Links der Woche, rechts der Welt 37/18

Nicht der Erste Waldkrieg

Im Hambacher Forst versuchen Aktivisten zu verhindern, dass der Wald zum Braunkohleabbau zerstört wird. Eckhard Fuhr fragt in der WELT nach dem Zusammenhang von Holz und Heimat, erklärt, dass es vor 1800 mit der Übernutzung viel schlimmer war und der wirkliche Wald irgendwo zwischen Ökonomie und Romantik liegt. (08.09.18)

(Photo: mathiasfaust,
Mathias Faust, pixabay.com, CC0)

Bei Campact läuft übrigens eine Petition gegen die Rodung des Hambacher Forsts und für einen schnellen Kohleausstieg. Auf Twitter kann man sich unter den Hashtags #HambiBleibt und #HambacherForst u.a. über den Polizeieinsatz gegen die waldschützenden Aktivist*innen informieren.

 

Lesen und zanken

Die Philologie ist eine altehrwürdige Disziplin, die jüngst durch eine Feuilleton-Debatte über Tradition und Gegenwart des Fachs entstaubt wurde. Christian Benne blickt in der FAZ zurück auf deren Akteure und ihre Argumente zur Bedeutung von Subjektivität, Polemik, Lektüre und Praxisrelevanz der Philologie. (09.09.18)

 

Die KI als moralisches Subjekt?

Die ethische Frage, wie wir mit menschenähnlichen Robotern (und sie mit uns) umgehen sollen, war schon früh ein Thema der Science Fiction. Im Tagesspiegel warnen Julian Nida-Rümelin und Nathalie Weidenfeld davor, den Begriff der Menschenwürde überzustrapazieren, indem man ihn auch auf Künstliche Intelligenzen anwendet. (10.09.18)

 

Ende und Neuanfang der Philosophie

Was soll Philosophie in einer digitalen Welt, die immer schneller und unübersichtlicher wird? Die Gewissheiten eines Descartes geraten ins Wanken, wie Walther Ch. Zimmerli in der NZZ beschreibt, zumal die Täuschung längst ein willkommenes Feature ist, weswegen es gilt, ganz neu über Wirklichkeit nachzudenken. (11.09.18)

 

Haschaschinen in Tanger

Marokko gehört zur sog. „islamischen Welt“ und trotz des koranischen Rauschverbots gibt es dort an jeder Straßenecke Marihuana zu kaufen. Dominik Huf hat sich fürs FAZ-Blogseminar mit diesem Widerspruch beschäftigt und berichtet wissenschaftlich fundiert und malerisch aus Marokkos Cannabisplantagen und Moscheen. (13.09.18)

 

Der Rechtsruck heute und gestern

Droht „nach Chemnitz“ eine Wiederholung „Weimarer Verhältnisse“? Thomas E. Schmidt wägt in der ZEIT Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der gegenwärtigen und der damalige Krise der Demokratie ab, erklärt, warum man auch und gerade heute Faschisten als solche bezeichnen kann und muss und wer für die Verteidigung der liberalen Demokratie zuständig ist. (13.09.18)

 

Empathie ist links und unwissenschaftlich

Protestforscher haben untersucht, wie es zu den Krawallen beim Hamburger G20-Gipfel kam, und Wolfgang Krischke hat die Studie für die FAZ gelesen. Demnach hätte die Polizeiführung eine sich verselbstständigende Eskalation in Kauf genommen, doch Krischke sieht dieses Urteil allein durch die ideologische Voreingenommenheit der Forscher bedingt. (14.09.18)

 

Für wen funktioniert der Kapitalismus?

Vor zehn Jahren brach die Finanzkrise aus, an deren Folgen die Welt immer noch laboriert, und bald darauf formierte sich die Occupy-Bewegung im Protest gegen die Rettung der Zocker auf Kosten der Gesellschaft. Lukas Hermsmeier hat für die ZEIT drei gereifte Aktivist*innen in New York befragt, wie es mit Occupy losging und was daraus wurde. (14.09.18)

 

Keine Intelligenz ohne Leben

Der Nuklearphysiker Hans Widmer zeigt sich in der NZZ skeptisch gegenüber allen (Un-)Heilserwartungen an die Künstliche Intelligenz. Daten- und Reizverarbeitung reicht nicht, wenn der im Laufe von Äonen in jede Faser eingeschriebene Lebenswille fehlt, aus dem erst das Bewusstsein in einem Prozess entspringt, den Widmer in aller Kürze nachzeichnet. (15.09.18)

 

Bücher

Carlo Rovelli ist Quantenphysiker und erklärt in seinem neuen Buch, dass es physikalisch gesehen gar keine Zeit gibt und sie nur ein menschlicher Erkenntnismodus ist, was die FAZ sehr anregend findet. Der Standard bespricht neben Rovellis Buch auch das thematisch passende Werk von Richard A. Muller über die Physik der Zeit und lässt beide Autoren selbst zu Wort kommen. +++ Für die taz hat Claus Leggewie die Streitschriften von Aladin El-Mafaalani und Ahmad Mansour zum Thema Integration gelesen und empfiehlt sie wegen ihrer gemeinsamen konfliktsoziologischen Grundierung. +++ Der WELT geht einer ab darüber, dass Alexander von Schönburgs „Kunst des lässigen Anstands“ kein kulturpessimistisches Lamento, sondern ein Ratgeber für konservative Ritterlichkeit in ach so links-grünen Zeiten ist. +++ Manfred Lütz versucht sich mit „Der Skandal der Skandale“ an einer Rehabilitierung des Christentums, die ZEIT stellt das Buch kurz vor. +++ Henning Lobin versucht in seinem neuen Buch das neue Bild der Sprache in digitalisierten Zeiten zu beschreiben, aber die FAZ zeigt sich wenig überzeugt von Inhalt und Methodik. +++ Micah White war bei Occupy mit dabei und sieht „Die Zukunft der Rebellion“ in seinem gleichnamigen Buch im Spirituellen, womit der Freitag ziemlich fremdelt.

 

Bild und Ton

Joachim A. Lang hat mit „Mackie Messer“ einen opulenten Film über Bertolt Brechts Dreigroschenoper abgeliefert, der dem Freitag etwas zu viel Metaebenen hat.

Der Film „Alpha“ will erzählen, wie Mensch und Wolf vor Jahrhunderttausenden zueinander fanden, und der WELT liegt dieser digitale Steinzeitkitsch ganz schwer im Magen.

Über Gerechtigkeit unterhalten sich Christoph Fleischmann und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5 und Essay und Diskurs im DLF widmet sich morgen früh dem Luxus.

 

Aus den Wissenschaften

Der Tagesspiegel portraitiert Terry McCarthy, der als Reporter aus Kriegs- und Krisengebieten berichtete, diese Erfahrungen als Philosoph nutzt und neuer Präsident der American Academy in Berlin ist. +++ Spektrum wiederum würdigt ausführlich die Mathematikerin Emmy Noether, deren Theoreme die theoretische Physik des 20. Jahrhunderts prägten. +++ Die NZZ nimmt das Symposium der Schweizerischen Philosophischen Gesellschaft zum Anlass für einige Überlegungen zur Philosophie als Superwissenschaft an und für sich. +++ Es schreibt die SZ von einer Initiative, nach der ab 2020 nur noch Forschungsprojekte gefördert werden sollen, deren Ergebnisse via Open Access publiziert werden. +++ Das FAZ-Blogseminar portraitiert Till van Treeck, der die Wirtschaftswissenschaften aus ihrer einseitigen Fixierung auf neoklassische Ökonomen herausführen will. +++ Karl Marxens Abgangszeugnis ist wieder im Archiv der Humboldt-Uni und die FR hält sich anhand dessen das prägende Studentenleben des Rauschebarts vor Augen. +++ Die SZ denkt über die verfahrene Lage der Schulen nach der x-ten Bildungsreform nach und fragt u.a. Dritt- und Viertklässler, wie sie sich die perfekte Schule vorstellen. +++ Konrad Lehmann stellt bei Telepolis neueste Forschungsergebnisse zum Gedächtnis vor.

 

Das Weitere und Engere

Lars Jaeger analysiert für Telepolis die trans- bis antihumanistische Ideologie der Tech-Unternehmer im Silicon Valley. +++ Das Ada Magazin unterhält sich mit David Graeber über sinnlose Bullshit-Jobs, denen er sein jüngstes Buch gewidmet hat. +++ Die Verlegerin Barbara Laugwitz wurde beim Rowohlt-Verlag rausgeworfen, was für Unmut unter Schriftstellern sorgt, wie die SZ aufzählt, und auch die NZZ bringt einen Nachruf auf den insolventen Stroemfeld-Verlag. +++ Wenn ein Trump-Wähler sagt, es regnet, scheint bestimmt die Sonne: Die SZ berichtet über wenig überraschende Studien, wonach die Polarisierung eine Einigkeit selbst über evidente oder harmlose Sachverhalte erschwert. +++ Hans Magnus Enzensberger denkt in der NZZ über Europa und seine Kriege nach und was sie noch mit der Gegenwart zu tun haben. +++ Im Feminismus ist oft von Ermächtigung die Rede und die WELT erklärt, woher das Wort kommt (nämlich nicht vom gleichnamigen Nazi-Gesetz). +++ Beim BILDblog gibt es ein echt schwieriges Quiz: Wer hats gesagt – BILD oder AfD? +++ Kommenden Dienstag ist Jom Kippur – und die FAZ erklärt den Kindern, worum es beim jüdischen Versöhnungsfest geht. +++ Auf dem Pflaster vieler deutscher Städte findet sich ein weißer Farbfleck, der – wie die Wahrheitsseite der taz meldet – nicht auf schusselige Philosophie-Studenten, sondern auf Gerhard Richter zurückgeht. +++ Wenn im Fußball von „Philosophie“ die Rede ist, geht es oft um Taktik, nicht so bei José Mourinho, dem Trainer von Manchester United, der Hegel zu zitieren versucht, weshalb die ZEIT ihm und anderen Trainern weitere Hegelsprüche für den Platz mitgibt. Simon Critchley wiederum lehrt Philosophie, ist Liverpool-Fan und erklärt in der NZZ, was das eine mit dem anderen zu tun hat.

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