Links der Woche, rechts der Welt 49/17

Said weglegen, Homeland gucken

„Wann ist Ihnen im Kino zuletzt ein Araber begegnet?“, fragt die ZEIT den Georg Seeßlen zum Auftakt eines Gesprächs über den Orientalismus in Hollywood. Die alte exotische Projektionsfläche für westliche Männerphantasien ist der Orient längst nicht mehr, doch der Araber als Filmbösewicht ist immer noch ganz anders als der Deutsche oder Russe. (04.12.17)

 

In die Einkaufstüte gelogen

Die Shopping-Jahreszeit ist angebrochen: Marlen Hobrack macht in der ZEIT aus, wie schwer der Konsumverzicht ohnehin schon ist und wie viel schwerer bis unmöglich er durch den neuen Trend des „bewussten“ oder „nachhaltigen“ Konsums wird, der noch dazu durch falsche politische Anreize befördert wird. (04.12.17)

 

Der perfekte Bürger ist künstlich

Im Oktober wurde der Androidin Sophia die saudische Staatsbürgerschaft verliehen und auch sonst tut sich gerade einiges in Sachen KI (siehe Links von letzter Woche). Roland Benedikter wundert sich bei Telepolis, warum Sophia als bloßes Gadget unterschätzt wird, obwohl Leute wie Elon Musk, Bill Gates und Stephen Hawking vor der technologischen Überwindung des Menschen warnen, die gerade in illiberalen Staaten vorrangetrieben wird. (06.12.17)

 

Kann der Mensch überhaupt, was er nicht sollte?

Otfried Höffe plädiert in der NZZ für die Rückbesinnung auf die oft geschmähte philosophische Anthropologie. Die nämlich wäre angesichts der Gefahr, mit der modernen Pharmazie, Medizin und Technik das Wesen des Menschen dranzugeben, nötiger denn je. Denn ein freies Wesen, das sich sein Zuhause macht, ist und bleibt auch der durchleuchtete, optimierte Mensch. (06.12.17)

 

Die scheinbaren Sachzwänge

Für Telepolis unterhält sich Marcus Klöckner mit dem Soziologen Oliver Decker, der eine entsprechende Studie unternommen hat, über Medienmisstrauen und den Folgen für die Demokratie. Der Glaubwürdigkeitsverlust ist nicht so hoch wie er auf PEGIDA-Demos wirkt, aber um die Teilhabe an der Demokratie ist es dennoch nicht gut bestellt. (07.12.17)

 

Radio

Das philosophische Radio im WDR 5 bereitete gestern schon einmal den 2018 anstehenden 200. Geburtstag Karl Marxens vor, indem Jürgen Wiebicke mit Ulrike Herrmann über die Aktualität des Trierer Anwaltssohns spricht. Im DLF gab es bei Essay und Diskurs von Marleen Stoessel Hochinteressantes über die Gastfreundschaft zu hören; morgen früh ab 9:30 Uhr geht es um Slapstick. Heute Abend ab 23:05 Uhr kommt im DLF die Lange Nacht über Johann Joachim Winckelmann (1717–1768). Bei Sein und Streit ging es zuletzt um Hannah Arendt und morgen Mittag um politische Korrektheit.

 

Bücher

Robin Celikates hat für das Theorieblog David Millers „Fremde in unserer Mitte“ gelesen, worin versucht wird, das „staatliche ‚Recht auf Ausschluss’ philosophisch zu untermauern“, und illusorische Konsequenzen gezogen werden. +++ Die NZZ bespricht fasziniert Thomas Machos Buch über Wahrnehmung und Realität des Suizids als Maßgabe der Moderne. +++ Geschenke für Leute, die schwer zu beschenken sind: Das Futility Closet hat in zwei Büchern seine schönsten Kuriositäten aus 13 Jahren versammelt und ein Lichtwolf-Abo lässt sich auch zu Weihnachten verschenken.

 

Luhmann 90

Zu seinem 90. Geburtstag erfährt der Soziologe Niklas Luhmann allerhand Würdigungen. In der WELT wirft Marc Reichwein 24 Schlaglichter auf Leben, Werk und politische Einschätzungen Luhmanns – in Gestalt eines Zettelkastens (oder Adventskalenders….). Norbert Bolz lobt in der NZZ, wie Luhmann durch die Austreibung des Menschen aus seiner Systemtheorie Platz für die Individuen der Weltgesellschaft gemacht hat.

 

Sonstiges

Florian Roth überlegt in der taz, ob Demokratien resilient genug sind, um mit dem wachsenden Rechtsextremismus fertigzuwerden, und sucht Rat bei der Katastrophenforschung. +++ Minka Schneider, die Chefredakteurin der deutschen Ausgabe von Charlie Hebdo, schreibt im Freitag ohne Reue über die inhaltlichen und produktspezifischen Schwierigkeiten, die zur Beendigung des Export-Experiments führten. +++ Ute Cohen zeigt sich ebenfalls im Freitag schwer enttäuscht bis genervt vom braven Kursbuch „Frauen II“, das 40 Jahre nach „Frauen“ erschienen ist. +++ Die FAZ weist auf Douglas Husaks Argumente dafür (und Probleme daraus) hin, dass es unmoralisch ist, Leute zu bestrafen, die nichts von dem Gesetz wussten, gegen das sie verstoßen haben.