Links der Woche, rechts der Welt 24/18

Französischer Etatismus nach Hegel

Letzte Woche wurde Alexandre Kojève zum 50. Todestag in der WELT portraitiert, Danilo Scholz liefert in der FAZ eine ausführlichere Würdigung des Staatsmannes, der in den 1930ern einen revolutionären Hegel in Frankreich einführte und schließlich zum gefürchteten und respektierten Wirtschaftsdiplomaten in der jungen EWG wurde. (09.06.18)

 

Heimlichkeit und Bedeutung

Warum haben wir Geheimnisse und was macht das mit uns? Den psychologischen Forschungsstand dazu rekapituliert Klaus Wilhelm bei Spektrum. Jeder hat ein Dutzend verschiedenartiger Geheimnisse, die eine wichtige soziale Funktion haben, aber auch mit Schuldgefühlen verbunden und naturgemäß schwer zu erforschen sind. (13.06.18)

 

Der Kampf geht weiter

Menschenwürde, Diplomatie und Völkerrecht sind durch scheinheilige Zyniker aller Länder infrage gestellt, schreibt Andreas Zielcke in der SZ. Dennoch beharren einige Leute wie etwa Steven Pinker allen Krisensymptomen zum Trotz auf dem emanzipatorischen Fortschritt der Vernunft. (13.06.18)

 

Gnade als Glücksfall

Warum lässt Gott zu, dass Verdammte überhaupt geboren werden, fragen sich Paulus wie auch Dirk Pilz in der ZEIT. Die Antwort findet sich u.a. mit Wittgenstein: Damit Glaube und Trost keine Selbstverständlichkeiten für die Sterblichen sind, die ihre Beichten stammeln. (15.06.18)

 

Von Menschen ungestörte Systeme

Adrian Lobe zeigt sich in der NZZ genervt von den Heilserwartungen, die an die Ersetzung menschlicher Fehlerhaftigkeit durch Künstliche Intelligenz gerichtet werden. Die politischen, ethischen und juristischen Probleme, eine ganze Zivilisation den Algorithmen auszuliefern, kommen zu kurz. (16.06.18)

 

Bücher

Für die FR hat Arno Widmann in der Neuübersetzung der „Ilias“ von Kurt Steinmann geblättert, die von Anton Christian illustriert und mit einem Nachwort von Jan Philipp Reemtsma versehen wurde. +++ Die NZZ stellt das Buch vor, in dem Etienne de Villiers die Verantwortungsethik Max Webers trotz einiger Längen originell neu interpretiert. +++ Außerdem bespricht die NZZ Svenja Flasspöhlers Plädoyer „Für eine neue Weiblichkeit“, das bezweifelt, ob #meToo und #Aufschrei wirklich zum gegenseitigen Verständnis der Geschlechter beitragen. +++ Die WELT hat Zweifel, ob Jaron Laniers „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“ beim Restpublikum irgendeine Wirkung erzielt. +++ Die ZEIT empfiehlt Rüdiger Bittners Buch „Bürger sein“ trotz oder wegen seiner Abrechnung mit der politisch-philosophischen Folklore von Konsens, Demokratie und Menschenwürde.

 

Radio

Heimat“ ist neuerdings wieder in aller Munde und das ist auch das Thema von Hans-Joachim Höhn und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5. Im DLF kommt heute Abend die Lange Nacht über Israel, morgen früh unterhalten sich Thomas Wagner und Monika Dittrich bei Essay und Diskurs darüber, wie 1968 auch die Neue Rechte aufkam, und mittags geht es bei Sein und Streit u.a. um den unersättlichen Kapitalismus.

 

Leserinnen und Leser und Leser*innen

Diese Woche vertagte der Rechtschreib-Rat seine Entscheidung über die Aufnahme des Gendersternchens ins amtliche Teutsch. Peter Gallman sitzt in dem Gremium und erklärt im FAZ-Interview, warum die Digitalisierung nichts mit dem Sprachverfall zu tun hat, Rechtschreibung so emotional besetzt ist und die geschlechtsneutrale Schreibweise womögliche gar keine orthographische Frage ist. In der SZ legen Henning Lobin und Damaris Nübling auf lesenswerte Weise dar, warum „mitgemeint“ und „angesprochen“ nicht dasselbe sind und gehen sodann in die Tiefe sprachwissenschaftlicher Erwägungen zu Genus und Sexus. Aus der akademischen Perspektive blickt auch Johann-Mattis in seinem Blog „Von Wörtern und Bäumen“ auf die erstaunlichen Geschlechtsunterschiede in der gesprochenen Sprache, insbesondere bei Grußformeln.

(Photo: PDPics, pixabay.com, CC0)

Wie umgehen mit der Neuen Rechten?

Die FAZ hat in Rotterdam eine Ausstellung über das propagandistische Werk des ehemalige Trump-Beraters Steve Bannon besucht. Philipp Bovermann beschreibt in der SZ, wie Memes und Katzenbilder im neurechten Informationskrieg gegen die Demokratie in Stellung gebracht werden. Aber ist doch nur Spaß! Oder? Die FR unterhält sich mit dem Politologen Reinhard Mehring über die neurechte Diskursstrategie, mit einer Provokation nach der anderen die Kultur des Sagbaren zu ruinieren. Mit Provokation kennt sich auch Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit aus und erklärt im FR-Interview, warum Talkshows den sozialen Frieden stören. Hintergrund ist eine Auswertung derjenigen Themen, die darin als die vermeintlich relevanten bequatscht werden – und auch dann von Rechtspopulisten bestimmt werden, wenn sie gar nicht anwesend sind. Eine Petition, die die Öffentlichrechtlichen auffordert, der AfD nicht mehr ständig eine Plattform zu geben, hat schon fast 37.000 Unterzeichner und der Deutsche Kulturrat fordert, alle Talkshows für ein Jahr in die Kreativwerkstatt zurückzurufen. „Wie weiter gegen rechts?“, fragt auch Volker Weiß in den Blättern und erklärt, warum nicht der Protest gegen sie, sondern die neuerdings so beliebten Gesprächsangebote diese Diskursverächter stärken. Dietmar Dath erklärt in der FAZ kindgerecht, wie man mit Quatsch Politik macht und was man dagegen tun kann.

 

Das Weitere und Engere

Zum 70. Geburtstag lobt Peter Sloterdijk seinen Kumpel Hans Ulrich Gumbrecht in der NZZ über den grünen Klee als postheroischen Helden, die FAZ würdigt ihren Blogger aus gleichem Anlass etwas nüchterner. +++ Einer Umfrage zufolge sind besonders junge US-Amerikaner von Einsamkeit betroffen, nur über die Gründe herrscht noch Unklarheit, ist bei Telepolis zu lesen. +++ Gesundheit ist eine zivilisatorische Errungenschaft, weshalb es ungesund ist, „im Einklang mit der Natur“ zu leben, wie Joseph Kuhn bei den ScienceBlogs erklärt. +++ Am MIT hat man eine psychopathische KI geschaffen, um bei der Frage, was es heißt, ein Mensch zu sein, weiterzukommen, wie die FAZ meldet. +++ Anhand von Frank Schätzings neuem Roman stellt Lars Jaeger bei Telepolis einige Bedrohungsszenarien durch Künstlichen Intelligenz und anderen Supertechnologien zusammen. +++ Carl Cederstrom wollte sich auf seine Elternzeit mit Philosophie vorbereiten und stellte fest, dass sie zum Thema Vaterschaft erstaunlich wenig zu sagen hat, wie er in der Philosophie-Kolumne der New York Times schreibt. +++ Die phil.cologne ist überstanden, kommende Woche geht es mit dem Festival der Philosophie in Hannover weiter.

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