Links der Woche, rechts der Welt 36/18

Groß, grau und politisch

Felix Torkar setzt sich als Architekturhistoriker für die Kampagne SOS Brutalismus ein und schreibt im Ada Magazin über den einst als modern gerühmten und heute verpönten Baustil und die ihm zugrundeliegende wohnungsbaupolitische „Vorstellung des gemeinschaftlichen Zusammenlebens und öffentlichen Eigentums“.

 

weniger Stress und mehr Leben“

In der aktuellen Ausgabe von Brand eins geht es ums Personal. Online ist daraus zu lesen Sophie Burfeinds Portrait der Generation Z, die bald in die Arbeitswelt einsickern und diese wie wohl die gesamte Wirtschaft verändern wird: angepasst und optimistisch ohne Hoffnung, dafür mit Tausend Followern, Netflix-Abo und anderen Zielen im Leben.

 

Tierquälerei und ausgelaugte Böden

Die Landwirtschaft wird nicht ausreichen, um unseren Konsumstandard langfristig zu bedienen, wie Susanne Aigner bei Telepolis anhand aktueller Studien feststellt. Allgemeiner Öko-Vegetarismus wäre zwar auch keine Rettung, aber der einzige Weg, um unserer Spezies noch etwas Zeit zu verschaffen – von ethischen Fragen ganz abgesehen. (01.09.18)

 

Wer wird unserer gedenken?

Die NZZ bringt einen NYT-Essay von Roy Scranton, der u.a. den Band „We’re Doomed. Now What?“ verfasst hat. An der US-Ostküste schweifen seine Gedanken zurück bis zu den dort ausgelöschten Ureinwohnern und ihre einfache, fremde Lebensweise. (04.09.18) [Der Text ist eine gute Einstimmung in den in zwei Wochen erscheinenden neuen Lichtwolf mit dem Titelthema „Genozid für Fortgeschrittene“, die wohl finsterste Ausgabe seit Jahren…]

 

bloßes Entweichen von Stimmlauten“

Max Stange beschäftigt sich im FAZ-Blogseminar anhand einiger aktueller Beispiele mit den rhetorischen Tricks von AfD-Politikern, die systematisch provozieren und relativieren und sich so als ernstzunehmende Gesprächspartner disqualifizieren. (05.09.18)

 

Die Brille des Liberalismus absetzen

Nach dem Wahlsieg Donald Trumps hat John Gray auch bei Linken und Liberalen eine Lust an der Verschwörungstheorie bemerkt, wie er in der SZ schreibt und bemängelt, dass man sich so die Auseinandersetzung mit den (selbstverschuldeten) Ursachen des neuen Autoritarismus erspart. (06.09.18)

 

Geld zwischen Willkür und Freiheit

Aristoteles betrachtete Geld ganz nüchtern als praktisches Tauschmittel und davon ging auch Immanuel Kant aus, wie Otfried Höffe in der FAZ schreibt. Als Element von Freiheit ist das Geld ein wichtiger Teil der kantischen Rechtslehre von Eigentum, Fleiß und Wert. (06.09.18)

 

Moral als Vorwurf

Die ZEIT hat es mit dem Kampfbegriff „Hypermoral“ und Johannes Simon macht ihn auch in der linken Sammlungsbewegung „Aufstehen“ aus, die mit ihrem Antimoralismus rechtspopulistische Sprechmuster scheinbar kopiert. Simon dröselt die Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf. (08.09.18)

 

Mit oder ohne Facebook

Massenmanipulation, Hate Speech und Datenskandale haben Facebook scheinbar demütig gemacht, doch kaum Nutzer gekostet, worüber sich Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski in der NZZ wundern. Sie vermuten hinter der Treue zum Monopolisten ein „digitales Stockholm-Syndrom“, das nicht mit immer neuen Funktionen zu therapieren ist. (08.09.18)

 

Bücher

„Was Pflanzen wissen“ von Daniel Chamovitz machte den Auftakt, „Die Wurzeln der Welt“ von Emanuele Coccia folgte: Die FAZ beschäftigt sich mit dem Trend zu einer Philosophie der für uns so fremdartigen und unentbehrlichen Pflanzenwelt. +++ Bruno Latour entlarvt Donald Trump als ersten Politiker, der verstanden hat, dass die Erde nicht für alle reicht, und die NZZ findet das wie überhaupt sein ganzes „Terrestrisches Manifest“ viel zu dick aufgetragen. +++ Die ZEIT bespricht zwei Bücher (Ahmad Mansours „Klartext zur Integration“ und Aladin El-Mafaalanis „Das Integrationsparadox“), die beim Thema Integration zu entgegengesetzten Schlüssen kommen und darob für Unzufriedenheit sorgen. +++ David Graeber beschäftigt sich in seinem neuen Buch mit sinnlosen „Bullshit-Jobs“, gelangt aber in den Augen der taz nicht von der Beschreibung zur Theorie. +++ Niemand liebt die Bürokratie, doch es geht nicht ohne sie: Städteforscher Charles Landry hat ein Buch namens „Creative Bureaucracy“ geschrieben und zu einem gleichnamigen Kongress eingeladen, wie der Tagesspiegel berichtet.

(Photo: 3dman_eu, Peggy und Marco Lachmann-Anke, pixabay.com, CC0)

Der Untergang des Roten Sterns

Der Frankfurter Stroemfeld-Verlag, vor 48 Jahren unter dem Namen „Roter Stern“ gegründet, hat Insolvenz angemeldet. Jürgen Kaube blickt in der FAZ auf die verdienstvollen Werkausgaben zurück und sieht das Ende der Ära akademischen Lesens markiert. Claus-Jürgen Göpfert besucht für die FR den Verleger KD Wolff, der nun mit einem Haufen Schulden und einer halbfertigen Kafka-Gesamtausgabe dasteht, aber trotzig bleibt.

 

Radio

Seit fast einem halben Jahrtausend gibt es das Internat Pforta in Sachsen-Anhalt, wo auch Nietzsche die Schulbank drückte. Heute ab 23:05 Uhr gibt es im DLF eine Lange Nacht über das Internat. Um Geschlechter- und Herrschaftsverhältnisse nach #MeToo geht es morgen früh in Essay und Diskurs, mittags sind u.a. Bewegung und Rousseau die Themen bei Sein und Streit, ebenfalls im DLF. Über Gotteslästerung, Pornographie, politische Korrektheit und Kunstfreiheit diskutieren Hanno Rauterberg und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5.

 

Das Weitere und Engere

Dazu passend: Barbara Vinken war für die ZEIT in einer Basler Ausstellung von als pädophil verfemten Werken Balthasar Kłossowski de Rolas, genannt Balthus, und findet sie okay, und der Freitag guckt auf die Fassade der Alice-von-Salomon-Hochschule, wo Eugen Gomringers Gedicht „avenidas“ durch ein neues ersetzt wurde. Parthenophilie als Triebfeder (männlicher) Kunst wurde schon in LW61 („Milchmädchen“) illustrationsreich behandelt. +++ Auf nach Bad Homburg: Dort kann man in zwei Wochen u.a. mit Habermas über die Zukunft Europas diskutieren, wie die FR meldet. +++ Googles Chefökonom Hal Varian beruhigte jüngst laut SZ, Künstliche Intelligenz werde nicht Millionen Menschen arbeitslos machen (jedenfalls nicht bei uns). +++ Die WELT unterhält sich mit dem Historiker Bernd Roeck über den Islam und die fehlende Trennung von Religion und Politik als sein größtes Entwicklungshemmnis. +++ Grundlagenforschung muss sich rechtfertigen, die darauf basierende, großzügig geförderte anwendungsorientierte Wissenschaft nicht – Alexander Mäder denkt in seiner Spektrum-Kolumne darüber nach, ob es anders sein könnte.

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