Links der Woche, rechts der Welt 03/19

Der Kaktus als Augenöffner

Spektrum setzt seine Reihe über Halluzinogene fort: Katharina Müller schreibt eine Geschichte des Meskalins aus dem Peyote-Kaktus, der seit Jahrtausenden in psychedelischem Gebrauch ist – zum Entsetzen der Missionare und zur Freude der Künstler. Legaler Status, Suchtpotential, Wirkstoffe und Wirkung werden ebenfalls dargestellt. (12.01.19)

 

Nur wenige Bücher machen blöd

Marcus Hammerschmitt würdigt bei Telepolis das Genre der Science Fiction als Satire auf die Gegenwart und Spiel mit den Möglichkeiten, wodurch entsprechende Romane – wie er an einem Beispiel zeigt – ungeahnte philosophische Tiefe erhalten. (13.01.19)

 

Revolutionärin mit Herz und Verstand

Vor 100 Jahren wurde Rosa Luxemburg ermordet und Arno Widmann nimmt das in der FR zum Anlass, sich ihres Freiheitsbegriffs und ihrer Öffentlichkeitsarbeit zu widmen, aber in den Schriften der gelernten Botanikerin auch so manches für unsere Gegenwart zwischen Klimakatastrophe und Neofaschismus zu finden. (15.01.19)

 

Über die Sprache zur Seele

Manfred Geier wundert sich in der SZ, warum Ludwig Wittgenstein zum Lieblingsphilosophen der Sci-Fi-Literatur und KI-Forschung geworden ist. Dazu geht er auf deren Ursprünge im 20. Jahrhundert zurück, die den Leib-Seele-Dualismus zu einer drängenden Frage machten, auf die Wittgenstein die modernste Antwort gab. (15.01.19)

 

Wacht auf, Verdammte dieser Erde!

Die Laune ist mies, Krisen überall, Alternativen nirgends, und dahinter steckt, wie Norbert Niemann in der ZEIT schwant, die ökonomistische Kolonialisierung aller Lebensbereiche (auch der Kunst, um die es Niemann geht), die mitnichten Wohlstand für alle bringt und endlich abgeschafft gehört. (16.01.19)

 

Die Selbsterkenntnis im Voyeurismus

Die Neugier ist sowohl Tugend als auch Laster, wie Paul Jandl in der NZZ erklärt. Augustinus und Heidegger hatten nur Verachtung für sie übrig und das Internetgewese scheint ihnen Recht zu geben. Das zwischenmenschliche Interesse aneinander dagegen bringt Literatinnen und Friseure in Lohn und Brot. (16.01.19)

 

Der nette Kapitalismus

Bei ZEIT Campus widmet sich Daniel Erk den Versuchen von Konzernen, ihren Angestellten zur Steigerung von Arbeitskraft und Wohlbefinden den Sinn ihrer Maloche jenseits von Profitmaximierung klar zu machen. (17.01.19)

 

Lasst hundert Wikileaks blühen!“

Slavoj Žižek macht sich in der NZZ Gedanken über Zensur im Internet. Nicht nur in autoritären Regimen wird nach fragwürdigen Kriterien aussortiert, auch auf Facebook und an Universitäten. Zusammen mit der allgegenwärtigen Überwachung bedroht das die Freiheit das zu sagen, was andere nicht hören wollen. (18.01.19)

 

Soylent Grün mit Soße

Fleischkonsum ist ethisch, ökologisch und gesundheitlich bedenklich. Sonja Fröhlich schreibt in der FR über Wurstfabriken, die auf vegetarischen Fleischersatz umstellen, Labore, die In-Vitro-Fleisch züchten, und Insekten als das Nahrungsmittel der überbevölkerten Zukunft. (18.01.19) [Übrigens widmet sich LW58 ausgiebig der delikaten Verbindung von Philosophie und Wurst.]

(Photo: Alexas_Fotos, Alexandra / München, pixabay.com, CC0)

Bücher

Slavoj Žižek hat unter dem Titel „Lenin heute“ zentrale Texte Lenins kommentiert und die taz liest das Buch als Psychoanalyse des Stalinismus. +++ Der FAZ geht Ernst Piper in seiner Rosa-Luxemburg-Biographie zu wenig auf die antidemokratischen Aspekte der Diktatur des Proletariats und die Quellen ihres rücksichtslosen Humanismus ein; dem Freitag dagegen kommen Psychologie und Anekdoten auf den 830 Seiten über Rosa Luxemburgs Leben zu kurz. +++ Bernd Stegemann ist ein Vordenker der „Aufstehen“-Bewegung und schimpft in seinem Buch über linksliberale Hypermoral als Klotz am Bein, was der FAZ zu unterkomplex ist. +++ Die SZ ist fasziniert und doch erschlagen von den knapp 1.000 Seiten, auf denen Martin Mulsow spannende Gelehrtenschicksale der Frühaufklärung in Deutschland zwischen 1680 und 1720 schildert. +++ Martin Burckhard hat mit seiner „Philosophie der Maschine“ eine faszinierende Metaphysik der Technik vorgelegt, gegen die für den Tagesspiegel Franklin Foers altbackene Verdammung der Digitalisierung abstinkt. +++ Bei Glanz & Elend wird das Buch rezensiert, in dem César Rendueles anhand von unverbundenen Anekdoten die Unterwerfung unter den „Kanaillenkapitalismus“ schildert.

 

Radio

Im Philosophischen Radio des WDR 5 unterhalten sich Björn Vedder und Ralph Erdenberger über den Begriff „Superreichen“ und seine Funktion im Gerechtigkeitsdiskurs. Im DLF kommt heute die Lange Nacht über Sonette von Petrarca bis Rilke und morgen früh denkt Stefan Weidner bei Essay und Diskurs über den Liberalismus und die ungeliebte Freiheit nach, mittags geht es bei Sein und Streit u.a. um wütende Mobs.

 

Aus den Wissenschaften

Gute Mathematik wird nie alt: Florian Freistetter stellt in seiner Spektrum-Kolumne ein 5.000 Jahre altes Verfahren dar, das sich bei Adam Riese ebenso findet wie in modernen Algorithmen. +++ IBM hat den ersten kommerziellen Quantencomputer vorgestellt, wie die FAZ meldet. Der Physiker Robert Gast erklärt bei Spektrum, warum damit noch nichts gewonnen ist und das Sofortausrechnen mit Quanten noch ähnlich fern ist wie die Kernfusion. +++ Ohne Fleiß kein Preis, doch auch Selbstkenntnis ist wichtig für den Erfolg – laut einer Studie, über die der Standard berichtet. +++ Jubiläen überall: Der Tagesspiegel erinnert an die Gründung der Deutschen Hochschule für Politik vor 70 Jahren, aus der das Otto-Suhr-Institut hervorging. +++ Die SZ portraitiert Barbara Schellhammer, die bei den Inuit die Folgen von Kulturverlust erforschte und die erste Professorin an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten werden könnte. +++ Für und wider geschlechtsneutrale Sprach- und Schreibweisen kann man einiges vorbringen; Wolfgang Krischke fügt in der FAZ hinzu, dass es sich um einen Auswuchs volkserzieherischer Bürokratie handelt.

 

Trotz Philosophie

Die WELT erklärt Thomas Hobbes ihm seinen Naturzustand („Alle gegen alle“) für Dummies und Etatisten. +++ Klimaschutz ist auch eine Gerechtigkeitsfrage und keine einfache, wie Darrel Moellendorf im taz-Interview anhand des Kohleausstiegs und der Klimaflüchtlinge erklärt. +++ Konrad Paul Liessmann kommentiert in der NZZ die Flunkereien von Relotius und Menasse, indem er Nietzsche zu Lüge und Wahrheit im außermoralischen Sinne heranzieht. +++ Auch Zürich hat sein Philosophie-Festival: Die NZZ unterhält sich mit dem Gemeinderat und Mitorganisator Matthias Wiesmann darüber, was das soll. +++ Gute Nachricht: LW64 ist aus der Druckerei gekommen und erscheint nun endlich mit einem Monat Verspätung! Mehr dazu morgen an dieser Stelle.

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