Links der Woche, rechts der Welt 40/18

Größenwahn und Selbstviktimisierung

Der Tagesspiegel bringt einen Essay von Nils Markwardt zur Frage, warum so viele Menschen den rechtspopulistischen Multimillionären ihre Tiraden gegen „die Eliten“ abnehmen. Der autoritäre Charakter will wieder Leuten gehorchen, denen man ihren Führungsanspruch wie in schlechten alten Zeiten auch ansieht. (30.09.18)

 

Was in Bologna begann und mit Bologna endet

Der Historiker Frank Rexroth hat erforscht, wie die Scholastik die Wissenschaft revolutionierte und mittelalterliche Institutionen bis heute den akademischen Comment prägen. Veronika Hock rekapituliert im FAZ-Blogseminar die erstaunliche Frühgeschichte der europäischen Universität. (01.10.18)

 

Tunix gestern und heute

Bei Telepolis nimmt Peter Nowak den 40. Jahrestag der Gründung der alten Tante taz zum Anlass, den Anspruch ihrer Gründertage mit Geschichte und Gegenwart abzugleichen. Sie hat die Welt nicht aus den Angeln gehoben, aber sicherlich zu ihrer Veränderung beigetragen, nur um sich heute in ihr eingerichtet zu haben. (01.10.18)

 

Mit Volldampf übers Halteziel hinaus

Die FAZ unterhält sich mit vier Klimaforschern, die im Vorfeld des Sonderberichts zur in Paris beschlossenen Einhaltung des +1,5°-Klimaziels die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: Es gibt weder einen Plan, wie das zu schaffen ist, noch den tatkräftigen politischen Willen. Für technologische Rettungsanker könnte es bereits zu spät sein. (01.10.18)

 

Die Gegenaufklärung schreitet voran

Paul Schreyer unterhält sich bei Telepolis ausführlich mit dem Psychologen Rainer Mausfeld über den unerfreulichen Zustand der nur vermeintlich liberalen Demokratie, die von geheimen Machteliten ausgehöhlt und kontrolliert wird, weshalb sich Mausfeld als „Verschwörungstheoretiker“ kaltgestellt sieht.

 

Die Schwierigkeiten der Hospitalität

Zum Tag der deutschen Einheit denkt Burkhard Liebsch in der ZEIT über Flüchtlingspolitik nach und verteidigt zunächst die universale menschliche Verwandtschaft gegen den angstvoll abgeschotteten Homogenitätswahn, um sich sodann kritisch mit Recht und Pflicht zur Gastfreundschaft auseinanderzusetzen. (03.10.18)

 

Die Pflanze als totaliter aliter

Natürliche Kunst: Joachim Müller-Jung schreibt in der FAZ über „BioArt“, die gerade voll im Trend liegt, weil sie die drögen Naturwissenschaften mit und aus einer ästhetischen Perspektive zu inspirieren vermag, etwa indem autopoetische Performances mit Kresse, Pilzen oder Krebszellen in Gang gesetzt werden. (05.10.18)

 

Der Mensch erscheint in seinen Geschöpfen

Emma Braslavsky stand dem humanoiden Roboter Sophia gegenüber und stellt in der ZEIT die gute Frage, warum der Mensch sich ständig (vom Golem bis zum Androiden) noch einmal als künstliche Art zu erfinden trachtet: Von der Antike bis in heutige Labore zieht sich anscheinend der Wunsch nach greifbarer Selbsterkenntnis. (05.10.18)

 

Gehorcht der konservativen Evolution!

Youtube ist das Audimax der Welt und Jordan Peterson der neue „akademische Rockstar“ darin (bald auf Europa-Tour). Markus Schär portraitiert in der NZZ den Psychologen, der seine Bude mit Sowjetpropaganda schmückt und dessen „philosophische“ Positionen scheinbar gut zum Trumpismus passen. (06.10.18)

 

Bücher

Catrin Misselhorn fragt in ihrem Buch „Grundfragen der Maschinenethik“, ob wir ethische Entscheidungen Automaten überlassen können und die Verneinung lässt die ZEIT eher unbefriedigt. +++ Die NZZ weist auf Robert Sugdens „The Community of Advantage“ hin, worin er theoretische Lehren für die Ökonomie aus der (utilitaristischen) Ethik zieht, und auf Peter Neumanns Stadt-, Zeit- und Sittenportrait „Jena 1800“ (alle waren sie da!). +++ Hans Magnus Enzensberger hat „Die Unterhaltung eines Philosophen mit der Marschallin de Broglie wider und für die Religion“ von Denis Diderot übersetzt und der Freitag freut sich über diese Trouvaille. +++ Geht die weltweite Hegemonie des Silicon Valley auf die Hippies zurück? Das Buch „Welt ohne Geist“ von Franklin Foer behauptet das, aber während die FAZ sein Unbehagen teilt, ist sie nicht ganz von seiner intellektuellen Redlichkeit überzeugt. +++ Populismus ist gerade schwer angesagt, weshalb Chantal Mouffe ihn auf links drehen will; die NZZ ist erwartungsgemäß wenig überzeugt von ihrem schmalen Plädoyer. +++ Steven Pinker schreibt in seinem Plädoyer „Aufklärung jetzt“ gegen die rechtspopulistischen Nietzsche-Erben und ihre Dekadenzstimmung an, vermag für den Standard aber nicht die Ursachen ihres Erfolgs zu ergründen. +++ Das Ada Magazin bringt einen beispielreichen Ausschnitt über Hip Hop als Subversion der Mehrheitsgesellschaft, das Max Czolleks Polemik „Desintegriert Euch!“ entnommen ist. +++ Die FAZ empfiehlt die Kolumnen-Sammlung der „Vorzeige-Feministin“ Margarete Stokowski unter dem Titel „Die letzten Tage des Patriarchats“ als selbstironischen Rundumschlag und „als zeitgeschichtliches Dokument“. +++ Sämtliche Essays bzw. Reportagen des 2008 verstorbenen David Foster Wallace – u.a. über Tennis, John McCain und Pornos – sind im Band „Der Spaß an der Sache“ erschienen, den die taz inspiriert bespricht. +++ Von Peter Sloterdijk gibt es neue Notizen zur Gegenwart in einem Band, den die NZZ als sprachliches Feuerwerk und Tagebuch eines Hochleistungsdenkers abfeiert. +++ Glanz & Elend rezensiert den Essay „Wie frei ist die Kunst?“, in dem Hanno Rauterberg klug zwischen politischer Korrektheit, ihrer Verachtung, Kulturpessimismus und der Kunstfreiheit abwägt, was von Kunst noch übrig ist.

 

Bild und Ton

Die FR empfiehlt die Dokumentation „Pre-Crime“, die sich mit den Chancen, aber vor allen den Risiken von datengestützten Algorithmen zur Vorhersage von Verbrechen beschäftigt und in der arte-Mediathek noch bis Ende Oktober zu sehen ist:

Terry Gilliam hat 28 Jahre an einem neuen überbordenden Film mit coolen Schauspielern gearbeitet und diesmal geht es um Don Quijote und die Frage: Was wäre, wenn der durchgeknallte Ritter von der traurigen Gestalt der einzige ist, der die Realität so erfasst, wie sie ist? Die SZ findet das äußerst reizvoll – während die FAZ fast schon meint, Gilliam hätte den Tod der Realisierung dieses filmischen Romanisten-Themenparks vorziehen sollen, und auch die WELT die Kalenderspruchmoral des Illusionstheaters „bestenfalls mitteloriginell“ findet.

Die Menschenkenntnis ist das Thema im Gespräch von Georg Brunold und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5. Vom Rauchverbot bis zu #Metoo: Andrea Roedig beschäftigt sich morgen früh bei Essay und Diskurs im DLF mit Puritanismus und Verbotskultur, mittags geht es bei Sein und Streit u.a. um Markus Söders „Bavaria One“ und den linken Populismus der Chantal Mouffe.

 

Zeitschriften in rechten Zeiten

Nicht nur der Lichtwolf hatte juristischen Stress mit der AfD. Jüngst untersagte auch das OLG Köln unter Verweis auf das Namensrecht dem Blogger Nathan Mattes, unter der Domain wir-sind-afd.de rassistische Äußerungen der Rechtspopulisten zu sammeln, wie Telepolis unter ausgiebigem Gebrauch der Juristensprache meldet. (Möge die neue Domain das-ist-afd.de wasserdichter sein!)

Die Kolleg*innen von der Zeitung Graswurzelrevolution werden von den Rechtspopulisten in bewährter Einheit mit BILD attackiert, nachdem der Verfassungsschutzpräsident von Thüringen aus einem GWR-Artikel über Björn Höcke zitierte. (Das BILDblog hat übrigens den zweiten Teil seines Quizes „Wer hat es gesagt – BILD oder AfD?“ fertig.) Und die aktuelle Ausgabe von Konkret wurde zunächst nicht an die Kioske ausgeliefert, weil der Grossist (berechtigte) Angst vor den Hakenkreuzen auf Gaulands Krawatte hatte.

Pieter Bruegel der Ältere: Der Triumph des Todes (c. 1562), Museo del Prado, Madrid

Das Weitere und Engere

Ausstellungen: Noch bis zum 13. Januar ist im Kunsthistorischen Museum Wien die Ausstellung „Bruegel“ zu sehen, aus der die WELT ebenso enthusiasmiert wie erschlagen die vielen Eindrücke schildert. +++ Außerdem war die WELT im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden und fasst zusammen, welche Faszinosa die Ausstellung „Shine on Me“ über die Sonne in Natur und Kultur zusammengetragen hat. +++ Für die taz dagegen hat sich Claus Leggewie im Berliner Haus der Kulturen der Welt umgesehen, wo bis Dezember die Ausstellung „The Most Dangerous Game“ den Beitrag der Situationisten zum anno mirabilis 1968 thematisiert. +++ Praktischerweise liefert die WELT (mit der wir plkötzlich per du sind) noch Arthur Coleman Dantos Gedankenexperiment hinterher, mit dem man unterscheiden kann, was ein Kunstwerk ist und was nicht.

Schlechte Nachrichten: Ronja von Rönne gibt in ihrer ZEIT-Kolumne ein paar Tipps, wie man vor lauter Krisen- und Katastrophenmeldungen nicht in Ohnmacht erstarrt und in einer erkaltenden Gesellschaft erfriert. +++ Aloysius Widmann denkt im Standard über den Neid in Philosophie und Psychologie nach und wie Links- oder Rechtspopulisten ihn nutzen, um Stimmung zu machen.

Aus den Wissenschaften: Spektrum erinnert an Pierre Rémond (1678–1719), der mit Philosophie anfing, reich erbte, vom Glücksspiel fasziniert war und zu einem Vordenker der mathematischen Disziplin wurde, die wir heute Spieltheorie nennen. +++ Bisschen Schwund ist immer: Nach wie vor ist die Zahl der Studienabbrecher ziemlich hoch, wie die FAZ meldet und über die von Fach zu Fach unterschiedlichen Gründe und Quoten spekuliert. +++ Nun nehmen sich die Neurowissenschaften auch die gute alte Langeweile vor und fördern im MRT so manche neue Ansicht zu diesem existentiellen (Hirn-)Zustand zutage, wie Telepolis meldet. +++ Künstliche Intelligenz funktioniert nach wie vor nur in engen Aufgabenfeldern, wie die FAZ zusammenfasst, und die KI-Forscher beklagen sich über die lahmen Philosophen, die mal bitte klären sollen, „wie menschliche Gehirne es zuwege bringen, sich einen Reim auf die Welt zu machen.“

Sonstiges zum Schluss: Die Wissenschaft hat das Lächeln von Mona Lisa und im Allgemeinen durchdrungen und die ZEIT erklärt uns, was diverse Forschungen über die gute Miene herausgefunden haben. +++ Die SZ berichtet von einer Studie, wonach gesellschaftliche Minderheiten besonders anfällig für Verschwörungsglauben sind, und von einer anderen, wonach Katzen keinen Bock haben, Ratten zu fangen, diese aber sich eher vor jenen als vor Menschen verstecken. +++ Mark-Stefan Tietze enthüllt auf der Wahrheitsseite der taz, wie drogensüchtige Pilzsammler den Forst verheeren und die Aufklärung zernichten. +++ Wie zeigt sich ein Kaffeebecher? Matthias Warkus nimmt in seiner Spektrum-Kolumne eine Kaffeehausepisode zum Anlass für eine Kurzdarstellung der Phänomenologie. +++ Brian Leiter wies diese Woche in seinem Blog auf einen neuen Sokal-Hoax hin und auf „Arete“ – Philosophie als Brettspiel!

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