Stufen zum Nichts: Ins Gesicht

von Martin Köhler

 

Die Aufklärung, von der ja nicht so sicher ist, ob sie bis dato gesiegt oder verloren oder überhaupt jemals stattgefunden hat, ist eine schwierige Kiste. Deshalb haben sich auch schon einige Philosophen damit auseinandergesetzt und verschiedene Erkenntnisse darüber zutage gefördert, mithin: das Dunkel aufgeklärt bzw. erhellt. Was vielen unbekannt sein dürfte, ist der Umstand, dass Schiller sich dieser Erhellung in expliziter Form gewidmet hat. In „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ von 1795 schneidet er dieses Thema schon an, aber unlängst tauchte im Friedrich Schiller Archiv (sic, was die Schreibweise ohne Bindestriche angeht – Schiller hätte das nachts mit Graffiti korrigiert oder die Bude angezündet) in Weimar eine Seite aus den Augustenburger Briefen von 1793 auf, die die Grundlage für die uns bekannte Fassung seines Werks bilden. Ein für Schiller ungewohnt schlichtes Reimschema thematisiert die Aufklärung; durch den Mangel der Form erscheint der Inhalt umso prägnanter:

Und ich leuchte mit dem Licht

dem Uhu ins Gesicht.

Doch ihr Leute, was soll ich euch sagen:

Der Uhu kann das Licht nicht vertragen.

Der Uhu, nicht dumm, dreht sich um.

Ich: Runter von der Leiter,

rum mit die Leiter, rauf auf die Leiter.

Und ich leuchte mit dem Licht …

(ad nauseam)

Offensichtlich steht das Licht symbolisch für das Licht der Aufklärung, während der Uhu den Menschen symbolisiert, der – eigentlich mit Verstand ausgestattet – doch das Licht scheut und sich abwendet. Schiller hat den Uhu auch deswegen gewählt, weil den Eulen, zu welchen der Uhu gehört, Weisheit zugesprochen wird. Und auf „Uhu“ fand der Meister auch bessere Reime als auf „Eule“. Wie Schiller eindrücklich darstellt, lässt der Lichtbringer nichts unversucht, den Uhu zu erleuchten. Er lässt ihn die Leiter hin und her stellen – sie steht für die Anstrengung, die der Lichtbringer unternimmt, seine Lehre, seinen Unterricht, seine ästhetische Erziehung. Aber es kommt zu dem großen Aber: Der Uhu kann das Licht nicht vertragen. Selbst wenn er Erleuchtung wollte, könnte er sie nicht erlangen, weil er dafür nicht gemacht ist. Eine schreckliche Erkenntnis, die Schiller hier aufzeigt; es handelt sich quasi um ein neuverfasstes Zitat aus Platons Höhlengleichnis. Jedoch ist anzunehmen, dass der Uhu (also der Mensch an sich) diese Erkenntnis im Gegensatz zum Leser (als Ausnahmemensch) nicht besitzt. Schiller schreibt in der Folge jedoch explizit, dass der Uhu nicht dumm sei – die fehlende Erleuchtung liegt nicht in einem Mangel des Verstandes begründet. Er kann eben schlichtweg das Licht nicht vertragen, so ist halt seine Natur.

Hier findet sich bereits das Thema der widerstreitenden Grundtriebe Natur und Vernunft, die Schiller zufolge den Menschen bestimmen. Und, was noch wichtiger ist: Hier findet sich auch der Ansatz, wie die Aufklärung trotz aller Widrigkeiten doch noch an ihr Ziel kommen könnte. Einfach nicht aufgeben: runter von der Leiter, rum mit die Leiter, rauf auf die Leiter.


Dieser Text ist die unveränderte Fassung des Beitrags „Stufen zum Nichts: Ins Gesicht“ aus LW60.

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