Links der Woche, rechts der Welt 50/17

Krieg gegen Demokratie und Klimaschutz

Wenn Sie den Text „Egal ist 88“ aus LW58 gelesen haben, kommt Ihnen die These von Maximilian Probst und Daniel Pelletier aus der ZEIT bekannt vor: Der Aufstieg des Rechtspopulismus ist demnach ein Kollateralschaden des Informationskriegs, den Konzerne seit Jahrzehnten in der liberalen Kommunikationsgesellschaft gegen den Klimaschutz führen. (06.12.17)

 

Eine Uni als internationales Politikum

Im Uniblog der FAZ beschäftigt sich Niklas Záboji mit der Central European University (CEU), die vom Investor George Soros in Budapest gegründet wurde und der ungarischen Orbán-Regierung ein Dorn im Auge ist. Sie geht legislativ gegen die Uni vor, deren Studierende auf der Straße angefeindet werden, EU und USA sind nicht begeistert. (13.12.17)

 

Heult gefälligst leise!

Rainer Paris fragt sich in der NZZ, warum in einer Gesellschaft, die so frei ist wie nie, sich so viele als Opfer fühlen wie nie. Statt des Durchschnitts (=der Norm) regiert die Tribalisierung (=Individualität), in der eine Gruppe die andere diskriminiere, aber jede Opfer sein wolle. Am Ende garniert der Feminismuskritiker ohne Diskriminierungserfahrung seine elaborierte Affirmation mit einem Aufruf zu mehr Gelassenheit. (14.12.17)

 

Flucht aus dem Postheroismus

Der Erste Weltkrieg und der Totalitarismus haben gründlich mit jeglichem Heroismus aufgeräumt, schreibt Herfried Münkler in der NZZ. Nur noch Einzelne reißen aus der Indifferenz zwecks Heldentum in die Ostukraine oder die IS-Gebiete aus, während die postheroische Gesellschaft sich mit Heldenerzählungen von ihrer Verwundbarkeit ablenkt. (15.12.17)

 

Radio

Religionskritik vor Weihnachten, muss das sein? Darüber unterhalten sich Frieder Otto Wolf und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio auf WDR 5. Bei Sein und Streit im DLF geht es morgen Mittag um Heilige und Essay und Diskurs fragt morgen früh: Wozu noch Bibliotheken?

Ralf und Philipp lesen Heidegger paragraphenweise und sprechen anschließend in ihrem Sein&Zeit-Podcast darüber; gerade sind sie bei § 65 („Die Zeitlichkeit als der ontologische Sinn der Sorge“) angekommen.

 

Bücher

Zu Robert Gernhardts 80. Geburtstag hat Andrea Stoll den „kleinen Gernhardt“ zusammengestellt mit dem, „was war, was bleibt, von A bis Z“; der Standard empfiehlt diese „Reflexionen mit viel Witz und philosophischem Tiefgang“. +++ Susanne Mayer stellt in der ZEIT eine Reihe von Naturbüchern vor, deren Vielzahl von der „Sehnsucht nach dem, was verschwindet“, kündet. +++ Ältere, aber extrem billige Bücher von Lichtwolf-Autoren gibt es beim catware.net Verlag, der gerade seine ersten drei Titel verramscht.

 

Trump, Erdogan, Putin

Thomas Assheuer vermerkt in der ZEIT, wie wenig Jean Baudrillard vom Medienkonsum des Narzissten Trump ahnen konnte. Arlie Russell Hochschild hat eine fünfjährige „Reise ins Herz der amerikanischen Rechten“ unternommen und berichtet im Buch „Fremd in ihrem Land“ über das Mindset der Trump-Wähler und Tea-Party-Anhänger. Die NZZ empfiehlt die Lektüre. +++ Genauso kann man sich auch fragen, warum so viele Türken auf Erdogan abfahren: Die FAZ verweist dazu auf Baha Güngörs Buch „Atatürks wütende Enkel“. +++ Und Russland? Der weißrussische Autor Viktor Martinowitsch erklärt in der ZEIT, man könne die Begeisterung der Russen für Putin nur durch deren Belletristik verstehen.

 

Islamischer Antisemitismus

Nach Trumps einsamer Entscheidung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, kam es weltweit zu Protesten, die auch in Deutschland einen spezifischen Antisemitismus erkennen ließen. Der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi erklärt in der FR, wie Muslime systematisch zu Judenhassern erzogen werden und rät ihnen, endlich aus der Opferrolle herauszutreten und Verantwortung zu übernehmen. Justus Bender dagegen schreibt in der FAZ, wie man seinen Kindern Antisemitismus, Islamophobie und den Nahostkonflikt erklärt.

 

Das Weitere und Engere

Auf Youtube wird gerade der Kurzfilm „Rat Race“ gern geguckt, der die moderne urbane Arbeitswelt gerade deshalb so erschütternd kenntlich macht, weil deren Gefangene durch arme Viecher dargestellt werden:

Liebe auf den ersten Blick? Gibt es nicht, sagt eine psychologische Studie, über die die SZ berichtet. +++ Stephan Wackwitz portraitiert für die taz den deutsch-georgischen Schriftsteller und Philosophen Giwi Margwelaschwili, der u.a. die noch offenen Fragen in Heideggers Sein & Zeit beantwortet hat, zu seinem 90. Geburtstag. +++ Im 17. Jahrhundert trieben Neugier und eine „Ästhetik des Exotischen“ allerhand Gelehrte in nicht-lateinische Textwelten, wie Martin Mulsow kurz in der FAZ notiert. +++ Die SZ unterhält sich mit Catherine Newmark über das philosophische Konzept der Macht in der Star-Wars-Filmreihe. +++ Der Tagesspiegel informiert, dass der 37-jährige Anthony Levandowski im Silicon Valley eine neue Religion namens „Way of the Future“ begründet hat, in der die superintelligenten Maschinen die Rolle des Heilsbringers übernehmen. +++ In San Francisco hatte ein Überwachungsroboter bereits seinen Karfreitag: Wie Telepolis meldet, wurde der Stasi-R2D2 mit Grillsauce eingeschmiert und auf den Rücken geschubst. +++ Teamwork: Die SZ hat die acht angesagtesten Verschwörungstheorien (vom großen Austausch bis George Soros) zusammengestellt und die ZEIT sieben Fakten gegen Verschwörungstheorien.

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