Links der Woche, rechts der Welt 42/18

Nötige Verlagslandschaftspflege

Anlässlich der Buchmesse beschäftigte sich Jens Uthoff in der taz mit dem Leserschwund, der wachsenden Not besonders kleinerer Verlage und der Diskussion um eine staatliche Förderung des Verlagswesens, an dem auch der frühere E-Book-Hype spurlos vorüberging. (09.10.18)

 

Geisteswissenschaftliche Grundlagenforschung dauert

Martin Grötschel, Wilhelm Krull und Christoph Markschies fordern in der FAZ eine Entbürokratisierung und Aufstockung der hierzulande einmaligen Förderung für langfristig angelegte geisteswissenschaftliche Grundlagenforschung, deren digitale Editionen von unschätzbarem Wert sind. (14.10.18)

 

Die Menschheit gibt es nur gemeinsam

Die Idee der Menschheit ist uralt und hochgradig politisch, wie Peter Bürger bei Telepolis argumentiert. Links kann nur sein, wo Internationalismus als Dreh- und Angelpunkt gilt, und Bürger macht ihn in der Ideengeschichte von Aristoteles über Meister Eckhart bis zur ehrlichen Globalisierungskritik von heute aus. (14.10.18)

 

Historiker gegen rechts

Die Münsteraner Resolution des Verbandes der Historikerinnen und Historiker Deutschlands (VHD) zu „gegenwärtigen Gefährdungen der Demokratie“ erhielt viel Zustimmung, aber auch Kritik („Kompetenzüberschreitung, undemokratisches Verfahren, linksliberale Einheitsfront“), auf die Frank Bösch und Johannes Paulmann in der FAZ reagieren. (17.10.18)

 

Der Polizeistaat kommt nicht plötzlich

Es gibt gute Gründe, auch dann gegen den Überwachungsstaat zu sein, wenn man meint, nichts zu verbergen zu haben. Denn das kann sich ändern, wie Katharina Nocun in der SZ über eine drohende autoritäre Wende schreibt, nach der Demokratiefeinde einen Überwachungs- und Repressionsapparat in die Hände bekämen, von dem historische Regime nur träumen konnten. (19.10.18)

 

Einführung ins krumme Holz

Vor einem Weilchen hatte die ZEIT ein Sonderheft zu „Kant, Sokrates und Freud“ und was sie uns heute lehren. Tobias Hürters Kant-Essay daraus ist nun online und begibt sich nach einem biographischen Abriss auf die Spuren des Königsberger Denkens, um es als von ungebrochener Aktualität, Praktikabilität und Genialität zu erweisen. (19.10.18)

 

Der Angst ins Auge sehen

Patricia Thivissen beschäftigt sich bei Spektrum mit Panikattacken und Angststörungen, von denen 15 bis 30 Prozent aller Menschen irgendwann mal betroffen sind. Die Therapiemöglichkeiten sind vielfältig, kommen oft ohne Medikamente aus und sind anderswo teils seit Jahrtausenden selbstverständlich. (19.10.18)

 

Dicke Felle im Übertragenen und Wörtlichen

Was sind diese Klimaforscher nur für Leute? Dieser Frage ist Deike Uhtenwoldt für die FAZ nachgegangen und portraitiert einige dieser Wissenschaftler*innen und ihren Weg in diese spezielle Disziplin, in der man Kommunikationstalent, „ein dickes Fell und eine hohe Frustrationstoleranz“ benötigt. (19.10.18)

(Photo: Larisa-K, Larisa Koshkina, pixabay.com, CC0)

Bücher

Die SZ bespricht zwei Bücher zum Thema nachhaltiges Wirtschaften, die allerdings zu wenig radikal (Dekarbonisierung bis 2050) oder durchdacht (Mieten statt kaufen) sind. +++ Erst recht im Schnelldurchgang stellt die SZ ihre „Taschenbücher des Monats“ vor, darunter Fabian Goppelsröders „Aisthetik der Müdigkeit“, Guy Deutschers „Evolution der Sprache“ und Georg Simmels „Abenteuer des Lebens“. +++ Margarete Stokowski ist wütend, spöttisch und kann nerven, dennoch findet der Freitag ihre „Sammlung privater kleiner Ungerechtigkeiten“ und politischer Forderungen im Kolumnenband „Die letzten Tage des Patriarchats“ erhellend. +++ Was wäre Europa ohne das Meer, allen voran das Mittelmeer? Cyprian Broodbank und Jürgen Elvert haben zwei von der NZZ besprochene Bücher darüber geschrieben, wie das Meer die europäische Kultur und Hegemonie bedingte. +++ Oder war es das Christentum, das in der frühen Neuzeit Europa hervorbrachte, wie Mark Greengrass in seinem Buch „Das verlorene Paradies“ meint, vor dem die NZZ allerdings warnt. +++ Tristan Garcia untersucht in seinem Essay das Wir als politisches Subjekt, was der SZ trotz der schlechten Verlagsarbeit doch manche neue Perspektive auf aktuelle gesellschaftliche Konflikte bereitet.

 

Bild und Ton

Frederick Wiseman hat eine opulente Dokumentation über die New Yorks Public Library gedreht, die die urdemokratische Kulturarbeit hinter der Fassade schildert und für die FR in den Weltraum geschossen gehört.

Die Lange Nacht im DLF widmet sich heute ab 23:05 Uhr dem famosen Michel de Montaigne, morgen geht es in Essay und Diskurs um das Losverfahren, das als neues Mittel der Bürgerbeteiligung im Elsass erprobt wird, und Sein und Streit befasst sich u.a. mit dem Elend der Parteien, den Menschmaschinen und der Agora. Auch das Philosophische Radio des WDR 5 ist zurück von der Buchmesse: Heike Delitz und Jürgen Wiebicke sprechen über den Begriff der „Leitkultur“ und kollektive Identitäten.

 

Das Weitere und Engere

Aus den Wissenschaften: Baldurians Esel verhungert zwischen zwei gleich großen Strohhaufen und Neurobiologen haben geschaut, was die Qual der Wahl im Gehirn von Konsumenten anrichtet, wie die SZ meldet. Auch Telepolis beschäftigt sich mit dem Thema, genauer mit der Überforderung des Gehirns durch „choice overload“. +++ Zum Semesterstart hat sich der Tagesspiegel mit João Fidalgo, Studierendenvertreter an der HU Berlin, über Wohnungsnot, überfüllte Horsäle und studentische Mitsprache unterhalten. +++ „Fake Science“ machte vor einigen Wochen die Runde, nun wappnen sich Universitäten mit verschiedenen Maßnahmen gegen Raubverlage und Pseudojournale, die in den Augen der SZ aber das grundsätzliche Problem aussparen.

Politik und Kultur: Aleida und Jan Assmann haben den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommen und eine politische Dankesrede über die Bedeutung von Kulturarbeit und -gedächtnis gehalten, die von der taz zufrieden rekapituliert wird. +++ Der Standard wiederum unterhält sich mit dem Rechtsphilosophen Stefan Hammer über religiöse Symbole in Schulen und den Ethikunterricht. +++ Ebenfalls im Standard antwortet Andrea Heinz auf den nicht allzu neuen Vorwurf, die Postmoderne habe mit ihrem Relativismus das postfaktische Zeitalter ermöglicht. +++ Bascha Mika von der FR unterhält sich auf der Frankfurter Buchmesse mit Hannah Lühmann und Anne Wizorek über das Für und Wider gendergerechter Sprache. +++ Die Bauhaus-Stiftung hat ein Konzert der antifaschistischen Band Feine Sahne Fischfilet abgesagt. Für die taz ist das „ein kulturpolitischer Skandal“ und ein Symbol dafür, „wie Links- und Rechtsextremismus hierzulande verhandelt wird“. +++ Neuaufstellung in der Opposition? Jakob Augsteins Überlegung, eine Koalition aus AfD und CDU könne der Erneuerung der Linken helfen, erfährt im Freitag entschiedenen Widerspruch u.a. von Isolde Charim, Robert Misik und Yanis Varoufakis. +++ Die Musikzeitschrift Spex wird nach 38 Jahren und 384 Ausgaben eingestellt und der Freitag würdigt zu Recht, „dass sie es bis hierhin geschafft hat“. +++ Auch die taz hat die Bruegel-Ausstellung im Wiener Kunsthistorischen Museum besucht und empfiehlt allen, die es nicht bis Januar 2019 dorthin schaffen, die Internetplattform insidebruegel.net für Detailstudien vom heimischen Sofa aus.

Trotz Philosophie: Mit 40 in die Rente? Geht mit einem gut bezahlten Job und einer spartanischen Lebensweise. Die taz stellt den „Frugalismus“ vor, in dem sich Finanzstrategie und Lebensphilosophie verbinden. +++ Grundsätzlich empfohlen sei die Reihe „Was es heißt, ein Mensch zu sein“ im NZZ-Feuilleton. +++ Ebendort denkt Maurizio Ferraris darüber nach, wie sich die Menschheit systematisch an Plastik erstickt. +++ Nachdem sich ein Banksy-Gemälde geschreddert und damit im Wert vervielfacht hat, fragt Matthias Warkus in seiner Spektrum-Kolumne nach den ästhetischen Kriterien, die ein Werk zum Kunstwerk machen. +++ Die WELT macht Hegels Herr-und-Knecht-Dialektik zu einem Gedankenexperiment wider alle Hierarchie. +++ Der 18-jährige Gerhard Wisnewski wollte sich nur bei seiner Altgriechisch-Lehrerin mit dem Höhlengleichnis als Graphic Novel bedanken und hat nun zusätzlich zum Abi auch noch einen Preis zur Förderung des Altgriechisch-Unterrichts bekommen, wie die SZ meldet. +++ Im aktuellen Lichtwolf zum Thema „Genozid für Fortgeschrittene“ beschäftigt sich Sarah Maria Lenk mit den sexlosen, frauenhassenden Incels. Darüber und über das Internet überhaupt unterhält sie sich auf Youtube mit Herrn Meier.

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