Wi(e)der die Natur

Der Begriff der Zweiten Natur wurde in der Antike geprägt und spätestens durch Marx wieder bekannt gemacht – aber wird er auch begriffen? Wie natürlich ist das Zweitnatürliche? Und wohin wird es uns führen?

von Marc Hieronimus

Cicero schreibt in Anlehnung an Aristoteles, deinde consuetudine quasi alteram quandam naturam effici, dass durch die Gewöhnung (an die Kultur, d.h. das Erzogensein) quasi eine zweite Natur entstehe. An anderer Stelle bezeichnet er die Früchte menschlicher Arbeit als solche. Marx und nach ihm Lukácz und Adorno haben den Begriff auf den Gesamtzusammenhang der verdinglichten Welt übertragen, der uns zwar wie Natur umgebe, aber zu Anhängseln des Produktionsprozesses degradiere. Damit war bereits vieles angedacht, was Technologiekritiker wie Anders, Mumford, Illich, Ellul und Charbonneau (siehe LW47, 59, 61) in großartigen Werken ausformuliert haben; die wichtigsten Bücher müssen ja gar nicht mehr geschrieben, sondern nur noch gelesen werden. Mit der fortschreitenden Technologisierung und der mittlerweile menschheitsbedrohlichen Förderung und Vernichtung von Rohstoffen bekommt die Reflexion über die Zweite Natur (N2) aber eine ganz andere Dringlichkeit.

Erste versus Zweite Natur

Seit der Mensch denkt – also länger als seit Menschengedenken – formt er seine Umwelt. Das tun auch Biber, Ameisen und in gewissem Maße alle Lebewesen, zumindest durch ihren Stoffwechsel. Der Mensch greift weiter aus, indem er Tiere ausrottet und andere domestiziert. Manche seiner „Produkte“ wie Schaf, Kuh und viele Hunderassen sind ohne ihn nicht mehr lebensfähig. Auch der Mensch selbst hat sich körperlich verändert. Wer versuchte, vor-prometheisch ohne Feuer zu überleben, könnte mit seinen verkümmerten Zähnen die täglich zum Lebenserhalt nötige Kauleistung kaum aufbringen. Nicht einmal die härtesten Maschinenstürmer können dahin zurückwollen; die Jungsteinzeit mit Feuer, Ackerbau und Viehzucht wäre gerade hart genug. Es ist sinnvoll, erst mit dem Ende dieser Epoche von einer Zweiten Natur zu sprechen: In den ersten Städten entstand die Schrift, die Verwaltung, v.a. aber waren nun Menschen erstmalig nicht mehr selbstversorgend und fingen an, ihre Umwelt unwiederbringlich zu verändern.
Warum, könnte man fragen, wollte überhaupt irgendwer zurück oder woanders hin? Hat N2 nicht bislang noch alle Probleme gelöst, die sie verursacht hat? Nun, nein, und das kann sie auch nicht, im Gegenteil: N2 verursacht zwingend den Untergang der Menschheit, zumindest auf lange Sicht. Nicholas Georgescu-Roegen (vgl. LW64) kommt das Verdienst zu, das Materieproblem in die Thermodynamik und deren Konzept der Entropie in die Wirtschaftswissenschaft eingeführt zu haben. Zwar bleibt Energie (und Materie) erhalten (1. Hauptsatz), aber Prozesse sind aufgrund des Entropiestrebens irreversibel (2. Hauptsatz). Die Zahnpasta lässt sich wieder zurück in die Tube kriegen, aber eben nur unter einem gewissen Aufwand. Insgesamt strebt alles (das Gasgemisch, Badezimmer, Universum) zur maximalen Unordnung, auch Wärmetod genannt.
Der Mensch ist nun ein erheblicher Entropiebeschleuniger. Egal, was er der Natur seit Ende der letzten Eiszeit entnommen hat – Steine, Eisen, Kupfer, später Erdöl, Silizium, „seltene Erden“ usw. – wurde in seinen Händen weniger und ist durch Zerstreuung größtenteils für immer verloren. N2 ist aber auf Rohstoffe angewiesen. Wenn wir von Recycling und ökologischem Fußabdruck reden, sitzen wir der falschen Vorstellung auf, es gebe ein Maß von Verbrauch, das nachhaltig, also dauerhaft aufrechtzuerhalten wäre. Nein: Wat fott is, is fott, sagt der Rheinländer. Niemand scheint bis heute begriffen zu haben, oder vielmehr: Jeder verdrängt alltäglich, dass die Rohstoffe und mit ihnen die Energie einmal ausgehen werden, und zwar nicht in Millionen Jahren, sondern spätestens im 22. Jahrhundert. Wahrscheinlich sind längst die ersten Menschen geboren, die ihr Ende erleben werden. Exit N2, die Masse der Menschen wird – wenn sich nicht nahezu alles drastisch zum Guten ändert, und nichts weist derzeit darauf hin – nur noch als eine hilflose Kopie des Urzeitmenschen fortleben können. Die nicht lebensfähige Zweite wirft uns auf die Erste Natur zurück.

Leben und Tod

Vom Standpunkt der Untoten aus machen wir uns auch nicht klar, wie erstaunlich das Leben eigentlich ist. Erwin Schrödinger (der mit der Katze) hat gesagt, alles Leben ernähre sich von negativer (man verstehe: geringer) Entropie. Dabei schafft es aber auch negative Entropie, also Ordnung, Komplexität. Die Natur läuft rund. Die „Visionäre“ der N2 – Transhumanisten, Genetiker, Techniker im weitesten Sinne – sehen nur das Tote, die Ressourcen. Sie haben nichts verstanden, und das ist vielleicht gar nicht verwunderlich. „Der Mensch“, die Menschheit, wir Nordwestlichen und die von uns Beglückten haben keinen Instinkt, unsere Art zu erhalten, dafür aber so viele paläopsychologische Verhaltensweisen und Anpassungen an die neue, so kurzfristige Epoche der N2, dass wir regelrecht untergehen müssen.

(Photo: RitaE, pixabay.com, CC0)

Georgescu-Roegen stellte lapidar fest, statt Langlebigkeit habe die Menschheit eine kurze, aber ungemein aufregende Lebensweise gewählt. Nur – wer hat da eigentlich gewählt? Sicher bekennt heute manch ein Stadtmensch offen, lieber auf Nashörner und Eisbären als auf SUVs und Flachbildschirme verzichten zu wollen, und Stadtmenschen werden über kurz oder lang die erdrückende Mehrheit sein, aber die haben nicht gewählt, die haben sich nur angepasst. Für die Vorzüge von N2 nehmen sie z.B. auch wie selbstverständlich in Kauf, dass wir uns in den Städten nicht mehr gefahrlos zu Fuß bewegen können, weil alles auf das Auto ausgerichtet ist; nur darum macht umgekehrt das Auto ja einen Sinn. Schneller macht es uns schon lange nicht mehr, wie Ivan Illich (mit Jean-Pierre Dupuy) einmal vorgerechnet hat: Wenn man die Arbeitszeit, die zur Finanzierung des privaten und des Systems Auto mit dem Zeitgewinn durch Automobilität verrechnet, fährt die Karre im Schnitt weniger als 10 km/h, also langsamer als ein Fahrrad. Illich hat diesen Gedanken auf zahlreiche andere Bereiche unserer Zweitnatur übertragen und kam überall zum selben Ergebnis: Das Gesundheitssystem macht krank, Schule macht doof usw. Vor allem macht das System abhängig: Aus der Natur, und sei es aus der Zweiten, bricht man nicht aus, man fügt sich. Einzig ein globaler radikaler Sinnes- oder besser: Wesenswandel kann den größten Genozid der Menschheit, nämlich ihren Suizid, abwenden. Aber der falsche Geist ist in der Welt, Pandoras Büchse ist geleert, darin bleibt nur die Hoffnung. Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass N2 wahrlich Naturcharakter hat.

Die Zweite Natur ist selbsterhaltend

Jeder Organismus strebt zur persönlichen und zur Fortdauer seiner Art. Tiere und Pflanzen opfern sich für ihre Nachkommen, aber wehren sich auch gegen den eigenen Untergang. Das gleiche gilt für gesellschaftliche Institutionen. Als z.B. der deutsche Zoll mit dem Schengen-Abkommen überflüssig wurde, hat er u.a. die Aufgabe übernommen, Schwarzarbeit zu bekämpfen. Zu den Selbsterhaltungsmechanismen von N2 gehören
1. die Verwaltung, d.h. die Organisation der Menschen
Bernard Charbonneau hat dargelegt, wie sehr das System den Schafcharakter der Menschen befördert. Die Menschen hätten sich niemals so bereitwillig auf die Schlachtbänke des Ersten Weltkriegs führen lassen, wenn sie nicht vorher längst erfasst, verwaltet und zu Rädchen in der Maschine degradiert worden wären. Vergleicht man den damaligen Grad an persönlicher Autonomie, Milieuverhaftung und internationalistischem Klassenbewusstsein mit der Ameisigkeit von heute, muss einem schon bange werden.
2. die Medien als Verhaltensregulatoren
Medien erledigen auf gesellschaftlicher Ebene, was z.B. Hormone auf der körperlichen tun, sie bestimmen Gefühlszustände und über sie unser Handeln. Die Analogie ist frappierend: Auch Medien stehen mit ihrem „Körper“ in Wechselwirkung und können abschwächend oder verstärkend wirken. Sie sind Ursache, Wirkung und in jedem Falle Ausdruck ihrer Gesellschaft. In Diktaturen läuft das anders als in „Demokratien“ wie den europäischen, aber immer lässt sich überhaupt nur von einem Staat/Körper sprechen, wenn es Medien, also der Wortbedeutung nach vermittelnde Elemente zwischen seinen Teilen gibt.
3. Stoffwechsel
Als Organismus betrachtet ist N2 das (vielleicht notwendig) einzige Exemplar der zweithöchsten Ordnung – darüber liegt nur noch das Gesamtsystem der belebten Erde selbst. N2 ernährt sich von allem unter ihr, d.h. vom Menschen, der ihr dient und sich seinerseits bereits von vielem ernährt, aber auch von Stoffen wie Erdöl, Metallen, Gesteinen usw., die nach heutigem Wissen wenn überhaupt in sehr langen Zyklen verkehren (etwa durch Vulkanismus und Plattentektonik) und in diesem Maße der Natur nicht vonnöten sind. Jeder flüchtige Blick auf die Sprudelwasserflasche oder die Müslipackung erinnert uns daran, dass etwa Magnesium, Eisen oder eben nur in Spuren vorhandene Spurenelemente irgendwie für das Leben wichtig sind, aber die unfassbaren Mengen toten Materials, dass Menschen im Dienst von N2 aus der Erde holen, könnte für die große eigentliche Natur ebenso unten bleiben. Der höhere und verfeinerte Bedarf macht einen Organismus per se krisenempfindlicher. Weil nun aber N2 von den Kreisläufen entkoppelt ist, muss sie fortwährend mutieren, um sich zu versorgen.
4. Anpassungsfähigkeit
Wir glauben, die Experten werden die Lösung schon noch finden, weil es bislang immer so gelaufen ist. Die Antwort auf jeden Mangel, jedes Problem war immer das Mehr an N2. In den kommenden Katastrophen werden wir die wahnwitzigsten Techno-Projekte zur Rettung der falschen Lebensweise sehen, und der Mensch wird sich immer mehr fügen.

Die Zweite Natur produziert Kranke, Kranke produzieren die Zweite Natur

In der Fettwelt von heute entwickelt beinah jedermann und jedefrau im Lauf des Lebens irgendwann eine psychische Erkrankung. Man hat dafür das mediko-pharmazeutische System verantwortlich gemacht, nach der Devise, jedes „Angebot“ eines definierten Krankheitsbildes mit dazugehörigen Therapiemöglichkeiten finde eine „Nachfrage“ in Form neuer Patienten. Aber ehrlich: Welcher mehr oder minder mit sich und der Umwelt zufriedene Mensch sieht sich denn als Kranker, bloß weil die Medizin sich ausdifferenziert? N2 hat vielmehr einen neuen Menschentypus hervorgebracht, dem die psychische Erkrankung beinah so anhaftet wie dem überzüchteten Deutschen Schäferhund die Hüftdysplasie. Beinah, denn sie ist nicht erblich, sie entsteht in jedem Menschen neu und ist mitunter sehr erfolgreich. Ganz wie der hüftkranke Kläffer auf der Hundeschau den Schönheitspreis gewinnt, hat der besonders (d.h. sehr oder anders) Angepasste die größten Aussichten auf gesellschaftlichen Erfolg. Da sind die Nerds wie Gates oder Zuckerberg, die bei keinem Tanz-, Box- oder Essaywettbewerb auch nur zugelassen würden, die „Finanzgenies“ und Oligarchen, die man nicht als Nachbarn, geschweige denn als Freunde haben wollte, aber vor allem diese heute im Spektakel sowieso, aber auch noch in der kleinsten Firma, in jedem Verein und v.a. an der Spitze unserer „Zukunftsindustrien“ präsenten Psychopathen, die in egal welchen Wettbewerben und als Mitmenschen und überhaupt überall die einnehmenden Gewinnertypen markieren. So verstanden ist z.B. Donald Trump kein Unfall, sondern ein Symptom.
Auch über Elon Musk ist eigentlich genug bekannt, um ihn vorrangig pathologisch zu betrachten – dass er dennoch bis in die Universitäten hinein (oder sogar gerade dort) ausschließlich als geradezu messianischer Visionär gehandelt wird, ist also ein Zeichen der Zeit. Der Paypal-Mitbegründer hält es z.B. für beinahe sicher, dass wir nur computergenerierte Bewusstseine sind. Der von Nick Bostrom schon 2003 angeregte Gedankengang lautet wie folgt: Bald werden Computer in der Lage sein, Milliarden täuschend echte Bewusstseine zu generieren – da sei es doch sehr unwahrscheinlich, dass ausgerechnet meines ein echtes ist. Genau genommen redet Musk also über sein Bewusstsein, aber nicht als Neuauflage des uralten Solipsismus-Problems. Er ist nur derart eingenommen von seiner eigenen (zweifellos erfolgreichen, überdurchschnittlichen) Existenz, dass ihm seine Mitmenschen schon gar nicht mehr real erscheinen wollen. Für den Fall, dass diese unsere aber doch die eigentliche Wirklichkeit ist, sorgt er freilich zur Sicherheit mit Luxusinseln, Weltraumprojekten usw. vor – man weiß ja nie. […]


Weiterlesen? Den vollständigen Text und viele weitere Essays finden Sie in Lichtwolf Nr. 63 zum Thema „Genozid für Fortgeschrittene“.

Schreiben Sie einen Kommentar



© 2002-2018 catware.net Verlag, T. Schneidegger | Impressum | AGB (Onlineauftritte) | Datenschutz