Links der Woche, rechts der Welt 47/17

Ein durch und durch ernüchtertes Europa

Matthias Nawrat stellt in der ZEIT mit ziemlichem Unbehagen fest, „dass der moderne Kapitalismus nicht notwendigerweise gemäß humanistischer Werte agiert und die menschliche Würde fördert, sondern nur neue Märkte erschließt und neue Abhängigkeiten schafft.“ Bei Kant und in der Kirche sucht und findet er dagegen eine humanistische Utopie. (19.11.17)

 

Klimaethik wäre Menschenrechtsethik

Für die FR unterhält sich Michael Hesse mit Dieter Birnbacher über Moral und Verantwortung in Bezug auf die Folgen des Klimawandels, der Ethik-Klassiker wie die Zuschreibung von Verantwortung nach dem Verursacher-Prinzip fraglich macht und zugleich unsere moralische Kurzsichtigkeit demonstriert. (21.11.17)

 

Sokratischer Schabernack heute

Whitney M. Phillips hat das Standardwerk über Online-Trolle geschrieben, deren einzige Freude es ist, anderen im Netz das Leben schwer zu machen. Für das Uniblog der FAZ hat sich Felix Simon mit ihr darüber unterhalten, wie digitalkapitalistische Strukturen asoziales Verhalten begünstigen, wie sich dieses in den letzten Jahren entwickelt hat und welchen Beitrag Schopenhauer dazu lieferte. (22.11.17)

 

Selbstkritik statt Populismusvorwurf

Hans Ulrich Gumbrecht wirft in der NZZ den Studenten und Intellektuellen, die gegen Trump protestieren, einen überheblichen Jakobinismus vor, in dem sie versäumen, sich um die Trump-Wähler zu kümmern, die bis vor einem Jahr „keinerlei politische Lobby“ hatten und sich nicht mehr erzählen lassen wollen, was ihre objektiven Interessen wären. (25.11.17)

 

Das Aspirin der Psychiatrie

Keiner weiß, wie es funktioniert, aber das schlichte Element Lithium ist ein wahres Wundermittel gegen bipolare Störungen und suizidale Depressionen (vielleicht sogar gegen Demenz), lobt Michael Brendler in der FAZ. Manche Experten fordern gar, generell das Trinkwasser mit Lithium anzureichern. (25.11.17)

 

Radio

Bei Sein und Streit ging es letzte Woche u.a. auch um die Philosophische Praxis des Schweizers Harry Wolf. Am morgigen 26.11.2017 steht ab 13:05 Uhr der Tod im Mittelpunkt der Sendung von Deutschlandfunk Kultur.

Auch unter Informatikern ist man nicht einhellig begeistert über die Aussicht auf autonome Killermaschinen, so etwa die Informatikerin Katharina Zweig im DLF-Interview oder die Macher des darin erwähnten Videos, das eine glorreiche Zukunft zeigt, in der jeder jeden mittels einer Hand voll Killerdrohnen anhand seines Datenprofils aufspüren und töten lassen kann:

 

Bücher

Die NZZ bespricht Mark O’Connells Reportageband über den Menschheitstraum von der Unsterblichkeit, seine transhumanen Umsetzungsversuche und die seltsamen Gestalten dahinter. +++ Stephan Lessenich zeigt sich in der FAZ ziemlich genervt vom „offenbar zügig dahingeschriebenen“ Leitfaden „Mit Rechten reden“ der drei „Volkspädagogen“ Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn. +++ Die ZEIT unterhält sich mit Kate Manne, die in ihrem Buch „Down Girl – The Logic of Misogyny“ Frauenfeindlichkeit aus philosophischer Perspektive erklärt.

Sonstiges

Andreas Zielcke macht sich in der SZ angesichts der „Paradise Papers“ Gedanken über die moralische Beurteilung von Steuerflucht und -vermeidung. +++ Leonie Seng beklagt in den SciLogs, die deutschsprachige Philosophie sei ziemlich humorlos, und sammelt einige Gegenbeispiele, unter denen sich auch eine sehr gute Zeitschrift befindet! +++ #meToo in der Philosophie: Letzte Woche ging es hier um Brian Leiters Hinweis auf die Vorwürfe Heidi Howkins Lockwoods an Richard Heck, er habe sie am Rande einer Konferenz sexuell bedrängt. Heck bestreitet diese Vorwürfe und bezweifelt Lockwoods Glaubwürdigkeit. +++ Übrigens ist heute Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen, woran der Freitag erinnert. +++ In Würzburg sollen Studis für zwei Euro eine Theater-Flatrate bekommen, schreibt die WELT, aber das dortige Studentenwerk ist misstrauisch. +++ Falls Sie in Wien sind, gucken Sie sich doch Julian Pölsler Inszenierung des zeitgemäß aktualisierten Trolley-Problems als Mitmachdrama „Terror“ (mit rein weiblicher Besetzung) in den Kammerspielen an. Der Standard findet das Stück gut und bietet dazu gar Trailer und Onlineumfrage an.

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