts zufrieden sein kann, und die NZZ ist erleichtert, dass er dabei ohne Moralin oder gar die Systemfrage auskommt.

 

Radio

Über die physische Kraft der Sprache unterhalten sich Petra Gehring und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5. Im DLF kommt heute Abend die Lange Nacht über den südafrikanischen Musiker Abdullah Ibrahim. Bei Essay und Diskurs geht es in drei Teilen um den Begriff der Heimat. Markus Metz und Georg Seeßlen machten den von Ernst Bloch ausgehenden Auftakt, morgen schildert Susanne Scharnowski die Geschichte des Begriffs seit der Romantik. Bei Sein und Streit sind morgen Mittag u.a. Whistleblower, Liebe und Freiheit die Themen.

 

Berichte aus der Akademie

Die SZ stellt Thomas Hofmann als neuen Präsidenten der TU München vor, der aus seiner Institution einen „globalen Austauschplatz des Wissens“ machen und die Geistes- und Sozialwissenschaften deutlich aufwerten will. +++ Vom 26. Deutsche Germanistentag in Saarbrücken, wo das „Krisennarrativ“ der Germanistik an diversen Symptomen durchdiskutiert wurde, berichtet die FAZ. +++ Berliner Biologen haben Aristoteles widerlegt und an Ratten gezeigt, warum wir uns nicht selber kitzeln können, so die SZ. +++ Die taz erklärt, wie der Begriff des Fetischs von der Ethnologie in die Psychoanalyse kam und was er mit der Begierde zu tun hat. +++ Google hat offenbar einen Quantencomputer gebaut und bei Telepolis ist nachzulesen, wie so ein Ding funktioniert und welche phantastischen Möglichkeiten es eröffnet.

 

Die Unordnung der Dinge

Bernhard Pörksen warnt in der SZ davor, sich vor dem Alltagslärm in eine Nachrichtendiät zu flüchten und es sich so allzu leicht mit der Welt zu machen. +++ Die FAZ erinnert zu seinem 150. Geburtstag an Mahatma Gandhi, der in Indien nicht nur wegen seines Einspruchs gegen die Wachstumsideologie kritisch gesehen wird. +++ Kapitalismus braucht Überbevölkerung: Leander Scholz erklärt im Freitag, warum Ökonomie und Demographie zusammengedacht werden müssen. +++ Die taz hat eine Liste der zehn schlechtesten Umweltsongs zusammengestellt, die dem Klima mehr schaden als eine Fernreise. +++ Die FAZ rekapituliert eine Umfrage zur Bereitschaft von Berufsanfängern, für „grüne“ Jobs Gehaltseinbußen hinzunehmen (cooler Frame!). +++ Mit Anstand und Höflichkeit erobern sowohl „Fridays for Future“ als auch „Omas gegen rechts“ die Straße für die Zivilität zurück, wie in der ZEIT steht. +++ Der Tagesspiegel warnt mit Blick auf die Irrtümer von Russell, Marx und Malthus vor allzu radikalen Reaktionen auf die prophezeite Klimakatastrophe. +++ Volker Reinhardt fragt in der NZZ, warum braucht die gegenwärtige Welt so dringend Helden sucht und findet, zum Beispiel in Gestalt der Greta Thunberg, der zeitgemäßen Jeanne d’Arc. +++ Und so sieht diese Heldenverehrung aus: Die taz fragt sich, warum gerade Frankreichs öffentliche Intellektuelle so – gelinde gesagt – heftige Probleme mit Thunberg haben, und Suzanne Moore gibt im Freitag die Antwort: Dem Patriarchat geht die Muffe. +++ Auch hierzulande: Der Freitag fragt, welche Freiheit und welche Ordnung ein Friedrich Merz durch Klimaschutz gefährdet sieht.

 

Trotz Philosophie

Die katholische Kirche hat ihren Frieden mit der Philosophie gemacht: Charles Taylor erhält vom Vatikan den Ratzinger-Preis 2019, wie die SZ meldet. +++ Rüdiger Suchsland zählt bei Telepolis auf, woher die plötzliche Aktualität von Hannah Arendts Denken kommt. +++ Das Satiremagazin Titanic bekommt zu seinem 40. Geburtstag eine Ausstellung im Caricatura Museum Frankfurt, wo sich die FAZ bei der spektakulären Vernissage umgesehen hat. +++ Wie wollen Sie sterben? Suchen Sie sich eine Todesart aus – im neuen Lichtwolf.

 

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