Links der Woche, rechts der Welt 46/17

Erkenntnis und Selbstbestimmung

Sind die humanistischen Werte wirklich universell – oder ist das moralischer Imperialismus des Westens? Hans Widmer blickt auf die entsprechende Debatte in der NZZ zurück und zählt die historischen Zufälle auf, die die Aufklärung, die überall nur eine Frage der Zeit sei, in Europa möglich machten. (15.11.17)

 

Postkoloniale Selbstherrlichkeit oder Gerechtigkeit?

Darf Milo Rau als weißer Theatermacher in den Kongo fahren, um einen Gerichtshof zu inszenieren, den es dort nicht gibt? Dorothea Marcus listet in der taz alle möglichen Kritikpunkte an Raus Dokufilm „Kongo-Tribunal“ auf, um dann zum Schluss zu kommen, dass diese Anklage des Raubtierkapitalismus im Namen seiner kongolesischen Opfer es wert ist. (16.11.17)

 

Europa aus der Akademie

Jeremy Adler kritisiert in der NZZ die Reaktionen auf die EU-Krise namens Brexit: Eine engere Bindung innerhalb Europas ist der Rückzug auf eine veraltete Position. Selbst Macrons Vision eines Europas „vom Ural bis zum Atlantik“ gehe nicht weit genug: Ein Netz von Akademien mit Zentrum in Griechenland könnte eine wahre europäische Identität schaffen. (17.11.17)

 

Was ist das Bewusstseins des Bewusstseins?

Neurowissenschaftler zeigen ihre Bilder von leuchtenden Hirnarealen, aber einer Erklärung für das Bewusstsein scheinen wir nicht näher gekommen zu sein, bemerkt Eduard Kaeser süffisant in der NZZ. Stattdessen dröselt er die Frage nach dem Bewusstsein als Folge eines durch den Leib-Seele-Dualismus gestörten Weltverhältnisses auf, das immerhin viel Forschungsliteratur und „einen hochdotierten Debattentourismus“ ergibt. (17.11.17)

 

Projektionsfläche für Intellektuelle

Für die FR führt Michael Hesse ein Interview mit dem Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar über die RAF, ihre historische Bedeutung, die Rolle des Antiimperialismus bei den Anschlägen und die Reaktionen darauf seitens des Staats und Jean-Paul Sartres. (17.11.17)

 

Kein „Sex-Camp im Stasi-Lager“ (SuperIllu)

Jana Weiss hat für die ZEIT eine hundertköpfige Kommune im brandenburgischen Bad Belzig besucht. Das „Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung“ will „mit Liebe die Welt heilen“: Teilen statt Gemeineigentum, Kleinfamilie und Polyamorie, schwierige intellektuelle Wurzeln, Bio-Selbstversorgung und Seminare für erschöpfte Großstädter als Einnahmequelle. (18.11.17)

 

Lichtspiele

Kontrafaktische Nazi-Stoffe gegen postfaktische? Die Amazon-Serienadaption The Man in the High Castle“ nach einer Geschichte von Philip K. Dick erfreut sich anhaltender Beliebtheit. Die FAZ weist eher halb begeistert auf den Import der BBC-Miniserie „SS-GB“ zum Spartensender RTL Crime hin. Die Produktion basiert auf dem Roman von Len Deighton, in dem die Nazis die Schlacht um England gewonnen haben. Diesen und weitere kontrafaktische Nazi-Romane hat Bdolf übrigens mal in LW45 und LW46 zusammengestellt. Wer selbst Hand anlegen will bei der Befreiung der 50er-Jahre-USA von der Besetzung durch NS-Cyborgs, spiele „Wolfenstein II: The New Colossus“, in dem der Holocaust nicht vorkommt, wie die taz bemängelte, und das mit diesem Trailer angekündigt ward:

Man muss nicht alle Serien gucken bzw. „bingen“: Felix Neumann ist nach den ersten beiden Folgen optimistisch bzgl. des jüngsten Star-Trek-Ablegers „Discovery“, worin die „identitären Klingonen im Krieg mit der universalistischen Föderation“ liegen. Dietmar Dath beschreibt in der FAZ die Comicadaption „The Punisher“ auf Netflix als „Batman für Bekloppte“. Dagegen scheint die von arte France produzierte Science-Fiction-Serie „Im fremden Körper“ bei den Leib-Seele-Dualisten der FAZ gut anzukommen. Wie üblich sendet arte das Zeug fast am Stück weg, alle sechs Teile sind auch schon in der Mediathek.

Apropos arte: Die FAZ empfiehlt auch die gestrige Doku über Hippies in der Sowjetunion.

 

Radio

Jürgen Wiebicke unterhält sich im philosophischen Radio auf WDR 5 mit Marie-Luise Luisa (Künstlername?) über den Streit als Triebmittel der Demokratie. Bei Sein und Streit im Deutschlandfunk Kultur ging es um den südamerikanischen Befreiungsphilosophen Enrique Dussel, die Psychoanalyse des Ressentiments und Jamaika. Morgen Mittag werden ebd. Thea Dorn und Georg Diez die #metoo-Debatte als „moralischen Totalitarismus“ hinstellen und einen weiteren wichtigen Beitrag zur Bedeutungslosigkeit von Begriffen leisten. Und im DLF gibt es heute ab 23:05 Uhr die Lange Nacht über Fernfahrer. Huuup!

 

Bücher

Bei Glanz & Elend bespricht Jürgen Nielsen-Sikora das Buch „Gesellschaft als Urteil – Klassen, Identitäten, Wege“, mit dem Didier Eribon soziologisch-philosophisch an seinen Bestseller „Rückkehr nach Reims“ anschließt. +++ Die NZZ ist ganz begeistert von der Neuübersetzung, die Kurt Steinmann von Homers „Ilias“ vorgelegt hat. +++ Demokratie – Konflikt – Freiheit: Die FR empfiehlt Franziska Meiforts Biographie über den Liberalen und Soziologen Ralf Dahrendorf. +++ Zur 40. Wiederkehr der Veröffentlichung von Klaus Theweleits „Männerphantasien“ lobt Matthias Heine in der WELT diesen antiquarischen Klassiker der 68er-Literatur. +++ Zehn Jahre vorher, also vor einem halben Jahrhundert, erschien Guy Debords „Die Gesellschaft des Spektakels“; Stefan Weiss würdigt im Standard das Werk, das von heute unveränderter Aktualität ist.

 

Zensur und Schweigen

Der Wissenschaftsverlag Springer Nature hat china-kritische Fachartikel aus seinem Internetangebot genommen und wird für sein Einknicken vor Chinas Zensurbehörden kritisiert, meldet der DLF. +++ In Berlin wiederum steht ein Gedicht Eugen Gomringers an einer Uni-Fassade und gilt dem dortigen AStA als sexistisch, weshalb dieser es entfernen lassen will. Über den Stand der Dinge berichtet die WELT. +++ Im Blog aisthesis geht es anhand diverser Feu-Äußerungen und Neuerscheinungen um die Moralisierung der Diskurse zwischen ratlos-hysterischer Linker und cool auftrumpfender Rechter. +++ Es sollte niemanden überraschen, dass auch in der schönen Glitzerwelt der akademischen Philosophie Fälle von sexueller Belästigung öffentlich werden. Brian Leiter gibt in seinem Blog die Aussage einer Betroffenen wieder und verlinkt Martha Nussbaums Konferenztext zum Thema.

 

Sonstiges

Im Uniblog der FAZ unterhält sich Samuel Kramer mit zwei Mitgliedern der Minderheit der studierenden Eltern darüber, wie die Uni familienfreundlicher werden kann. +++ Das Multitalent Ludwig Wittgenstein hat auch eine Skulptur geschaffen, die allerdings nicht so bald in Ausstellungen außerhalb Wiens zu sehen sein wird, wie der Standard berichtet. +++ Apropos Skulptur: In der FR würdigt Arno Widmann zum 100. Todestag den französischen Bildhauer Auguste Rodin, dem alle, die was mit Philosophie machen, das einschlägige Symbolbild verdanken (das Sie sich hier für Ihren Desktop runterladen können).

Wallpaper (1280x1024px)

Die guten Gegenfrage zum Schluss findet sich im Futility Closet.

One comment on “Links der Woche, rechts der Welt 46/17
  1. Pingback: Lichtwolf | Links der Woche, rechts der Welt 47/17

Schreiben Sie einen Kommentar