Gesichtsverluste in Milch und Marmor

Die Vorderseite unseres Kopfes dient nicht allein der Wahrnehmung. Mit ihr drücken wir Empfindungen aus, zeigen und verbergen Emotionen. Die Wahrung des Gesichts ist eine Kunst – und mitunter auch Thema derselben.

von Michael Helming

 

Augen, Mund und Nase. Ein Kind schaut in die Kamera. Jetzt klatscht ihm ein Schwall Joghurt an die linke Wange. Kaum eine Rührung. Nur andeutungsweise verzieht sich die Mimik. Sie bricht innerhalb von ein, zwei Sekunden rasch in Facetten zwischen Lachen, Furcht, Ekel und Weinen. Dann fängt irgendetwas die fallenden Gebärden auf, einem Netz ähnlich, wie es den Trapezkünstler nach einem Fehlgriff aus der Leere der Schwere fischt. Bereits im nächsten Moment geht der Blick – als wäre nichts gewesen – wieder scheinbar ungerührt oder sogar lachend geradeaus. Schnitt.

„Das Gesicht ist nicht die Sonne“, schreibt Platon in der Πολιτεία (508a8 f.). Jedoch fügt er hinzu, es sei das „sonnenähnlichste […] unter allen Werkzeugen der Wahrnehmung.“ Wo Platon den Empfänger betont, darf man auch den Sender erwähnen, da jedes Gesicht seine individuelle Ausstrahlung besitzt, die so wechselhaft sein kann wie das Wetter. Eine Reihe von Metaphern zeigt das Gesicht einerseits als Spiegel unserer Seele oder unseres Herzens und andererseits schlicht als Verräter. Letzterer ist eine doppeldeutige Figur; mal plaudert er eigene Geheimnisse aus, mal täuscht er die Gegenseite. Für Cicero ist das Angesicht ein Abbild des Hirns. Einen weiteren Tropus identifiziert Jürgen Manthey: „Das Gesicht, diese erogene Zone des Schautriebs, verhält sich […] zur totalen Erscheinung – die sich hinter den Kulissen des sinnlich Wahrnehmbaren noch fortsetzt – im Sinne eines Substituts, es ist eine Metynomie.“ Offensichtlich sind Gesichter wandelbare Fronten, Fassaden, die den weiten emotionalen Kontext dahinter entweder zeigen oder verbergen. Gesichtsausdrücke gleichen zuweilen in ihrer Ambivalenz der Bedeutung von Begriffen – sie werden umso undurchdringlicher und unschärfer, je mehr man sich in sie vertieft. Auch physiognomische Kategorien bleiben an der Oberfläche, sie bilden den Sinn mimischer Signale nicht immer korrekt, geschweige denn umfassend ab. Manchmal schafft Abstraktion Klarheit; simpelste Methoden der bildenden Kunst, die Augenblicke festhalten, vergleichen, herausarbeiten und eingrenzen; denn Gesichter können alles und nichts sagen, unmöglich-wahrscheinliche Paradoxien sein, lebender Marmor.

Würde, Stolz und Ehre

Artikel 1 des Grundgesetzes lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Würde ist eine ethische Kategorie, die ihrem Besitzer eine einzigartige Seinsbestimmung zugesteht. Sie wurzelt in jedem Individuum und bleibt dabei demütig passiv, ist darauf angewiesen, dass andere sie anerkennen. Begriffe wie Ehre und Stolz dagegen sind überaus aktiv; sie fordern Anerkennung und Sanktionen gegen Frevler, die sie missachten. Das Christentum leitete die Würde des Menschen vom Ebenbild Gottes her. Giovanni Pico della Mirandola war es, der den Begriff jener spezifischen Würde über die Natur des Menschen definierte, über die Freiheit des Einzelnen, sich sein Wesen selbst zu erschaffen; eine Leistung, die gar nicht hoch genug gewürdigt werden kann. Kant dehnte die individuelle Würde mit Hilfe der Vernunft auf die gesamte Menschheit aus, wobei er – wohl unabsichtlich – die Verbindung der Würde mit Titeln, Ämtern und Besitz förderte. In dieser Verschränkung liegt ein möglicher Urgrund für die häufige Verwechslung und Vermischung der Begriffe Würde, Stolz und Ehre. Dabei sollte zumindest klar sein: für die beiden letzteren muss man selbst etwas geleistet haben, für die nackte Menschenwürde hingegen nicht; sie fällt einem – wie bereits überdeutlich gesagt – passiv zu. Darüber hinaus sind Stolz und Ehre keine ethischen, sondern – auch ihres selbstzufriedenen Egoismus wegen – emotionale, letztlich ästhetische (Ästhetik war bis zu Kant noch Lehre der Wahrnehmung, nicht des Schönen!) Kategorien. Demnach definieren sich Stolz und Ehre pathetisch, affektiv und tendentiell eher subjektiv; die Würde dagegen erscheint rational und objektiv. Komplex und unscharf sind sie alle drei.

Gleichfalls verschlungen und nur schwer fassbar ist der Begriff des Gesichtsverlustes. Er bezeichnet primär das abrupte Sinken des eigene Ansehens – doch was ist Ansehen? Und was soll darüber hinaus das „eigene Ansehen“ sein? Man kann sich ohne Hilfsmittel nicht selbst ansehen, zumindest nicht ins Gesicht; man sieht also nie ein unmittelbares Bild des Eignen. Körper, Seele und ein wie auch immer ersonnenes Ich bleiben seinem Besitzer unsichtbar. Das eigene Ansehen ist also ein Paradoxon und die Definition des Ansehens verknüpft sich mit dem – ausschließlich durch andere geprägten – Ruf oder Prestige. Letzteres, ein Lehnwort aus dem französischen, steht für Geltung und geht seinerseits auf die lateinischen Ausdrücke praestigium (=Vorzeichen) und praestigiae (= Gaukelei, Blendwerk) zurück. Für das Wort Ansehen kennen wir unzählige Synonyme wie Image, Leumund, Rang, Anerkennung, Profil, Position, Stellung, Einfluss, Haltung, Persönlichkeit, Gunst, Nimbus, Respekt, Relevanz, Anstand, Vornehmheit oder Autorität. Schnell fällt auf: In diesen Begriffen vermengen sich objektive Betrachtung und subjektive Empfindung – Stolz, Ehre und Würde. Ansehen ist demnach ein Cocktail aus Ethik und Ästhetik und wo beide für sich genommen bereits vielschichtige Termini darstellen, bringen sie zusammengeworfen noch weniger Klarheit.

(Photo: Michael Helming)

(Photo: Michael Helming)

Wenn aber Wittgenstein mit seiner Behauptung: „Ethik und Ästhetik sind Eins.“ (6.421) recht hat, dann sind auch die Fragen danach, was der Mensch tun soll, um er selbst zu sein, und was schön ist, eins. Damit spulen wir zurück zur anfangs erwähnten Videoinstallation. Sie stammt von Tseng Yu-Chin, einem Künstler aus Taiwan, der in Deutschland durch die Teilnahme an der documenta 12 (2007) bekannt geworden ist. Er arbeitet vor allem mit Film- und Videoinstallationen. Seine großen Themen sind Spiel und Körperkontakt, aber auch verlorene Geborgenheit, Scham und nicht zuletzt Verletzlichkeit. Die Arbeit „Who’s Listening? 1“ entstand in den Jahren 2003 und 2004. Sie zeigt in knapp acht Minuten eine Reihe von Schuljungen und -mädchen, die vor einer Wand stehen und Milch oder Joghurt ins Gesicht geworfen bekommen. Interessant sind nicht nur die Momente vor der Attacke, wie die Kinder erwartungsvoll dastehen und mal ängstlich, mal freudig grinsend in die Kamera schauen. Vor allem das Ereignis selbst, die künstlerisch verharmloste Verletzung ihrer Intimität fesselt den Betrachter. Die Knirpse wollen jede Reaktion unterdrücken, das Gesicht wahren. Diese Art Selbstdisziplin hat ihnen die Gesellschaft früh vermittelt: Was immer auch geschieht, nimm niemals das Gesicht ab! Mach lieber eine Maske daraus! Es geht um deinen Stolz, deine Ehre – Würde! Die Aneignung dieser Sichtweise provoziert emotionale Zwänge, ungewollte Regungen, Ausbrüche. Und auch hier scheitern letztlich alle Mühen; die Kinder im Video lächeln, sie lachen sogar. Lachen ist ein expressiver Platzhalter. Wir lachen eben nicht nur, wenn etwas schön oder lustig ist. Wollen wir den Mitmenschen Scham, Angst oder Trauer nicht zeigen, lachen wir zuweilen unkontrolliert. Dreiundvierzig Muskeln sind an unserem Mienenspiel beteiligt. Unmöglich, sie im Zaum zu halten. Schnitt.

Gesichtswahrung in Asien und überall

Nicht nur in China, dem sprichwörtlichen Land des Lächelns, auch im übrigen Asien und in der westlichen Welt ist Gesichtsverlust, je nach Blickwinkel, ein Thema oder ein Tabu. Das Angesicht ist nicht allein individuell, es ist zudem höchst privat, empfindsam und ausdrucksstark. Nirgends am menschlichen Körper liegen so viele Nervenzellen dicht beieinander. Im Gesicht sitzen unsere wichtigsten Sinnesorgane. Es ist zugleich Ort der aktiven Wahrnehmung und des passiven Wahrgenommenwerdens. Die Erkennung und Erinnerung von individuell unterschiedlichen Gesichtern spielt im sozialen Bereich eine zentrale Rolle. Wir sind seit Urzeiten auf die Analyse der Struktur „Augen-Mund-Nase“ getrimmt. Das geht so weit, dass wir mitunter Gesichter zu sehen meinen, wo keine sind, zum Beispiel in gewöhnlichen Alltagsgegenständen – unser Hirn konstruiert Pareidolien. Der Verlust des Gesichts ist nicht nur mit der Aufgabe von Identität verbunden, sondern zugleich mit der Einbuße von Würde, Ehre und Stolz. Das gilt traditionell besonders für männliche Wesen, wie die Redewendungen „Boys don’t cry!“ oder „Ein deutscher Junge heult nicht!“ zeigen. Vermutlich gehört die Wahrung des Gesichts in allen Gesellschaften rund um den Globus zu den wichtigsten Disziplinen der Selbstbeherrschung. Das Gesicht wahren soll heißen, die soziale Anerkennung unseres Gegenüber zu erhalten – wir legen seine Schwachstellen nicht bloß. Zugleich verbergen wir unsere Schwächen, halten unsere Reputation aufrecht. Verletzlichkeit und Schutzlosigkeit besitzen dabei hohen Stellenwert: Wer jemandem das Gesicht nimmt, verliert dabei mitunter sein eigenes. Damit liegt das Risiko für einen Angriff hoch, da mit dem Gesicht der persönlichste Ausdruck des Selbst fällt. Sind jedoch, allen Bemühungen zum Trotz, durch wessen Schuld auch immer, die letzten Grenzen von Respekt und Anstand gefallen, wird der soziale Super-GAU nur noch dadurch verhindert, dass man den Anschein aufrecht erhält; man wahrt das Gesicht, indem man lächelt – selbst noch nach totaler Demütigung, nach dem niederschmetternden Treffer direkt in die Schnauze.

Der Schlag im Werk von Tseng Yu-Chin ist symbolisch. Obwohl die Kinder wissen, dass dies keine ernste Situation ist, können sie ihre Mimik nicht unter Kontrolle halten. An den Darstellern in „Who’s Listening? 1“ wird eine grobe Grenzverletzung demonstriert, ihnen wird ins Gesicht gefasst. Im wahren Leben geschieht das verbal oder physisch, manchmal durch Zeichen subtiler Opposition, aber eben immer real. Der Leser überlege für sich: Selbst wenn es zärtlich gemeint wäre, welchen Leuten in seinem Umfeld würde er ohne Vorbehalt und Zaudern gestatten, sein Gesicht zu berühren? Den Personenkreis kann vermutlich jeder an einer Hand abzählen. Das Gesicht ist die Zone absoluten Vertrauens, für die Allgemeinheit unantastbar; es ist Sitz unserer Würde – oder doch nur ein Schalter unseres Stolzes, unserer Ehre?

Die platonische Gesichtswende

In der klassischen europäischen Kunst gibt es Gestalten, die einander gern mal beherzt in die feisten Hackfressen langen: Putten. Die leicht bekleideten Knäblein dienten im Barock, wo sie inflationär – vor allem als Musiker, Claqueure und Bannerträger – auftraten, meist nur dekorativen Zwecken. Traditionell haben sie jedoch oft allegorische Funktion, ob nun mit oder ohne Flügel. Darstellungen von – gelegentlich auch schon kämpfenden – Kindern sind seit der Antike bekannt. So sind die Buben auf Sarkophagen tätig – auf einem in Split zu sehenden Exemplar helfen sie bei der Traubenernte – oder sie stehen Darstellungen von Gottheiten bei, zieren Mosaiken, Reliefs, Gemälde, Kriegsgerät oder Alltagsgegenstände wie Vasen und Öllampen. Die griechische Mythologie stellte dem Eros, dem Gott der zeugenden Liebe, einen Bruder zur Seite: Anteros, den Gott der erwiderten Liebe. Der wirkte über Jahrhunderte unterstützend, verstärkend.

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Lichtwolf Nr. 60

Lichtwolf Nr. 60 („Ins Gesicht“)

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