Links der Woche, rechts der Welt 52/17

Was sind das nur für Leute

Alles guckt ganz selbstverständlich in die Wikipedia, einschließlich Journalisten, die daraus manchen Blödsinn abschreiben, der dann als belegt gilt, weil er in der Zeitung stand. Sebastian Leber hat für den Tagesspiegel einige Wikipedianer getroffen und schreibt, wie es hinter den Kulissen des Mitmachlexikons zugeht. (25.12.17)

 

Der erste Europäer

Die AfD hat sich dank des Bundestagswahlergebnisses finanziell so kräftig saniert, dass auch sie ihre Kohle wie die sog. „Altparteien“ in einer Stiftung anlegen will, die nach Gustav Stresemann benannt werden soll. Ehe man nun im Strahl kotzt, lasse man sich von Volker Zastrow in der FAZ erklären, wer Stresemann eigentlich war, denn die AfD scheint es nicht zu wissen oder ihr Programm geändert zu haben. (25.12.17)

 

Das Leben im Dunklen

Das elektrische Licht hat sie uns vergessen lassen, doch die Furcht vor Dunkelheit und Kälte steckt uns noch in den Knochen. Allerdings ist im Dunkeln auch gut Munkeln – und kreativ sein. Bente Lubahn berichtet in der FAZ von diversen Studien zu Kreativität, Verträglichkeit, Sicherheit und Freiheit in Finsternis. (25.12.17)

 

Die Liebe in Zeiten des Instagram-Filters

Der Mensch hat schon immer gern grausamen Spektakeln beigewohnt, nur muss er dafür den Sozialen Medien sei Dank nicht einmal mehr vor die Tür gehen. Jörg Räwel schreibt in Telepolis, wie sich dadurch in den letzten zehn Jahren Kommunikation, Empathie und Bewusstsein verändert haben. (25.12.17)

 

Exportweltmeister Deutschland

Während man hierzulande von einer Islamisierung fabuliert, ist die Germanisierung Österreichs handfeste Realität: Michaela Seiser berichtet für die FAZ aus Wien, wo eine weiter wachsende Zahl von Deutschen auf den Lehrstühlen gerade die Geisteswissenschaften merklich verändert. (26.12.17)

 

Traumagewinn

Nach dem Mauerfall wurden aus rumänischen Waisenhäusern schwerst vernachlässigte Kinder herausadoptiert und zu unfreiwilligen Testfällen zur Untersuchung von psychischer Widerstandsfähigkeit. Michael Brendler resümiert in der FAZ die Studien und Theorien, wieso einige Menschen psychische Belastungen besser verarbeiten als andere. (29.12.17)

 

Vermessen, antastbar, beherrschbar

Körperscanner am Flughafen sind für Adrian Lobe in der ZEIT der Anlass, mal über die wenig intime Leibvorstellung nachzudenken, die dem „gläsernen Bürger“ in Zeiten seiner totalen Aus- und Bewertung zugrunde liegen und sich schon bei Haraway und Foucault ankündigte. (29.12.17)

 

Alter vs. junger Marx

Thomas Steinfeld von der SZ hat zum 150-jährigen Jubiläum der Veröffentlichung von „Das Kapital, Band 1“ ein Buch über Marx geschrieben. Reinhard Jellen unterhält sich mit ihm bei Telepolis über die Theorien des Rauschebarts vom Manifest über die Entfremdung bis zur kritischen Nationalökonomie. (30.12.17)

 

Die Menschheit schafft sich ab

Laufen wir Gefahr, dass uns die Computer ebenso über den Kopf wachsen wie die Atomkraft? Reinhard Jellen hat sich darüber ausgiebig mit Werner Seppmann unterhalten, der genau davon überzeugt ist und diverse Beispiele für unsere prometheische Scham liefert. Teil 1 des ausführlichen Interviews hätte schon gereicht, aber in Teil 2 geht es weiter um Langzeitschäden an Hirn und Arbeitsmarkt und in Teil 3 um die faschistoide Ideologie des Silicon Valley.

 

Lichtspiele

„Ufa-Filme sind für deutsche Cineasten in der Regel guilty pleasures“, schreibt Georg Seeßlen bei Getidan über die NS-Filmfabrik, deren einzigartigen Stil er einer ästhetischen Prügfung unterzieht. +++ Die FAZ ist schwer begeistert von der vierten Staffel der Netflix-Serie „Black Mirror“, die technologische Dystopien ähnlich wie „Twilight Zone“ inszeniert – aber mit dem düsteren Humor des Chefproduzenten Charlie Brooker, der so beschäftigt ist, dass sein Jahresrückblick ausfallen muss. (Wie schön und bitter nötig das hätte werden können, zeigt Charlie Brooker’s 2016 Wipe.)

 

Radio

„Droht eine Gegenaufklärung?“, fragt Jürgen Wiebicke diese Woche beim Philosophischen Radio im WDR 5 seinen Studiogast, den Journalisten Christian Schwägerl. Bei Sein und Streit im DLF geht es morgen Mittag u.a. um Rituale, zu Gast ist Thomas Macho. Essay und Diskurs war diese Woche feiertagsbedingt häufiger zu hören: Ulrike Ackermann unterhielt sich mit Katja Weber darüber, warum Freiheit – wenn überhaupt – nur im Plural zu haben ist. Die islamische Feministin Kübra Gümüşay gab im Gespräch mit Florian Fricke Auskunft darüber, was Fremdsein in Deutschland bedeutet. Morgen früh ab 9:30 Uhr plädiert Dirk von Gehlen dafür, im Zeitalter des digitalen Prosumenten einen neuen Kunstbegriff zu schaffen.

 

Bücher

In Russland stirbt es sich anders, darum lebt es sich dort auch anders, so die These von Felix Philipp Ingolds Buch „Todeskonzepte der russischen Moderne von Tolstoj bis Lenin“, das die NZZ vorstellt. +++ Der Standard bespricht zwei sich ergänzende Bücher zur Zeit: Der ernüchterte linke Guillaume Paoli kotzt sich über die apathische Wutbürger-Unterschicht aus und François Jullien wendet sich sowohl gegen Universalismus wie kulturelle Identität. +++ Robin Lane Fox hat eine Augustinus-Biographie geschrieben, die das Leben des Philosophen und Kirchenvaters anhand seiner „Confessiones“ rekonstruiert, dabei die zeitlichen Umstände im Blick hat und von der FR darob gelobt wird. +++ Das biblische Buch Hiob zeigt Gott als ziemliches Arschloch und scheint dennoch nur die entschärfte Form eines Urtextes zu sein, dem Christoph Türcke „in einer Art philologisch-theologischem Krimi“ auf der Spur ist, wie die NZZ begeistert schreibt. +++ Nach den unangenehmen Überraschungen, die die Jahre 2016 und 2017 zu bieten hatten, sah sich Heinrich August Winkler genötigt, seinem vierbändigen Standardwerk über den Westen ein Postskriptum anzufügen, was für die NZZ nicht nötig getan hätte. +++ Robert Pfaller verlangt in seinem Buch nach „Erwachsenensprache“, weil Diversitäts- und Minderheitspolitik nur von der neoliberalen Ungleichheit ablenken soll; die FAZ hält das für eine Verschwörungstheorie. +++ Als wäre all das nicht schon Lesestoff genug, ist vor einer Woche der neue Lichtwolf erschienen: Heft Nr. 60 hat das Titelthema „Ins Gesicht“. Zum Jahrestag von lichtwolf.de an Heiligabend sind darüber hinaus wieder eine Menge Artikel aus vergangenen Ausgaben (deren PDF-Leseproben nun übrigens im Einkaufszentrum verfügbar sind) ins Netz gestellt worden.

 

Das Weitere und das Engere

Zum Stand Österreichs im Jahre 81 nach Kraus: Der Standard unterhält sich mit Robert Menasse ausführlich über Nationalisten in der Regierung und Rauchercafés in Wien. +++ Über die Misere von Forschung und Lehre in Italien berichtet Mahya Karbalaii im Uniblog der FAZ. +++ Dirk Pilz schreibt in der FR, eine Übersetzung der Odyssee ins Englische gefunden zu haben, die u.a. darum ganz und gar ungewöhnlich sei, weil sie von einer Frau stammt. +++ Die SZ berichtet, wie kärglich es aussieht, wenn ein Lektor inhaltliche Maßstäbe an die Ergüsse eines Alt-Right-Maulhelden anlegt. +++ Noch zum bis 8. Januar 2018 ist im Berliner Haus der Kulturen der Welt eine Ausstellung darüber zu sehen, wie die CIA während des Kalten Kriegs Kulturpolitik machte. Stefan Heidenreich hat für den Freitag die Ausstellung besucht. +++ In der ZEIT (wie schon in LW58 zum Thema „Wurst“) ist über In-Vitro-Zuchtfleisch aus dem Labor zu lesen. +++ Die Germanistin Javorka Finci-Pocrnja erinnert im Standard an den vor 25 Jahren verstorbenen Günther Anders. +++ Von Brian Leiter empfohlen: Bei philskills.com gibt es Interviews mit Leuten, die Philosophie studiert, aber in einem ganz anderen Bereich Karriere gemacht haben. +++ In der taz wundert sich Hilal Sezgin über den bornierten Blick auf die Religion nach Marxismus und Frankfurter Schule. +++ Die „Stille Nacht“ ist vorbei, die lauteste des Jahres steht bevor, da kommt die SZ-Klickstrecke zum Thema Ruhe gerade recht.

 

Der Lichtwolf wünscht einen guten Start ins Jahr 2018, weil er Sie nämlich sehr gernhat!

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